Renault lässt dem im April angekündigten Stellenabbau Taten folgen. Der französische Autohersteller hat am Mittwochabend ein Programm für freiwillige Abgänge für Ingenieure in Frankreich vorgestellt. 800 von 5500 sollen bis Ende kommenden Jahres den Konzern verlassen. Insgesamt beschäftigt Renault derzeit auf der Welt rund 11.000 Ingenieure. Die im April vorgestellten Pläne sehen vor, ihre Zahl um 15 bis 20 Prozent zu reduzieren.Strukturen sollen schlanker, Kompetenzen neu ausgerichtet, und die „Umsetzungsgeschwindigkeit“ soll erhöht werden, erklärte die Renault-Geschäftsführung nun. Das sei angesichts der wachsenden Konkurrenz aus China das Gebot der Stunde. „Die chinesischen Hersteller bauen ihre Marktanteile in Europa derzeit deutlich aus: 2024 lagen sie noch unter drei Prozent, Ende Mai betrugen sie schon 8,8 Prozent“, sagte Technikvorstand Philippe Brunet in einem Pressegespräch. Renault müsse angesichts dieser Konkurrenz wettbewerbsfähig sein.Elektro-Strategie richtet sich nach europäischer NachfrageDie Franzosen sind stark abhängig vom europäischen Heimatmarkt. Rund 70 Prozent ihrer Autos verkaufen sie hier. Ein US- und China-Geschäft hat Renault dagegen nicht. Das hat Folgen für die Antriebsstrategie. Während die beiden anderen großen europäischen Volumenhersteller Volkswagen und Stellantis mehrgleisig fahren müssen, ist Renaults Elektrifizierungskurs stark auf die europäische Regulatorik und Nachfrage ausgerichtet. Im Jahr 2030 sollen 50 Prozent der Fahrzeuge, welche die Stammmarke in Europa verkauft, vollelektrisch sein und die übrigen 50 Prozent Hybridantriebe haben.In der Renault-Geschäftsführung sieht man die aufstrebenden Hersteller aus Fernost gleichwohl nicht nur als Konkurrenten. Vielmehr haben die Franzosen schon vor einer Weile entschieden, die Fähigkeiten der Chinesen auch für sich nutzbar zu machen. Zu diesem Zweck gründete Renault 2024 das Advanced China Development Center (ACDC). Das Ziel: den neuen vollelektrischen Kleinwagen Twingo in einer bis dato ungekannten Geschwindigkeit entwickeln. So wie die Europäer einst die revolutionäre Fließbandproduktion von Henry Ford imitierten, müsse man heute von China lernen, lautete die Devise des damaligen Vorstandsvorsitzenden Luca De Meo, an der sein Nachfolger François Provost festhält.Neuer Twingo in Rekordzeit in China entwickeltNach der Gründung von ACDC, eine lokale Tochtergesellschaft von Renault in China, haben die Franzosen Mitarbeiter in die Provinz in der Nähe von Shanghai geschickt. Sie sollten gemeinsam mit den Chinesen ein neues Auto nicht in vier, sondern in weniger als zwei Jahren entwickeln. Das Ziel wurde erreicht. Seit Anfang dieses Jahres ist der neue Twingo zum Einstiegspreis von 19.490 Euro im Handel. In der Pariser Konzernzentrale verbucht man das Projekt als Erfolg. ACDC habe die „Entwicklungskapazitäten deutlich gestärkt“. Das Tempo und die Arbeitsmoral der Chinesen seien überwältigend, bekommt man auch von Renault-Ingenieuren zu hören. Sechstagewochen mit Arbeitszeiten von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends seien keine Seltenheit.Der neue Twingo beweise, dass sich ein Auto deutlich schneller entwickeln und trotzdem in Europa produzieren lasse, erklärt man bei Renault weiter; vom Band läuft er im slowenischen Novo mesto. Diesen Erfolg will man nun bei weiteren Modellen wiederholen: bei einem vollelektrischen Fahrzeug aus dem A-Segment der Konzernmarke Dacia, das sogar in nur 18 Monaten entwickelt werden soll, sowie einem Fahrzeug für den Partnerhersteller Nissan. Zudem will Renault das Gelernte sukzessive auf seine Standorte in Europa übertragen, auch auf die hiesigen Zulieferer. Die Entwicklungszeit aller neuen Fahrzeuge der Renault-Gruppe soll sich generell um 30 Prozent verkürzen. Bis zum Jahr 2030 sollen bei Renault alle neuen Projekte über den „Fast-Track-Prozess“ entwickelt werden, das heißt: mit einer durchschnittlichen Entwicklungsdauer von 24 Monaten.Etwa 170 Mitarbeiter sind derzeit für ACDC tätig. Dazu zählen lokale Fachkräfte ebenso wie aus Frankreich entsandte Ingenieure. ACDC bündelt nach Renault-Angaben alle Funktionen, die vom chinesischen Markt profitieren können. Dazu zählten neben der Entwicklung auch der Einkauf und die Kostenanalyse. Es gebe „drei zentrale Aktivitäten“: die Markt- und Technologieanalyse, also die Beobachtung von Trends im Bereich Elektromobilität sowie die Analyse von Kundenverhalten und Nutzungsmustern, die Lieferantensuche, das heißt die Auswahl wettbewerbsfähiger Zulieferer und die Optimierung des Lieferantennetzwerks auf der Welt, und schließlich die Fahrzeug- und Systementwicklung.
Konkurrenz um E-Autos: Renault will von China lernen
Weniger Ingenieure, schlankere Strukturen, Modellentwicklung in zwei Jahren: Renault reagiert auf die wachsende Konkurrenz aus Fernost.










