Der Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer hat einen wichtigen Sieg im jahrelangen Streit rund um die angeblich krebserregende Wirkung von Glyphosat errungen. Um mehr als 17 Prozent ist der Aktienkurs des Leverkusener Dax-Konzerns darauf am Donnerstagnachmittag nach oben gesprungen.Der Supreme Court, das höchste amerikanische Gericht, hat am Donnerstag entschieden, dass die Zulassungsvorgaben der US-Bundesbehörden Vorrang vor dem ‌Recht einzelner Bundesstaaten ‌haben. Damit entzogen die Richter Tausenden Klagen wegen angeblich unzureichender Krebs-Warnhinweise auf dem glyphosathaltigen Unkrautvernichtungsmittel Roundup die Grundlage.Bayer hatte stets argumentiert, dass die amerikanische Umweltschutzbehörde EPA den Wirkstoff als nicht krebserregend einstuft und entsprechende Warnhinweise daher nicht zulässig seien. Das Gericht hat diese Einschätzung nun bestätigt.Nicht nur aktuelle, auch zukünftige Klagen werden verhindert„Das Urteil des Supreme Court ist gut für die Wissenschaft, Landwirte und für Branchen, die auf regulatorische Klarheit für Innovationen angewiesen sind“, teilte Bayer in einer ersten Stellungnahme mit. „Es sollte dazu beitragen, die Rechtsstreitigkeiten zu Roundup nach nahezu einem Jahrzehnt juristischer Auseinandersetzungen signifikant einzudämmen.“ Dadurch würden nicht nur aktuelle Klagen abgewiesen, sondern auch mögliche zukünftige Klagen verhindert, sofern sie auf angeblich fehlenden Warnhinweisen beruhen.Die Rechtsstreitigkeiten rund um Glyphosat hatte sich Bayer mit der milliardenschweren Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto ins Portfolio geholt. Kurz nach Abschluss der Übernahme im Sommer 2018 hatte der Konzern einen ersten Prozess verloren und war zu einem empfindlichen Schadenersatz verurteilt worden. In der Folge hatte der Leverkusener Dax-Konzern mit Massenklagen zu kämpfen, zwischenzeitlich stand das Unternehmen mehr als 167.000 Klägern gegenüber.Bislang war Bayer damit gescheitert, das Risiko einzudämmenZahlreiche Versuche, das Rechtsrisiko einzudämmen, scheiterten. Zwar zahlte Bayer mehr als zehn Milliarden Dollar für einen Vergleich mit zehntausenden Klägern, scheiterte aber schon 2021 daran, vor dem Supreme Court ein höchstinstanzliches Urteil zu erreichen. Bayer hat seit der Monsanto-Übernahme mehr als zehn Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten ausgegeben und damit mehr, als es im gleichen Zeitraum für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat.Unter dem Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson hatte Bayer allerdings deutliche Fortschritte erzielt, was auch am intensiven Lobbying des Amerikaners in seiner Heimat lag. Anderson hatte die amerikanische Klageindustrie offensiv angegriffen. Und er drohte schon häufiger offen damit, Glyphosat nach einem negativen Urteil vom Markt zu nehmen. An Privatanwender verkauft Bayer Roundup schon seit einigen Jahren nicht mehr, der überwiegende Teil der Kläger sind keine Landwirte.Anderson spielte die Karte der Versorgungssicherheit offensiv und hat die Landwirte hinter sich. Das Pflanzenschutzmittel kommt nämlich sonst nur aus China in die USA, was zu Abhängigkeiten führen könnte. Glyphosathaltige Produkte sind für Bayer wichtig, aber sie stehen nur für rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz. Die gesamte Agrarsparte erlöste 2025 knapp 21,6 Milliarden Euro. Am meisten trägt das Geschäft mit Maissaatgut und Pflanzeneigenschaften mit Erlösen von 7,15 Milliarden Euro zur Agrarsparte bei.Ein Milliardenvergleich steht noch ausEin wichtiger zweiter Teil in der Strategie, das Rechtsrisiko einzudämmen, ist ein milliardenschwerer Vergleich. Bis Anfang Juni hatten Kläger Zeit, einem Angebot Bayers zuzustimmen, um die Streitigkeiten außergerichtlich zu klären. Dafür stellt Bayer 7,25 Milliarden Dollar zurück, um sich möglichst vieler der noch 60.000 offenen Klagen zu entledigen und auch zukünftige Klagen auszuschließen.Für das laufende Jahr erwartet der Konzern Auszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Euro. Aber die Auszahlungen sollen über die Jahre deutlich sinken, mit einer Laufzeit von 21 Jahren. So lange dauert es, bis das Non-Hodgkin-Lymphom ausbrechen kann, eine Krebsvariante, die von zahlreichen Klägern auf ihre Verwendung von Glyphosat zurückgeführt wird. Bayer bestreitet das und verweist stets auf Studien zur gesundheitlichen Unbedenklichkeit seines Unkrautvernichtungsmittels.Als „signifikanten Meilenstein“ und den Beginn einer „neuen Ära“ bezeichnete Analyst Markus Manns von Union Investment die Entscheidung des Supreme Courts. Der Analyst verwies allerdings auch auf den noch nicht abgeschlossenen Vergleich, der ein „endgültiger Befreiungsschlag“ sein könnte, wenn das zuständige Gericht im Juli zustimme. „Damit wäre für Bayer das Kapitel der Glyphosat-Klagen endgültig erledigt und das Management könnte sich wieder voll auf operative und strategische Themen konzentrieren.“