Bevor Sie in die Rentenkommission geschickt wurden, Herr Reddig, hatte die von Ihnen geführte Junge Gruppe mit dem Widerstand gegen das erste Rentenpaket der Koalition die Regierung ins Wanken gebracht. Der Kanzler hatte Sie vertröstet, dass die Kommission die entscheidenden Reformen bringen wird – hat er recht behalten?Ich war zu Beginn der Kommissionsarbeit ziemlich skeptisch, ob das gelingen kann. Wenn man auf die Rentendebatte der letzten 20 Jahre in Deutschland schaut, dann sind wir nie zu wirklich großen Ergebnissen gekommen. Mir hat der Glaube daran gefehlt, dass das in der Kommission gelingen kann. Aber ich wurde eines Besseren belehrt! Die Kommission war extrem gut zusammengesetzt, und sie war getragen von dem gemeinsamen Willen, dass wir etwas hinbekommen müssen. Was jetzt vorliegt, wird dem gerecht.Scheitern ist keine Option, hat der Bundeskanzler jetzt bei der Vorstellung der 33 Vorschläge der Rentenkommission gesagt. Ist das auch allen in der Koalition bewusst?Allen ist bewusst, dass wir ein Konzept liefern müssen, das nicht nur wieder bis zur nächsten Bundestagswahl gedacht ist. Es geht darum, die Altersvorsorge für die nächsten 20 bis 30 Jahre aufzustellen. Das ist allen klar.Auch den Sozialdemokraten?Klar ist das Paket nicht Union pur oder SPD pur. Darum geht es aber auch nicht. Das Gesamtpaket funktioniert so gut, weil es der große Wurf ist, weil die Altersvorsorge besser wird, weil das Gesamtversorgungsniveau steigt, weil gleichzeitig niemand im Stich gelassen wird und weil wir eine faire Verteilung zwischen den Generationen schaffen. Mein Eindruck ist, dass das auch viele in der SPD so sehen. Arbeitsministerin Bärbel Bas hat schließlich klar gesagt, dass es keine Rosinenpickerei am „Gesamtkunstwerk“ geben dürfe.Auch in der SPD sehen heute viele, dass das Ziel der Rente mit 63 nicht erreicht wurde. Diese wurde eingeführt, um denjenigen einen Ausweg zu bieten, die körperlich nicht mehr können. Aber wir müssen feststellen: Die Rente mit 63 erreicht genau die eben nicht. Da kann man die Frage stellen, ob es richtig ist, dass alle Beitragszahler das finanzieren. Deshalb, glaube ich, können sich auch in der SPD viele hinter diesem Vorschlag versammeln.Und Sie sind zuversichtlich, dass die Autorität von Bas auch jene von Schwesig übertrumpft?Frau Schwesig müsste beantworten, um was es ihr eigentlich geht. Geht es ihr darum, dass sie wirklich den Menschen helfen will, denen es körperlich nicht gut geht, die in belastenden Berufen gearbeitet haben? Da zeigt einfach jede Studie und jede Statistik, dass genau diese Menschen häufig unterbrochene Erwerbsbiographien haben, also gar nicht auf so viele Beitragsjahre kommen. Eine Rente nach Beitragsjahren würde besonders Frauen und Menschen mit unterbrochenen Erwerbsbiographien benachteiligen. Frau Schwesig ist aber auch schlicht eine Ministerpräsidentin kurz vor einer Landtagswahl, das darf man nicht vergessen.In Kauf nehmen mussten Sie, dass die Belastung für Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht etwa sinkt, sondern zunächst mal weiter steigt.Das ist etwas, was mich extrem schmerzt. Die Gesamtabgabenbelastung ist für die Menschen in Deutschland zu hoch. Aber Nichtstun hätte die Probleme nur vertagt – und die Kosten am Ende noch weiter erhöht. Wir müssen uns ehrlich eingestehen, dass wir zu spät dran sind mit den Reformen, die wir jetzt vorschlagen. Die hätten wir eigentlich vor 15 Jahren machen müssen. Dann wäre es gelungen, zum Beispiel den Beitragssatzanstieg im Jahr 2028 zu verhindern. Die Möglichkeit haben wir jetzt nicht mehr, weil alle Entscheidungen bei der Rente vor allem mittel- und langfristig wirken.Das ist dann wirklich schmerzhaft.Meine Erwartung ist, dass die Menschen sehen, dass es ein Unterschied ist, ob ich immer höhere Beiträge in ein Umlagesystem zahle, bei dem ich den Eindruck habe, es kommt auch immer weniger dabei heraus. Oder ob die Menschen sehen, dass sie zwei Prozent des Beitragssatzes in eine Kapitalrente einzahlen und sich in individuellen Kapitalkonten damit direkt etwas für die eigene Zukunft aufbauen und für das Alter ansparen. Deswegen gibt es bei unserem Vorschlag einen maßgeblichen Unterschied zu einer reinen Beitragssatzsteigerung in der Umlage.Die trotzdem kommt.Der Beitrag in der Umlage wächst 2028, aber wir stabilisieren ihn in den Dreißigerjahren, und er wird ab Mitte der Dreißigerjahre sogar sinken, wenn unsere Maßnahmen greifen.Aber auch das Rentenniveau soll erst mal mit einem steuerfinanzierten sogenannten Übergangsfaktor gesichert werden, solange der Kapitalteil der Rente nicht reicht – auch erst mal keine Entlastung für die Jungen.Der Übergangsfaktor stabilisiert das Rentenniveau nur beim Zugang in die Rente. Die Berechnungen, die wir in der Kommission gesehen haben, deuten darauf hin, dass dadurch keine großen Mehrkosten auf den Staat zukommen werden, weil zugleich die anderen dämpfenden Maßnahmen greifen.Zwar soll der Renteneintritt an die Lebenserwartung gekoppelt werden, aber bis 70 sollen die Menschen frühstens 2090 arbeiten. Das ging bei der Rente mit 67 schneller und klarer.Die Frage des Eintrittsalters ist gar nicht so sehr entscheidend. Heute ist es ja schon so, dass 60 Prozent der Menschen überhaupt nicht bis zum regulären Renteneintrittsalter arbeiten. Deswegen wollten wir in der Kommission das Ziel erreichen, dass die Menschen bis zur Regelaltersgrenze kommen, und Frühverrentungsprogramme beenden. Das ist wichtiger als die Frage, ob das gesetzliche Renteneintrittsalter bei 67,5 oder 68 liegt.Wenn so viele Menschen früher in den Ruhestand gehen, ohne wirklich körperlich verschlissen zu sein, wollen Sie denen dann auch eine Botschaft senden: Euch geht es nicht schlecht, ihr müsst ein bisschen länger arbeiten?Nein, das soll natürlich nicht die Botschaft sein. Wir wollen, dass Lebensleistung anerkannt wird. Diejenigen, die lange gearbeitet haben, sollen sich darauf verlassen können, dass es ein Rentensystem gibt, mit dem sie genug Zeit in der Rente verbringen können. Erfreulicherweise ist die Lebenserwartung seit den Sechzigerjahren deutlich gestiegen. Wer länger lebt, soll länger eine gute Rente beziehen können. Damit das finanzierbar bleibt, brauchen wir neue Regeln. Ein Teil der dazugewonnenen Lebenszeit muss auch in Arbeit verbracht werden. Gleichzeitig gilt: Wer gesundheitlich stark belastet ist, der kann auch vorzeitig in Rente gehen.Sie wollten den Nachhaltigkeitsfaktor nicht nur wieder einführen, sondern verdoppeln. Das wird jetzt wohl nichts.Der Nachhaltigkeitsfaktor wurde in den Nullerjahren von der Sozialdemokratin Ulla Schmidt eingeführt, und zwar mit dem Ziel, dass wir die Lasten des Älterwerdens fair zwischen den Generationen verteilen. Wir haben dann aus meiner Sicht als Politik mehrfach den Fehler gemacht, den Nachhaltigkeitsfaktor in Zeiten auszusetzen, in denen wir ihn eigentlich dringend gebraucht hätten – nämlich dann, wenn die starken Jahrgänge in Rente gehen. Unser Vorschlag sieht jetzt vor, dass wir den Faktor nach 2031 wieder einführen und erhöhen. Ziel ist, dass die Lasten 50 zu 50 zwischen den Beitragszahlern und den Rentnern verteilt sind.Das ist nicht die Verdopplung.Im Zusammenspiel mit dem zweiten Dämpfungsfaktor, dem Beitragssatzfaktor, wird die gewünschte Wirkung genauso erreicht.Wie sehr schmerzt es Sie, dass die vor allem von der CSU gewollte Mütterrente bleibt?Wir sollten einen Vorschlag erarbeiten, wie die Rente mittel- und langfristig so aufgestellt wird, dass sie in Zukunft wieder funktioniert. Wir haben unseren Auftrag nicht darin gesehen, die im letzten Jahr beschlossenen Maßnahmen wieder rückgängig zu machen. Politik muss schon auch verlässlich sein. Mit den vorgeschlagenen Freibeträgen in der Grundsicherung erreichen wir außerdem, dass die Mütterrente dann auch besser bei den Frauen ankommt, die sie am dringendsten brauchen.Wie sieht der Zeitplan für das geplante Gesetzespaket für die Rente aus?Die Menschen erwarten, dass wir schnell liefern. Deswegen wäre schon mein Ziel, vor der Sommerpause im Kabinett verbindliche Eckpunkte zu beschließen und dann auch einen klaren Plan festzulegen, wann wir im Deutschen Bundestag über das Rentenpaket beraten. Dabei dürfen wir es nicht auseinandernehmen. Wenn wir über den Sommer einen Entwurf erarbeiten, können wir im September in die erste Lesung gehen.Wie lief die Meinungsfindung in der Kommission ab?Wir haben von Anfang an gesagt, es bringt nichts, wenn wir in der Kommission mit sieben zu sechs harte Entscheidungen treffen. Das große Reformpaket sollte immer von allen getragen werden. Deshalb hat immer zuerst die Wissenschaft gesagt, was aus deren Sicht richtig ist. Dann kamen wir mit der politischen Einschätzung. Und wenn man nach einer Runde gemerkt hat, das wird jetzt schwierig, da kommen wir gar nicht zum Ergebnis, dann haben wir das Thema noch mal vertagt, haben uns alle unsere Gedanken dazu gemacht und dann beim nächsten Mal erst wieder darüber gesprochen und versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden. Sehr oft ist das gelungen.Jetzt loben alle die Methode, mit Kommissionen zu arbeiten. Aber ist das nicht eine Entmachtung des Parlaments?Die Fraktionen sind nicht nur durch uns als Mitglieder beteiligt gewesen, sondern ebenso inhaltlich. Wir haben nicht im luftleeren Raum agiert, sondern Ideen aufgegriffen, die Fraktionsmitglieder erarbeitet haben. Trotzdem ist klar: Die Entscheidung, ob so eine Reform kommt, trifft nicht die Kommission, sondern die trifft der Deutsche Bundestag.
Reddig widerspricht Schwesig bei Rente mit 63
Erst gehörte Pascal Reddig zu den „Rentenrebellen“, dann wurde er Mitglied der Rentenkommission. Warum er deren Vorschläge für einen großen Wurf hält, erklärt er im Interview.












