Trotz Klimatisierung sind sich an dem heißen Nachmittag im Auditorium des Deutschen Architekturmuseums alle einig: In Frankfurt wie in anderen Großstädten ist es zu heiß – Straßen, Plätze, selbst Grünanlagen, also der gesamte öffentliche Raum, müssen neu gedacht werden. Wie das passieren soll, ist eine Diskussion wert. Wissenschaftler, Architekten, Politiker und Bürger sind deshalb zu einer sogenannten Unterhausdebatte zum Auftakt der Ausstellung „Too Hot – Heiße Städte, neue Wege“ am Schaumainkai zusammengekommen. Eine Unterhausdebatte ist eine interaktive Diskussionsform, in der sich die Teilnehmer nach jeder Frage im Raum auf einer von zwei Meinungsseiten positionieren.Schon die erste Debattenfrage löst Bewegung unter den Besuchern aus: „Schaffen wir es, deutsche Städte wie angestrebt bis 2045 klimaneutral zu machen?“ Die Mehrzahl der Teilnehmer setzt sich auf die „Nein“-Seite. So viele, dass einige stehen müssen, weil keine Stühle mehr frei sind. Optimismus scheint nicht gegeben. Von Frankfurt, das die Klimaneutralität sogar bis 2035 erreichen will, ist erst gar keine Rede.Rechenzentren tragen zur Hitze beiEine Bürgerin aus Frankfurt äußert ihre Bedenken über die wachsende Zahl an Rechenzentren, die in Frankfurt und Umgebung entstehen, mit ihrem hohen Energie- und Stromverbrauch. Das ermutige nicht zu einer klimafreundlichen Politik. Diese Sorgen der Bevölkerung zu nehmen, sei nicht leicht, sagt Frankfurter Umwelt- und Klimadezernentin Tina Zapf-Rodríguez (Die Grünen). In Frankfurt dürften Rechenzentren jedoch seit 2022 nur noch in bestimmten Eignungsgebieten – meist Industriegebieten – gebaut werden, müssten strenge Richtlinien zur Energieeffizienz erfüllen sowie Fassaden- und Dachbegrünung integrieren.Für 70 Prozent der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen seien Städte verantwortlich, sagt Wissenschaftler Peter Hoffmann vom Climate Service Center Germany (Gerics). Damit trügen Städte eine große Verantwortung für den Klimawandel.Städte wie Paris, Barcelona, aber auch Bern in der Schweiz oder Lappeenranta in Finnland haben längst begonnen, ihre Schlussfolgerungen aus den immer heißer werdenden Sommern zu ziehen, wie die Ausstellung im Architekturmuseum zeigt. In Paris etwa nimmt sich die Stadt derzeit die zum Weltkulturerbe zählenden Zinkdächer vor, unter denen es im Sommer bis zu 50 Grad warm werden kann. Umfassende Dachbegrünung soll helfen, die Temperaturen zu senken. Und in Bern hat man mit der Kampagne „Aare you safe“ oder dem Bau eines Schwimmkanals dafür gesorgt, dass in den Sommern das sichere Schwimmen im Fluss der Stadt möglich ist, obwohl der durch eine starke Strömung geprägt ist. Zudem ist der Großteil der städtischen Freibäder unentgeltlich zugänglich.Elisabeth Endres, Architektin und Professorin an der Technischen Universität Braunschweig, rät, Synergien aus mehreren klimaschutzfreundlichen Baumaßnahmen zu kombinieren. In einer Stadt wie Frankfurt könnte dazu beispielsweise die Begrünung von Dächern und Plätzen, ergänzt um die energetische Sanierung der Gebäude, zählen. Dazu gehörten eine neue Dämmung, der Ersatz fossiler Heizungen und die Entsiegelung von Flächen, um sie anderweitig zu nutzen. Endres geht allerdings davon aus, dass von der Politik auferlegte Zwänge hinsichtlich klimaangepassten Bauens kaum weiterhelfen würden.Kann man überhaupt klimaschützend bauen?Auch Neubauten sind Teil der Debatte: Sollten sie nur noch genehmigt werden, wenn sie klimaneutral gebaut werden? Passen Neubauten und Klimaschutz überhaupt zusammen? Laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen aus dem Jahr 2025 verursachen Sanierungen im Schnitt bis zu zwei Drittel weniger graue Emissionen – die am ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes gemessen werden – als Neubauten. Passivhäuser beispielsweise brauchen nach ihrer Fertigstellung nur wenig Energie, weil sie energieeffizient gedämmt sind. Beim Bau entstehen jedoch zunächst höhere Emissionen. Diese gleichen sich im Durchschnitt nach zehn bis 15 Jahren Nutzung aus.Erfrischend: In Bern können Bewohner sich im Marzilibad während Hitzewellen abkühlen.Deutsches Architekturmuseum/Caspar MartiDer Autoverkehr ist zudem Teil der Diskussion. Klimafreundlich wäre es, den Autoverkehr in der Stadt zu verringern. Dazu fällt das Stichwort der „Realpolitik“. Eine Teilnehmerin ist davon überzeugt, dass es realistischer sei, höhere Parkgebühren einzufordern, statt Autos in der Innenstadt komplett zu verbieten. Prompt schließt sich eine soziale Gerechtigkeitsdebatte an. Denn wer könne es sich mit Blick auf hohe Parkgebühren dann überhaupt noch leisten, in der Stadt zu parken? Diejenigen, so die direkte Antwort einiger Teilnehmer, die genug Geld hätten.Klimafragen betreffen auch immer die Gesundheit. Vor allem ältere Menschen, Kinder und auch Schwangere sind bei Hitzewellen wie der aktuellen gefährdet. Laut Statistischem Bundesamt lassen sehr hohe Temperaturen – das bedeutet 30 Grad am Tag und sogenannte Tropennächte, in denen die Temperaturen nachts nicht unter 20 Grad sinken – die Sterblichkeit steigen, da in vielen Fällen die Kombination aus Hitze und Vorerkrankungen das Sterberisiko erhöht. Allein in dem relativ heißen Sommer 2022 sind in Deutschland rund 4500 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben. Großstädte wie Frankfurt bräuchten Hitzeschutzpläne, so eine Teilnehmerin. Zwar gebe es Ansätze im Klimawandel-Aktionsplan der Stadt. Man müsse jedoch auch soziale Verantwortung übernehmen und besonders für vulnerable Bevölkerungsgruppen Schutzräume bieten, fordert sie.Die erste Frage der Debatte bleibt hängen: Schaffen wir es, deutsche Städte bis 2045 klimaneutral zu gestalten? Laut Endres ist der Nutzer – also der Mensch – von endlichen Ressourcen der natürliche Feind des Klimaschutzes. Nur wenn man in „intelligenten Netzen“ denke, Maßnahmen verbinde und Abstriche im Komfort mache, könne man die klimaresiliente Stadt planen.