Es gibt Bilder, die etwas auslösen, was man KI-Skepsis nennen könnte – und das Bild, das man hier sieht, ist so eins: Einerseits sieht das, was man da sieht, sehr echt aus, andererseits aber auch so verrückt, dass man denkt, hier hat jemand mal wieder zu lange mit einer Künstlichen Intelligenz herumgespielt und sich einen Öko-Frankenstein aus Haus und Felsen, Natur und Bauwerk erfinden lassen. Aber das gebaute Felsmassiv ist nicht das Ergebnis eines heißlaufenden Algorithmus, sondern ein Entwurf, der tatsächlich bald realisiert werden könnte. Er stammt von dem holländischen Architektenteam MVRDV, das dafür bekannt ist, spektakuläre Zeichnungen, die absolut utopisch aussehen, wenig später unwesentlich verändert zu bauen – zum Beispiel den holländischen Pavillon bei der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, ein spektakuläres Sandwich aus einer gestapelten Landschaft mit Tulpenfeldern und Windrädern.„Atmende Felsen“Ihr neues Hochhaus aus „atmenden Felsen“ soll ebenfalls dort entstehen; geplant wird es von Shift, einem Unternehmen, das sich der CO₂-Reduktion durch individuelle Verhaltensänderung verschrieben hat. An der „Waterkant“, einem neuen Bezirk im südlichen Rotterdam, will Shift auf 30.000 Quadratmetern ein Hotel mit Konferenzzentrum und nachhaltigen Restaurants errichten, was an sich keine revolutionäre Idee ist – aber all das soll in einem Gebäude unterkommen, das von außen überhaupt nicht mehr an ein Gebäude erinnert. Sondern an Natur. Oder an etwas, das man noch nie gesehen hat. Aus einigen Perspektiven sieht der Bau aus, als seien ein paar gestapelte Burger mit Moos überwuchert, aus anderen wie ein bemoostes Reptil, das sich mit einer Brückenzunge zum Mittagessen ein paar ahnungslose Holländer in sein Maul hineinangelt.Herzog & de Meurons Bürobau „543 Hortus“ in AllschwilHerzog & de MeuronWenn man genauer hinschaut, gibt es in den „Felsen“ viele Bullaugen, die Licht ins Innere bringen, und Balkone. Sogar ein Wasserfall, dessen Wasser natürlich nachhaltig in die Höhe gepumpt wird, soll zwischen den Etagen durchrauschen, um für zusätzliche Kühlung zu sorgen. Die an Felsformationen erinnernden Oberflächen des Bauwerks sollen wie echte Felsen von Pflanzen und ganzen Bergwäldern besiedelt werden. Neben diesem Entwurf sieht das bisher immer wieder als Referenz für Fassadenbegrünung zitierte „Bosco Verticale“-Hochhaus in Mailand mit seinen bewachsenen Balkonen etwas schüchtern aus, wie ein Jugendlicher, dem gerade ein bisschen Bartflaum sprießt, neben einem wild zerzausten Yeti.Die Moderne liebte die SonneMan kann einige Fragen stellen: zum Beispiel die, ob die Betonmassen, die man für einen solchen künstlichen Wohnfelsen braucht, wirklich so nachhaltig herzustellen sind und ob die Rotterdamer Felsenbauten nicht eher eine romantische Naturträumerei sind und in einer langen Tradition von aufwendigen künstlichen Felsen- und Grottenarchitekturen stehen, die von den antiken Nymphäen über die künstlichen Felsbauten im Park von Bomarzo bis zur „Grotta Grande“ in den Boboli-Gärten in Florenz reichen. Andererseits illustriert dieser Entwurf einen grundlegenden Wandel der veränderten Ansprüche an Architektur in Zeiten des Klimawandels.Der erste betrifft die Fassaden. Die Moderne liebte die Sonne. Nach der ersten großen Modernisierungswelle unter Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“, brach das sogenannte „Siècle des Lumières“ an, das Jahrhundert des Lichts, wie man das Zeitalter der Aufklärung in Frankreich nannte, und der Schlachtruf der Lebensreformer und der modernen Architekten am Bauhaus lautete: „Licht, Luft und Sonne“. Viele Straßen waren damals dunkel, eng und feucht, Krankheitserreger breiteten sich aus. Die Moderne war daher auch ein medizinisches Unternehmen: Die Architekten traten als Ärzte in die Stadt, hängten den Häusern weiße Kittel um, schnitten alles Wuchernde weg und ließen durch große Fenster die Sonne hinein. Nur leider zu viel. Türme aus Glas und Stahl heizen sich extrem auf.