Sieben Jahre lang haben sie sich mitten in der Münchner Innenstadt in die Erde gegraben. Schlitz- und Stützwände gebaut. Mit enormem Aufwand das Grundwasser aus der Baustelle gehalten, das erheblichen Druck auf das Bauwerk ausübt. Sie haben Etage für Etage eingezogen – von oben nach unten. Bis sie auf mehr als 40 Meter Tiefe angekommen sind. An diesem Mittwochnachmittag stehen sechs der Bauarbeiter, die an den Arbeiten für den neuen U-Bahnhof Marienhof beteiligt sind, auf der fünften Ebene – der tiefsten – und sprechen in ihren Muttersprachen Fürbitten: Sie erbeten Segen für die weiteren Bauarbeiten, Schutz, Wohlwollen. Denn bis hier die ersten S-Bahnen halten, werden voraussichtlich noch mindestens zehn Jahre vergehen.Mit der Grundsteinlegung an diesem Nachmittag nehme das Projekt zweite Stammstrecke den nächsten Meilenstein, sagt Rainer Müller, Leiter Technik des Vorhabens, bei seiner Begrüßung in der gewaltigen Halle, in die künftig die S-Bahnen ein- und ausfahren werden. Gestützt wird der Bahnhof von gewaltigen Stahlstreben, die an die Säulen einer Kathedrale erinnern. In der Decke darüber sind bereits Löcher eingelassen für die Aufzüge und Rolltreppen der neuen Station. Der künftige Bahnhof Marienhof konkurriert mit dem Nukleus, dem neuen Untergeschoss des Hauptbahnhofs, um den Titel als tiefste Haltestelle der Republik.Mehr als 200 000 Kubikmeter Erdreich und Gestein haben die Bauarbeiter seit 2019 aus der Baugrube geholt. Immer von oben nach unten. Diese Vorgehensweise mache diese Baustelle auch so besonders, sagt Reinhold Boiger, der technische Leiter der Arbeitsgemeinschaft Marienhof. „Stockwerk um Stockwerk sind wir hier nach unten gegangen“, so Boiger – bis die Sohle auf 44 Meter Tiefe habe betoniert werden können. Auf der steht nun der betonierte Grundstein, in den am Ende der Grundsteinlegung eine Zeitkapsel eingelassen wird. Darin enthalten einige aktuelle Tageszeitungen, ein USB-Stick, eine Kopie des Steigerlieds. Passend findet Projektleiter Boiger, denn dieser Akt sei nicht nur eine Grundsteinlegung, sondern auch ein Bergfest.Rainer Müller (links) und Reinhold Boiger befüllen die Zeitkapsel mit Zeitungen. Catherina HessAn diesem Mittwoch dürfen sich Bauarbeiter, Projektleiter, Ingenieure, Planer einmal selbst feiern, wie Thomas Gruber, Amtschef im Bayerischen Bauministerium findet. Das Vorhaben Marienhof zeige, dass deutsche Ingenieurskunst noch auf der Höhe der Zeit sei. Und das Projekt zweite Stammstrecke – das zwar mit erheblicher Verspätung kommt – sei von enormer Bedeutung für München und das Umland, sagt Gruber.An der Wand in der riesigen Bahnhofshalle haben Mitarbeiter Lichterketten angebracht, die zeigen sollen, wo einst die Tunnel verlaufen werden. Davon aber bekommen die Münchnerinnen und Münchner kaum etwas mit. Gleichwohl die Baustelle seit nahezu sieben Jahren zum Stadtbild gehört. Meterhoch ragen die Baucontainer in den Himmel auf; Rohrleitungen, durch die das Grundwasser transportiert wird, prägen die Szenerie.Die Bahnsteige werden 210 Meter lang seinFortan werden Arbeiten von unten nach oben weitergeführt – in umgekehrter Richtung. Am Ende, Mitte der Dreißigerjahre, wird dann auch der Marienhof neu gestaltet. Es soll ein grüner Platz mit viel Aufenthaltsqualität werden.Der neue Bahnhof darunter liegt in Ost-West-Richtung unter dem Marienhof. Um eine möglichst hohe Kapazität an Fahrgästen bewältigen zu können, werden die Bahnsteige eine Länge von etwa 210 Metern aufweisen, um dort die langen U-Bahn-Züge halten lassen zu können – und ein möglichst schnelles Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.Im September vergangenen Jahres gelang den Bauarbeitern ein weiterer wichtiger Schritt: Unter Druckluft stellten die Bauarbeiter den Fußgängertunnel fertig, durch den Pendlerinnen und Pendler voraussichtlich Mitte der Dreißigerjahre – vermutlich aber frühestens 2037 – nach Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke vom Marienhof bis zur Haltestelle Marienplatz gelangen können. Dadurch wird ein komfortabler, schneller und auch barrierefreier Umstieg zur U3 und U6 möglich.Der Weg dahin ist aber noch ein weiter. Anfang des kommenden Jahrzehnts werden die Tunnelröhren der zweiten Stammstrecke in Angriff genommen. In zwei Bauabschnitten werden sich die gewaltigen Tunnelvortriebsmaschinen unter der Münchner Innenstadt hindurchgraben: Aus dem Westen von Laim kommend sowie aus der entgegengesetzten Richtung vom Ostbahnhof. Am Marienhof werden sich die sechs Röhren – zwei aus jeder Richtung für die S-Bahn sowie die Rettungs- und Erkundungstunnel – dann treffen.
Grundsteinlegung am Marienhof: In dieser gewaltigen Halle werden S-Bahnen halten
Sieben Jahre lang haben Bauarbeiter in die Tiefe gegraben – nun sind sie in mehr als 40 Meter Tiefe angekommen. Bei der Grundsteinlegung ergeben sich imposante Einblicke in Münchens künftigen Bahnhof.







