Zeigt gegen Kanada als Rechtsverteidiger ein starkes Debüt in der Startformation: Luca Jaquez (links).Agustin Marcarian / ReutersEr habe Murat Yakin einen «decoy», also einen Köder legen und ihn damit verwirren wollen. Das sagt der kanadische Nationaltrainer Jesse Marsch auf die Frage eines Journalisten, weshalb er den Einsatz seines angeschlagenen Captains Alphonso Davies angekündigt hatte, den Superstar beim 1:2 gegen die Schweiz dann aber doch 90 Minuten auf der Bank beliess.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Tags zuvor sprach Marsch, dieser geschliffen parlierende, bisweilen exaltiert wirkende Vorzeigeamerikaner, an der Pressekonferenz kurz über seine taktischen Optionen und erwähnte dabei scheinbar beiläufig auch Davies. Im Hauptteil seines halbstündigen Referats monologisierte Marsch allerdings davon, wie aus dem Eishockeyland Kanada auch eine «Soccer-Nation» werden könne. Er wolle hierzu das Fundament legen, eine Bewegung kreieren. In den Tagen zuvor hatte er sich sogar zur Aussage verstiegen, um auch im Fussball Grosses erreichen zu können, brauche Kanada ein wenig amerikanische Arroganz. Er hatte damit vor allem sich selbst gemeint: Er könne die Mannschaft dorthin führen.Ein Erfolg gegen die Schweiz hätte da natürlich geholfen, in diesem Fall wäre die Heim-WM für die Kanadier auf eigenem Boden weitergegangen. So aber, nach der Niederlage im Direktduell um den Gruppensieg, müssen sie ihren Sechzehntelfinal in Los Angeles absolvieren, und zwar schon am Sonntag. Was auch das Entstehen jener «Bewegung» erschweren dürfte, von der Marsch so salbungsvoll schwadroniert hatte.Als dieser so redegewandte Coach nun gefragt wird, wie der Köder denn verfangen habe, sagt March: zunächst eine Weile nichts. Und dann doch noch kleinmütig: Er habe Yakin einfach zum Nachdenken bringen wollen.Jaquez wirkt als Rechtsverteidiger wie ein RoutinierNun, nachgedacht hat Yakin sicher, und man muss sicher nicht zwingend der Meinung sein, er habe Marsch ausgecoacht. Aber dass er eine ziemlich unkonventionelle – und überzeugende – Lösung auf den kanadischen Tempo-Fussball gefunden hat: Das darf Yakin allemal für sich beanspruchen. Er beorderte Luca Jaquez auf die Position hinten rechts, nachdem er dort an dieser WM bereits Denis Zakaria und Silvan Widmer aufgestellt hatte.Mit Bosnien-Herzegowina und Katar war die Schweiz in den ersten beiden WM-Spielen auf Kontrahenten getroffen, die in einem tief stehenden Block verteidigten. Gegen Kanada erwartete Yakin eine ganz andere Dynamik. Und natürlich weiss auch er, dass der kanadische Coach Jesse Marsch aus der Red-Bull-Schule kommt und entsprechend spielen lässt: Hohes Pressing soll den Gegner zu Fehlern im Aufbauspiel zwingen, nach der Balleroberung geht es schnell. Mit vertikalen Pässen und direktem Spiel über die agilen Flügelspieler suchen die Kanadier jeweils den Torerfolg. So hatten sie gegen Bosnien ein 1:1 errungen. So hatten sie Katar 6:0 weggefegt.Dass dieses Konzept gegen die Schweiz nicht verfängt, hat viel mit Murat Yakins taktischer Raffinesse zu tun. Und mit Luca Jaquez, der plötzlich Rechtsverteidiger ist. Der gelernte Innenverteidiger hat in seinem Klub, dem VfB Stuttgart, in der letzten Saison zwar keine Minute auf dieser Position gespielt. Aber er ist physisch robust und schneller als Widmer – und damit Yakins perfekte Antwort auf Kanadas Spielweise.Jaquez gelingt indes weit mehr als eine solides Debüt in der Startformation: Er bereitet nicht nur das 1:0 der Schweizer direkt nach dem Wiederanpfiff vor, indem er Johan Manzambi schickt. Sondern steht auch am Ursprung des zweiten Schweizer Treffers nach rund einer Stunde. Diesmal lanciert er Breel Embolo mit einem weiten Ball hinter die Verteidigungslinie, der Stürmer legt ab für Manzambi – 2:o.Die beiden Tore und ihre Entstehung stehen sinnbildlich für die abgeklärte, reife Leistung des Nationalteams in den ersten zwei Dritteln dieser Partie. Yakins Equipe lässt sich von den Kanadiern und deren hohem Pressing nicht überraschen – und schon gar nicht aus der Ruhe bringen. Mehrmals spielen die Schweizer geduldig hinten heraus. Und dann schnell das Mittelfeld überbrückend in die Räume, die sich hinter der hoch stehenden Verteidigungslinie der Kanadier auftun.Entweder, indem sofort Embolo in der Sturmspitze gesucht wird wie beim 2:0, oder mit Seitenwechseln durch weite Bälle. So kommt Yakins Team zu einigen Chancen, bereits die erste hätte Breel Embolo in der 11. Minute zum 1:0 nutzen müssen.Neben Jaquez rücken gegen Kanada auch Djibril Sow, Rubén Vargas und der Super-Joker Johan Manzambi in die Startformation; Michel Aebischer und Dan Ndoye kommen erst später, Fabian Rieder bleibt ganz draussen. Und es lässt sich nicht anders sagen: Auch diese Wechsel funktionieren bestens. Vargas trifft wie bereits beim 4:1 gegen Bosnien. Manzambi ist mit einem Assist und einem Tor neben Jaquez die zweite grosse Figur in diesem Spiel.Die Frage, ob er der Schweizer Super-Joker sei oder in der gegenwärtigen Form in die Startformation gehört, dürfte nach der zweiten formidablen Darbietung des 20-jährigen Genfers einstweilen beantwortet sein. In seinen 15 Länderspielen innert einem Jahr steht Manzambi nun bei sechs Toren und acht Skorerpunkten; allein an dieser WM hat er in 129 Minuten nunmehr vier Mal geskort. Man muss eine ganze Weile zurückblättern in den Geschichtsbüchern, um einen ähnlich produktiven Angreifer im Schweizer Nationalteam zu finden.Und so scheint auf den ersten Blick alles bestens: 2:1 gegen Kanada, Gruppensieg, und nun acht Tage Erholung vor dem Sechzehntelfinal gegen einen Gruppendritten. Die Schweiz hat das erste Ziel, den Einzug in die K.-o.-Phase souverän erreicht. Das durfte allerdings auch erwartet werden, schliesslich hat der Nationaltrainer Murat Yakin selbst von der «besten WM der Geschichte» gesprochen, die er mit seinem Team spielen wolle.Die WM-Vorrunde des Nationalteams hat dabei vor allem eines gezeigt: Murat Yakins Spielsystem funktioniert. Die Schweizer Fussballer hatten gegen jeden Gegner viel Ballbesitz, agierten dominant, geduldig – und spielten in den entscheidenden Momenten ihre grosse Erfahrung aus. Dieses Team wirkt reif, alle im Kader haben die Grundprinzipien des Yakin-Fussballs so sehr verinnerlicht, dass unerheblich scheint, wen der Coach nebst seiner Achse mit Manuel Akanji, Nico Elvedi, Granit Xhaka, Remo Freuler und Embolo gerade aufs Feld schickt. Herausragend ist dabei vor allem das Abwehrzentrum. Akanji überzeugte gegen Kanada mit brillantem Stellungsspiel, Elvedi gewann in den ersten drei Partien fast jeden Zweikampf.Bei einem zweiten Blick stellen sich dem neutralen Beobachter gleichwohl ein paar Fragen: Weshalb kann das Nationalteam seinen dominanten Ballbesitzfussball nie über 90 Minuten konsequent durchziehen? Wieso erleidet das Spiel der Schweizer immer wieder markante Brüche, oft nach der Stundenmarke? Ist der laufintensive Yakin-Fussball womöglich zu anstrengend an einer Weltmeisterschaft, an der die klimatischen Bedingungen eine wichtige Rolle spielen?Im ersten Gruppenspiel gegen Katar in Santa Clara war die Hitze enorm – und die Schweizer brachen ein. Nun, im BC-Place-Stadion in Vancouver, war es unter dem geschlossenen Stadiondach schwül-heiss – und wieder verlor Yakins Team nach rund 60 Minuten die Kontrolle über das Geschehen. Gegen Katar wie gegen Kanada war plötzlich jegliche Souveränität weg. Gegen die Emirate kassierte das Nationalteam spät das 1:1; hätten auch die Kanadier noch den Ausgleich erzielt, die Schweizer hätten sich nicht beklagen dürfen. In der Schlussphase musste der Torhüter Gregor Kobel mehrmals parieren.Zu denken geben müssen Murat Yakin vor allem die Einwechselspieler: In zwei von drei Gruppenspielen machten sie einen unglücklichen Eindruck. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass das eingewechselte Duo Vargas/Manzambi in der wegweisenden Partie gegen Bosnien den Unterschied machte.Sind die Einwechselspieler nun eine Schwäche oder eine Stärke in Yakins Dispositiv – es ist eine der vordringlichsten Fragen, über die der Nationaltrainer in den nächsten Tagen nachdenken muss. Zeit dazu hat er nun ja reichlich. Doch zunächst gelte es, «den Moment zu geniessen, dass wir Gruppensieger sind», sagte ein zufriedener Murat Yakin. Nachdem er Jesse Marsch ausgecoacht hatte.