Als Jesse Marsch und seine Frau vor ein paar Jahren nach einem attraktiven Refugium suchten, stießen sie in den Hügeln nördlich von Pisa auf ein Anwesen ganz nach ihrem Geschmack. Es hatte einen Garten, in dem Oliven, Kapern und Apfelsinen wuchsen, war jedoch ein wenig vernachlässigt, brauchte Hege und Pflege.Das Haus wirkte solide, erdverwachsen, gebaut aus Marmorsteinen aus der Region. Es verfügte über eine Terrasse, von der aus der Blick weit über die offene toskanische Landschaft reichte. Und über das Potential, eigene Ideen hinzufügen zu können, wie eine Boccia-Bahn mit feinem roten Sandbelag. Die Villa wirkte wie ein idealer Ruhepol für jemanden, der als Fußball-Vagabund jahrzehntelang zwar gut verdient, aber kein richtiges Zuhause gefunden hatte.Jesse Marsch, aufgewachsen in einer gesichtslosen Industriestadt namens Racine am Michigan-See im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin, wusste eigentlich immer nur: „Ich muss da weg.“ Er wollte unbedingt „die Welt sehen“.„Ich habe Jesse noch nie so aufgebracht erlebt“Für einen Fußballspieler mit überschaubarem sportlichem Leistungsvermögen lässt sich so ein Projekt aber schwer planen. So reichte es für Marsch in der international zweitklassigen nordamerikanischen Profiliga, der Major League Soccer (MLS), nur zu einer 14 Jahre währenden Tour d’Horizon mit gerade mal drei Stationen – Washington, Chicago, Los Angeles. Und nur zu zwei Berufungen in die amerikanische Nationalmannschaft.Die erhoffte Perspektivverschiebung begann für den Absolventen der Ivy-League-Universität Princeton erst mit Verspätung – nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn. Da fand er innerhalb des interkontinentalen Red-Bull-Universums jenes Förderband, das ihn von New York (2015 bis 2018) über Salzburg (2019 bis 2021) und Leipzig (2021) in die Welt transportierte. Was ihm kurz darauf auch noch einen Abstecher zu Leeds United ermöglichte, wo er als dritter Coach aus den USA das Siegel „Premier League“ erwarb.Diese Vita reichte den Verantwortlichen des amerikanischen Fußballverbands aber offenbar nicht, als sie nach einem Nachfolger für den glücklosen Gregg Berhalter suchten. Sie entschieden sich stattdessen für den profilierteren Argentinier Mauricio Pochettino. Er sollte eine Mannschaft formen, der man die verwegenen Hoffnungen auf einen spektakulären Turniererfolg aufbürden konnte.Als Marsch diesen Wunschposten nicht bekam, obwohl er zwischendurch ernsthaft als Kandidat in Erwägung gezogen worden war, verlor er jene Contenance, die er sonst so gerne ausstrahlt. „Ich habe Jesse noch nie so aufgebracht erlebt“, sagte ein Teamgefährte aus MLS-Tagen. „Er hat mir gesagt: ‚Ich habe keine Ahnung, was da gerade passiert ist. Sie haben mir förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich dachte, alles sei in trockenen Tüchern.‘“Er lässt keine Gelegenheit aus, gegen seine Landsleute zu stichelnEs war der Ausgangspunkt für eine alternative und relativ pikante berufliche Reise. Denn wenig später nahm Marsch das Angebot des kanadischen Fußballverbands an und wurde dort Cheftrainer. Seitdem lässt er keine Gelegenheit aus, gegen seine Landsleute zu sticheln. Etwa als er vor ein paar Wochen behauptete, er habe während seiner Zeit als Assistenztrainer der amerikanischen Nationalmannschaft die Spieler „anflehen“ müssen, die Nationalhymne mitzusingen. Anders als bei den patriotisch gesinnten Kanadiern in seinem Kader, angeführt von Alphonso Davies, in Ghana geborener Sohn liberianischer Flüchtlinge, denen man das nicht erst habe eintrichtern müssen.Wie sehr die Provokation gesessen hatte, wurde deutlich, als sich Amerikaner wie der ehemalige Nationalstürmer Clint Dempsey zur Wehr setzten. Marsch möge „sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern“, sagte er verärgert. Das hatte Marsch als Trainer eigentlich immer ziemlich erfolgreich praktiziert. Er führte die lange als schwächer eingestuften Kanadier zu zwei Siegen in Folge gegen die Vereinigten Staaten, wie im Spiel um den dritten Platz der Concacaf Nations League im März 2025.Aus seiner Motivation, die Rivalität zwischen den beiden Ländern anzuheizen, machte Marsch kein Geheimnis. Das schimmerte von Anfang an durch, als er mit einer Kanada-Tournee begann, neun Städte in zehn Tagen, und wie ein Politiker im Wahlkampf den versammelten Fußballfans die Hände schüttelte. „Ich muss wissen, was es bedeutet, Kanadier zu sein“, sagte er. Was einen seiner Spieler damals zu dem Ausspruch verleitete: Marsch sei „kanadischer als wir“.Er nahm deshalb auch kein Blatt vor den Mund, als der amerikanische Präsident Donald Trump 2025 mit seinen herabsetzenden Verbalattacken gegen Kanada loslegte. Er habe in seiner neuen beruflichen Heimat einen Ort gefunden, der „die Ideen und Werte verkörpert, die nicht nur den Fußball und eine Mannschaft ausmachen, sondern auch das Leben“, sagte er und kritisierte Trump direkt: „Hören Sie mit dieser lächerlichen Rhetorik auf, wonach Kanada der 51. Bundesstaat sei“, sagte er. „Als Amerikaner schäme ich mich dafür.“Der X-Faktor: Auf Kapitän Alphonso Davies setzt Jesse Marsch seine Hoffnungen.dpaWer ihn bei diesem Assimilationsprozess genauer beobachtete, kam nicht umhin, einen gewissen Sinneswandel festzustellen. Marsch hatte nach dem Rauswurf in Leeds bewusst Offerten anderer europäischer Klubs abgelehnt und nach einer etwas stressfreieren Herausforderung gesucht. „Früher war es mein Ziel, das höchste Niveau zu erreichen. Und je höher ich kam, desto weniger Dinge habe ich gemacht, die ich liebe – und desto mehr Dinge, die ich gehasst habe.” Nun wolle er genau das Umfeld finden, „in dem ich mich erfüllt fühle“. Wie gut ihm das offenbar gelungen ist, vermittelte ein Elf-Minuten-Film des kanadischen Sportfernsehsenders TSN, dessen Titel auf den Besuch des Drehteams in der Toskana anspielte: „La Dolce Vita“.X-Faktor Alphonso DaviesIn seiner Heimat dagegen sieht man den Amerikaner aus der Halbdistanz etwas nuancierter als jenseits der Grenze. „Marschball“, ein Angriffskonzept mit viel Tempo und intensivem Druck, habe den als besonders höflich geltenden Kanadiern eine gehörige Portion Arroganz verpasst, konstatierte die „New York Times“ in einem Porträt.Aber Marsch ecke auch immer wieder an. Etwa mit übertriebenen Freudentänzen an der Seitenlinie, wie während des Sieges gegen Qatar im zweiten WM-Gruppenspiel. In der wichtigen dritten Partie gegen die Schweiz war davon freilich kaum noch etwas zu spüren. Bei der Gelegenheit hätten seine Spieler mit einem Unentschieden den Gruppensieg sichern können. Aber sie fanden bis zum Schluss kein Mittel, den Ausgleich zu erzwingen. Kanada verlor 1:2 – und auf diese Weise das Heimrecht für das erste Spiel der K.-o.-Runde.So wird Kanada nun am Sonntag in Los Angeles gegen Südafrika antreten. Und würde im Falle des Weiterkommens in Houston auf den Sieger der Begegnung zwischen den Niederlanden und Marokko treffen. Das Erreichen dieses Achtelfinales wäre, nüchtern betrachtet, schon ein respektabler Erfolg. Denn vor dieser WM hatten sich die Kanadier nur zweimal qualifiziert, 1986 und 2022 – und alle sechs WM-Spiele verloren.Von jetzt an wird es auch keine Schonung mehr für Alphonso Davies geben, der sich vor einigen Wochen im Champions-League-Halbfinale zwischen Bayern München und Paris Saint-Germain eine Oberschenkelverletzung zugezogen hatte. Marsch hat gar keine andere Wahl. Sein Kapitän ist der X-Faktor in seinem Spiel – und der fehlt an allen Ecken und Enden.