Als sich im Mai 2024 Jesse Marsch als neuer Nationaltrainer Kanadas vorstellte, stand die Richtung bereits fest, in die sich der Fußball im Land entwickeln sollte. Eine klare und häufig erläuterte Philosophie brachte der gewiefte Taktiker Marsch aus der sogenannten Red-Bull-Schule zu allen Stationen in seiner Karriere mit, unter anderem nach Salzburg, Leipzig und Leeds. Unter Marsch geht es immer aktiv nach vorne, mit einer Kompromisslosigkeit, die mehrfach auf Vereinsebene scheiterte. Immer dann nämlich, wenn eine Grundzutat fehlte, die Marsch in seiner Karriere wiederholt hervorhob, bisweilen sogar unter Zuhilfenahme von Gandhi-Zitaten. Um seinen Stil erfolgreich zu spielen, braucht eine Mannschaft im Marsch-Wortlaut „Belief“, einen tiefen Glauben an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten.Die Suche nach diesem Belief, sie führte durch die gesamte Amtszeit des US-Amerikaners und schließlich gute zwei Jahre später am 18. Juni 2026 nach Vancouver. Dort hatten sich 52 497 überwiegend in Rot gekleidete Menschen erst auf den Straßen der Stadt zu einem beeindruckenden Spaziergang und dann im Stadion versammelt, um der zweiten Partie des nördlichen WM-Gastgebers beizuwohnen. Unter ihnen war auch der eilig vom G7-Gipfel zurückgereiste Premierminister Mark Carney, der beim 1:1-Auftakt in Toronto noch genauso gefehlt hatte wie die wichtigste Zutat: Kanada war gegen Bosnien-Herzegowina nervös in „seine“ WM gestartet, in einer Art Light-Version, mit der sich kaum Begeisterung, sondern allerhöchstens freundlicher Beifall auslösen ließ. Mit einem Marsch-Stil, der so verwässert daherkam wie der Kaffee bei der nationalen Restaurantkette Tim Horton’s.Umso beachtlicher war dieser Auftritt wenige Tage später, mit dem Kanada seine Fußballgeschichte neu schrieb: Mit einem 6:0 gegen Katar, das nicht nur der erste WM-Sieg in der Geschichte des Landes war, und die fast sichere Qualifikation für die K.-o.-Runde bedeutete. Sondern auch die Frage aufwarf, wie viel dem fußballerisch bislang unscheinbarsten Gastgeberland noch zuzutrauen sein könnte.Es braucht einen besonderen Fokus auf den Anfang dieser Partie, auf die erste halbe Stunde. Bevor Katar das Spiel nämlich verlor, durch zwei rote Karten mit teils schwerwiegenden Folgen, von denen noch zu sprechen sein wird, hatte Kanada es schon gewonnen.Nach dem Foul an Koné ist auch der foulende Madibo von den Auswirkungen seiner Tat geschocktAnders als die Schweizer, die vergangene Woche in der Mittagshitze von San Francisco noch darauf verzichtet hatten, Katars Spieler im Pressing anzulaufen, sprinteten die Kanadier los: weiterhin ohne Alphonso Davies, aber mit der Courage, jeden Ball erobern zu wollen. Katar fand auch in Vollbesetzung kaum aus der eigenen Hälfte heraus und ging folgerichtig in Rückstand. Cyle Larin erzielte in der 16. Minute das 1:0 und brachte den geschlossenen BC Place zum Beben. Danach liefen die Kanadier gleich noch euphorischer los. In der 29. Minute traf Juventus-Stürmer Jonathan David mit einem Volleyschuss zum 2:0, drei Minuten später sah Homam Ahmed nach einer Notbremse die rote Karte und spätestens mit dem 3:0 – wieder durch David – war das Spiel in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit bereits entschieden. Aber noch nicht zu Ende erzählt.Sechs unspektakuläre Minuten lang lief die zweite Halbzeit, da versuchte Katars Assim Madibo im Mittelfeld gegen den Kanadier Ismael Koné nachzusetzen und grätschte. „Wir alle haben das Knacken auf der Bank gehört“, sagte Marsch später über die Szene, die kaum weiterer Beschreibung bedarf: Koné verließ den Platz auf einer Trage und wurde direkt in ein Krankenhaus verlegt, wo sein offensichtlich gebrochenes Bein am OP-Tisch behandelt wurde. Madibo war von den Auswirkungen seiner Tat offensichtlich selbst geschockt. Er ging nach seinem Platzverweis fast benommen vom Feld.Der Kanadier Ismael Koné winkt dem Publikum zu, als er nach einer Verletzung auf einer Trage vom Spielfeld getragen wird. Emma Peterson/AP/dpa„Wir alle waren schockiert“, sagte Marsch, der die Beschwerden der katarischen Bank gegen die rote Karte für Madibo „eigenartiges Verhalten“ nannte. Die Trainerteams jedenfalls gerieten aneinander, auch Marsch und Katars Trainer Julen Lopetegui diskutierten rund um die Szene und später nach Abpfiff noch einmal wild.„Keine Sekunde“ allerdings wollte Kanadas Trainer auf der Pressekonferenz mit Äußerungen zu Katar verbringen. Immerhin: Sowohl Madibo (persönlich, in der Kabine) als auch Lopetegui (auf der Pressekonferenz) entschuldigten sich bei Koné und wünschten ihm eine schnelle Genesung. Kanada allerdings muss nun damit leben, dass einer der wichtigsten Spieler der Mannschaft für den Rest der WM fehlen wird, „das Herz“ des Teams nannte Marsch Koné: „Aber es ist wichtig, dass wir wissen, dass Ismael zurückkehren wird, stärker als zuvor.“Nach dem Spiel kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen der katarischen und der kanadischen Bank. Die Akteure wollten sich danach nicht mehr dazu äußern. Kaleb Tatum/AP PhotoDa war er wieder, der Gedanke vom Glauben an sich selbst, den der 52-Jährige auch in der Verletzungsszene fand: Die Mannschaft formierte sich zu einem Kreis, nach der minutenlangen Unterbrechung, und spielte dann im Sinne ihres verletzten Kollegen mit einer ansteckenden Leidenschaft weiter. Bis zur letzten Minute der Partie liefen die Kanadier an, als ob es 0:0 stünde, am Ende gaben sie 32 Schüsse ab. Gegen nur noch neun Spieler aus Katar gelang so ein 6:0, nach einem Tor von Nathan Saliba (64. Minute), der Konés Trikot in die Luft hielt, sowie einem Eigentor von Mohamed Al-Mannai (75.) und dem Schlusspunkt in der Nachspielzeit erneut durch David. Es war eine Ansage mit Wirkung: Kanada reicht im dritten Spiel gegen die Schweiz nun ein Unentschieden, um Gruppenerster zu werden und damit auch in der K.-o.-Runde das Spielrecht in Kanada zu behalten. Einem in gewisser Weise neuen Fußball-Land.Die Luft auf den Straßen von Vancouver hatte sich am frühen Abend zwar nicht verändert, außer sich wie üblich etwas abzukühlen. Allerdings: Die Rede, die der US-Amerikaner Marsch auf der Pressekonferenz hielt, war von so viel Pathos, von so viel Belief getragen, dass nicht auszuschließen ist, dass er mit seinen Worten Recht hatte. „Als ich hierhergekommen bin, ging es um mehr als diese Weltmeisterschaft“, sagte Marsch: „Es ging darum, den Sport in diesem Land zu verändern, eine Identität für Fußball in Kanada zu erschaffen. Man kann darüber viel reden, aber es braucht Momente wie diesen heute: Kein Kanadier wird diesen Tag vergessen.“Auf Nachfrage fiel sogar ein Satz, den Kanadier am Morgen des 18. Juni noch belächelt hätten und der Marsch bei Amtsantritt und vermutlich auch in jeder anderen Situation bisher wie ein Eishockey-Puck um die Ohren geflogen wäre: „Kanada“, sagte Marsch, „ist jetzt eine Fußballnation.“
Kanada schlägt Katar 6:0 bei der WM 2026: Die Geburtsstunde einer Fußballnation?
Kanada schlägt Katar 6:0 bei der WM 2026: Die Geburtsstunde einer Fußballnation?















