Plötzlich fussballverrückt: Ein Schweizer hofft, dass Kanadas WM-Euphorie anhält – als Nationalspieler träumte er davonDer Doppelbürger Daniel Imhof kickte sich aus der Provinz bis in die Bundesliga. Er blickt gespannt auf das Aufeinandertreffen seiner beiden Heimatländer und mahnt zur Bescheidenheit.23.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer erste WM-Sieg überhaupt: Kanada gewann gegen Katar 6:0.Darryl Dyck / The Canadian Press via APIn Kanada entsteht in diesen Wochen gerade etwas, das spürt man im ganzen Land. Sogar weit im einsamen Nordwesten, wo riesige Wälder das Land bedecken. Zum Beispiel in Smithers, einem Dorf in der Provinz British Columbia. Dort lebt Daniel Imhof mit seiner Familie. Er ist ein Mann mit einer aussergewöhnlichen Geschichte. Der Kanadier, der Schweizer Fussballmeister wurde. Und der Schweizer, der 36 Mal für Kanada spielte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Imhof sagt am Telefon, dass in den letzten Tagen das Fussballfieber das Land erfasst habe. «Die Begeisterung ist riesig», sagt er. Ausgelöst hat sie das 6:0 gegen Katar. Es war der erste kanadische Sieg an einer WM überhaupt. Jetzt hoffen die Kanadierinnen und Kanadier, dass ihre Fussballer am Mittwoch gegen die Schweiz den ersten Platz in der Gruppe B verteidigen.Dann könnte die Mannschaft für den Sechzehntelfinal zu Hause in Vancouver bleiben. Und auch für einen allfälligen Achtelfinal.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenIm Land des Eishockeys bestimmt plötzlich der Fussball die Schlagzeilen. Einen Sommer lang wenigstens, und Imhof verbirgt nicht, dass ihn das freut. Er hat andere Zeiten erlebt; einst musste er das Land, das ihm zur Heimat geworden war, verlassen, weil er für sich als Fussballer in Kanada keine Zukunft sah. Aber der Reihe nach.Sein Mentor heisst Marcel KollerEs ist der Traum vom Fliegen, der die Imhofs nach Kanada bringt. In den 1980er Jahren verpflanzt die Familie ihr Leben aus Altenrhein im Kanton St. Gallen nach British Columbia. Der Vater arbeitet als Buschflieger; mit kleinen Maschinen fliegt er durch die kanadische Wildnis, um etwa Touristen in entlegene Winkel zu bringen.Die Imhofs kaufen in Smithers ein Haus, das Dorf wird Daniel, der beim Umzug vier Jahre alt ist, rasch zur Heimat, auch den zwei Brüdern und der Schwester. Die Kinder spielen Eishockey, wie alle anderen, Daniel träumt von der NHL. Aber es gibt da noch einen anderen Sport, der ihn und seine Brüder begeistert: Fussball.Daniel Imhof.PDUnd so spielen die Imhofs im Winter Eishockey, und im Sommer finden sie ein paar Freunde, die mit ihnen dem Ball nachjagen. Irgendwann wird Daniel Imhof von einem College-Team entdeckt. Er wird besser und besser und spürt, dass es für ihn in Kanada nicht mehr weitergeht. Fussballkarrieren enden in jener Zeit meist in einer Sackgasse. In den 1990er Jahren gibt es im Land keine Profiliga und auch noch keine kanadischen Klubs, die in der 1995 gegründeten Major League Soccer mitspielen.Über eine Verwandte in der Schweiz kommt Imhof zu einem Probetraining beim FC Wil. Beim NLB-Klub wird der Trainer Marcel Koller zu seinem Mentor, er erklärt ihm das Spiel und hilft ihm, die taktischen Defizite auszumerzen. Bald geht Koller nach St. Gallen, Imhof folgt ihm. Und gehört dort im Jahr 2000 zum Team um Jörg Stiel, Marc Zellweger und Charles Amoah, das den Meistertitel gewinnt. Zum ersten Mal nach 96 Jahren.Es sind Zeiten, über die Imhof heute noch gerne redet, in einem Schweizerdeutsch eines Ausgewanderten, für den Englisch zur Muttersprache geworden ist.Imhof absolviert die meisten Spiele für St. Gallen, 247 insgesamt. Aber der Junge aus Smithers schafft es sogar bis in die Bundesliga. Wieder ist es Marcel Koller, der ihn mitnimmt, diesmal nach Bochum. Imhof spielt 61 Mal in der höchsten deutschen Liga, läuft in München auf, gegen den FC Bayern mit Oliver Kahn, Lúcio, Franck Ribéry und Luca Toni. Er bringt es weit für einen, der sich vieles selbst beibringen musste, dank Einsatzwillen, Disziplin und taktischer Cleverness.Ein Kanadier, der in Europa spielt, ist damals noch eine Seltenheit, und so wird Imhof auch für das kanadische Nationalteam interessant. Er absolviert insgesamt 36 Spiele. Einmal treten die Kanadier im St. Galler Espenmoos gegen die Schweiz an. Für Imhof ist der 3:0-Sieg im Stadion seines Klubs eine schöne Erinnerung. So wie das 0:5 in Argentinien ganz am Ende seiner Nationalmannschaftskarriere, wegen der Ambiance in Buenos Aires.Daniel Imhof lief 36 Mal für die kanadische Nationalmannschaft auf. Für seinen Traum, Fussballprofi zu werden, verliess er einst die Provinz.Matthew Ashton / Empics / GettyZu den weniger schönen gehört der Zweikampf mit Roberto Di Matteo in einem Spiel der Champions-League-Qualifikation. St. Gallen spielt gegen Chelsea an der Stamford Bridge, beide gehen mit Wucht zum Ball, der Zusammenprall ist hart. Di Matteo erleidet einen mehrfachen Beinbruch. Er kommt nie wieder zurück auf den Platz.Imhof hofft, dass von dieser WM etwas bleibtDer Fussball hat Imhof die Welt gezeigt. Jetzt zeigt er daheim in Smithers den Kindern den Fussball, als technischer Leiter bei Bulkley Valley United, dem Klub in der Region. Für ihn stand immer fest, dass er nach seiner Karriere wieder zurück nach Kanada will. Er betreibt dort mit seiner Frau eine Lodge und ein Sportgeschäft. Auch die Brüder, die ihm einst in die Schweiz folgten auf der Suche nach einer Profikarriere, es aber nur zu Einsätzen in den oberen Amateurligen brachten, für Gossau etwa oder Bazenheid, sind wieder heimgekehrt. Der Vater fliegt immer noch in die Wildnis hinaus.In seiner Zeit als Nationalspieler, erzählt Imhof, herrschte zuweilen eine Art Ferienlagerstimmung, das habe ihn «brutal gestört». Aber das war vor zwanzig Jahren, einiges hat sich getan. Seit 2019 gibt es eine kanadische Profiliga. Für Imhofs Kinder, die alle Fussball spielen, existieren heute Wege, um daheim eine Karriere anzugehen.Und im Kader des kanadischen Nationalteams steht mit Alphonso Davies, der bisher an der WM wegen einer Verletzung nicht spielen konnte, ein Weltklassefussballer. Dazu kommt eine Reihe weiterer Akteure, die sich in Europas besten Ligen auskennen: Jonathan David etwa, der Stürmer von Juventus Turin, dem gegen Katar drei Tore gelangen.Das Team wird vom Amerikaner Jesse Marsch trainiert, der mit ausgeprägtem Selbstdarstellungsdrang polarisiert. Den Sieg gegen Katar feierte er so ausgiebig, dass er damit eine Debatte auslöste. Imhof sagt, es sei wichtig, dass die Kanadier nun mit beiden Füssen auf dem Boden blieben.Er hofft, dass etwas bleibt von diesen fiebrigen Tagen, der Fussball in Kanada künftig einen höheren Stellenwert hat. Am Mittwoch, wenn seine alte Heimat gegen seine neue spielt, trägt er zwei Herzen in seiner Brust. Aber wer genau hinhört, merkt schon, welches lauter schlägt.Passend zum Artikel
Ein Schweizer hofft, dass Kanadas WM-Euphorie anhält – als Nationalspieler träumte er davon
Der Doppelbürger Daniel Imhof kickte sich aus der Provinz bis in die Bundesliga. Er blickt gespannt auf das Aufeinandertreffen seiner beiden Heimatländer und mahnt zur Bescheidenheit.











