Zum Auftakt des Prozesses gegen den Beschuldigten im Fall des getöteten Zugbegleiters Serkan Çalar ist es am Mittwoch zu einem Tumult unter den Zuschauern gekommen.Als im Landgericht im westpfälzischen Zweibrücken ein Tatvideo präsentiert wurde, das zeigt, wie der Angeklagte mehrfach auf Çalar einschlägt, äußerte sich ein Zuschauer lautstark, wie Gerichtssprecherin Corinna Zellmann sagte. Justizbeamte schritten ein, die Verhandlung wurde unterbrochen. Der Mann wurde des Saales verwiesen, gegen ihn verhängte das Gericht ein Bußgeld und für die Dauer des Prozesses ein Hausverbot.Der Prozess war bereits mit viel Emotionen gestartet: Viele Familienangehörige des Opfers sind gekommen: darunter sein Vater, seine vier Brüder, Cousins, Tanten und Onkel. Es sei sehr wichtig, Serkan ein Gesicht zu geben, sagt Eray Çalar, einer der Brüder. Es ist heute ein schwerer Tag.Ein Cousin des Opfers aus LudwigshafenSie hielten mit Fotos bedruckte Leinwände in den Händen, die das Opfer zeigten. „Wir wollen zeigen, dass Serkan Çalar hier ist, dass er mit uns gekommen ist. Seine Seele ist hier“, sagt Bruder Ismail. In den Prozess gehe man mit gemischten Gefühlen. Den mutmaßlichen Täter sehe man zum ersten Mal.Angeklagt ist ein 26-Jähriger wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Der Grieche soll den Schaffner bei einer Fahrscheinkontrolle in Rheinland-Pfalz mehrfach so heftig mit beiden Fäusten gegen den Kopf geschlagen haben, dass dieser später starb. Zugbegleiter starb an Hirnblutung Die Tat geschah Anfang Februar in einem Regionalexpress, der von Landstuhl in der Westpfalz nach Homburg im Saarland unterwegs war. Der 36 Jahre alte Schaffner hatte den Angeklagten aufgefordert, sein Ticket zu zeigen. Er hatte aber keinen Fahrschein und wollte sich nicht ausweisen.Daraufhin wurde er aufgefordert, den Zug zu verlassen. Das habe den Mann so verärgert, dass er gewalttätig wurde, wie es in der Anklage heißt. Der Staatsanwaltschaft zufolge soll der Angeklagte dem Schaffner gedroht haben: „I‘m a boxer. I‘m a fighter“ („Ich bin ein Boxer, ich bin ein Kämpfer“).Der Grieche mit Wohnsitz in Luxemburg habe dem Zugbegleiter mehrere kräftige Faustschläge gegen den Kopf und die Schläfen versetzt: Daraufhin kippte der Schaffner bewusstlos um. Zwei Tage später starb das Opfer im Krankenhaus – an einer Hirnblutung. Großer Zuschauerandrang Während die Staatsanwaltschaft den 26-Jährigen wegen Mordes angeklagt hatte, wertet das Landgericht die Tat als Körperverletzung mit Todesfolge. Es gebe derzeit keine Gründe für einen Tötungsvorsatz, hieß es vom Gericht. Wenn sich das im Laufe des Prozesses ändere, werde das Gericht einen rechtlichen Hinweis erteilen. Der Angeklagte kommt in den Verhandlungssaal des Landgerichts. © dpa/Uwe Anspach Der Zuschauerandrang ist groß. So groß, dass nicht alle Einlass im Gerichtssaal finden. Als der Angeklagte in Handschellen hineingeführt wird, kommen aus dem Publikum Zwischenrufe: „Schäm dich“ und „Drecksmörder“. Familienangehörige des Opfers halten ein großes Porträt von Serkan Çalar in Richtung des Angeklagten.„Es ist heute ein schwerer Tag“, sagte ein Cousin des Opfers aus Ludwigshafen. Den Angeklagten zu sehen, sei bedrückend. Am ersten Prozesstag stand zunächst die Verlesung der Anklage an. Dann beantwortete der Angeklagte Ioanni V. Fragen zur Person auf Griechisch, die übersetzt wurden. Neben dem Angeklagten wurden auch Zeugen, Gutachter, Vertreter der Familie des Getöteten sowie ehemalige Arbeitskollegen von der Deutschen Bahn gehört. Angeklagter räumt volle Schuld ein In einer verlesenen Erklärung übernahm der Angeklagte die volle Schuld für das Geschehen und bat die Angehörigen des Opfers um Verzeihung. „Es war eine nicht zu entschuldigende Tat, war ein Moment von blinder Wut“, sagte er. Gerne würde er alles ändern, wenn er könnte, die Tat werde ihn sein ganzes Leben lang verfolgen.Über seine Dolmetscherin sagte er, er habe zwei Tage nach der Festnahme erfahren, dass der Zugbegleiter gestorben sei. „Er konnte nicht glauben, dass es wahr ist.“ Er habe danach 20 Tage lang nichts gegessen und in der Untersuchungshaft auch Suizidgedanken gehabt. Angeklagter gibt Auskunft zur Person Der Angeklagte – in weißem Hemd und dunklem Sakko, die Haare hinter dem Kopf zum Dutt gebunden – gab ruhig und kontrolliert Auskunft zu seiner Person. Er habe Business studiert, sei einige Zeit in England gewesen und habe zuletzt in Luxemburg in der Buchhaltung gearbeitet. Er habe nie Kampfsport wie Boxen betrieben, beteuerte der Angeklagte.2690Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn wurden im Jahr 2025 von der Bundespolizei aufgenommenYalçin Tekinoglu, der Anwalt der Familie des Opfers, die als Nebenklägerin auftritt, kritisierte, dass es nur 30 Plätze für Zuschauer im Saal gibt. Das Gericht hätte prüfen müssen, ob es einen größeren Saal zur Verfügung stellen könne.Es sei auch „ein großes Anliegen der Familie“, an dem Prozess teilzunehmen. Kein Urteil, kein Gericht könne Serkan Çalar zurückbringen, aber die Angehörigen hoffen, dass von diesem Prozess „ein Signal ausgeht“, dass künftig Gewalttaten gegen Mitarbeiter im öffentlichen Raum aufhörten. Laut Anwalt gab es insgesamt zwölf Schläge. Der Angeklagte hat „das objektive Tatgeschehen“ laut Staatsanwaltschaft bereits eingeräumt, einen Tötungsvorsatz aber bestritten. Stellenweise könne er sich nicht mehr erinnern, hieß es. Çalar war der älteste von fünf Brüdern und alleinerziehender Vater von zwei Söhnen. Auch Mitarbeiter der Bahn sind zum Prozess gekommen. Anfang Februar, Rheinland-Pfalz, Landstuhl: Kerzen und Blumen erinnern auf dem Bahnsteig am Bahnhof in Landstuhl an den getöteten Bahnmitarbeiter Serkan Calar. © dpa/Boris Roessler Der Fall löste bundesweit eine Debatte über Sicherheit im Bahnverkehr aus. Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2025 rund 2690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von der Bundespolizei aufgenommen – das waren rund elf Prozent mehr als im Vorjahr.Die Deutsche Bahn testet seitdem beim Personal die Doppelbesetzung: In etlichen Zügen von DB Regio Mitte sind nun zwei Kundenbetreuer gemeinsam unterwegs. Alternativ arbeiten eine Sicherheitskraft und ein Kundenbetreuer zusammen. Von Mitarbeitenden sei zurückgemeldet worden, dass durch das gemeinsame Auftreten kritische Situationen besser entschärft und eine Eskalation verhindert werden konnte, wie ein Sprecher sagte. Ein weiteres Pilotprojekt mit stichhemmenden Westen starte im Juli.Insgesamt sind am Landgericht derzeit acht Verhandlungstage geplant. Mit einem Urteil wäre dann am 9. Juli zu rechnen. (epd/dpa)