Herr Marx, es ist mittags kurz nach zwölf in München, wir sind in Ihrer Brauerei – und Sie trinken Spezi. Was ist da los?Überraschung des Tages, ja, ungewohnt tatsächlich. Aber ich habe gestern zu viel erwischt.Gut, das verleitet hier natürlich auch dazu.Schon, ja. Bald habe ich die Platinkarte von Uber. Ist sonst ein bisschen mühsam, von hier nach Hause zu kommen. Und ich habe gelernt, in Gesprächen mit Journalisten ist alles auf Band, da bleibe ich lieber nüchtern. Hier sind übrigens Brezen, greif zu, fühl dich wie zu Hause. Und wir duzen uns, ja?Na gut, in Ordnung. Wir sind gerade am nördlichen Stadtrand Münchens, hier hat sich Giesinger Bräu vor sechs Jahren vergrößert. Angefangen hat alles 2006 in einer Garage in Giesing. Brauchte München wirklich noch eine Biermarke?Ja, freilich, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Wir haben eine Nische ausgefüllt und haben dann festgestellt: Die ist gar nicht so klein. Solange die Leute ihr Bier verscherbeln, für zehn, zwölf Euro die Kiste, ist ein bisschen Platz für Premium. Wir machen fünf Millionen Liter Bier im Jahr, das ist schon ordentlich. Unser Einzugsbereich ist 80 Kilometer um München, da sind genug Leute mit hoher Kaufkraft.Wie würdest du eure Nische und Zielgruppe beschreiben?Die letzte Gründung einer der großen Münchner Brauereien war 1634, die sind schon etwas angestaubt. Die Leute wollten frischen Wind und supporten uns da ganz gut. Die meisten unserer Kunden sind zwischen 25 und 45. Wir haben so 60 Männlein, 40 Weiblein. Wir haben fast 20 Sorten und können alles an Geschmäckern abdecken. Jetzt ist Alkoholfreies auf dem Vormarsch, unsere zweitstärkste Sorte wird dieses Jahr höchstwahrscheinlich alkoholfreies Bier sein.Und verdrängt damit das Münchner Helle vom zweiten Platz. Blutet da das Bierbrauerherz?Du findest Zitate von mir von vor fünf Jahren, dass ich niemals alkoholfreies Bier machen würde. Aber mittlerweile bin ich fast 50, da kann ich mir nicht mehr jeden Tag zehn Halbe reinstellen. Passiert schon mal, aber tatsächlich müssen wir ja auch dem Trend folgen. Und gucken, dass wir dem Nachwuchs bierige Produkte weiterhin schmackhaft machen. Die wollen jetzt in den Sommermonaten erst mal zwei, drei Alkoholfreie trinken und gehen dann in den Genuss über zum Bierchen. Der Bierabsatz in Deutschland insgesamt ist seit Jahren rückläufig. Da geht ein Stück Kulturgeschichte verloren, oder?Du, solange so ein Ayinger draußen in München sagt, ich mach kein alkoholfrei und festhält an den alten Zöpfen . . . Aber die Welt dreht sich nun mal weiter, ob’s jetzt schade ist oder nicht. Uns ist das wurscht, wir kriegen unseren Laden ausgelastet, auch mit antialkoholischen Sachen. Ist ja nicht so, dass wir eine Saftbude wären, wir wachsen auch mit Bier noch fünf Prozent im Jahr, das ist überdurchschnittlich gut. Verdienen tun wir am Bier und an den alkoholfreien Getränken ähnlich viel.Das Augustiner Alkoholfreie ist irre erfolgreich, genauso wie Paulaner mit der Spezi. Sind euch die Alteingesessenen auf den Fersen?Eher ist es umgekehrt. Wir sind kein großer Konzern, können uns schnell in Richtungen bewegen. Die Spezi gibt’s seit Jahrzehnten, Augustiner war jetzt genötigt, etwas Alkoholfreies zu machen, da haben sie aber auch lange gezaubert. Deshalb sind die ja nicht gleich modern oder auf dem Stand von 2026. Die müssen aus Tradition andere Werte bewahren und können nicht so vogelwild rumspringen wie wir. Uns wird fast jeder Quatsch, den wir machen, als authentisch abgenommen.Umgekehrt wollt ihr den Münchner Traditionsbrauereien seit Jahren etwas streitig machen: nämlich ihr Privileg, auf dem Oktoberfest auszuschenken. Wann gibt’s das erste Giesinger auf der Wiesn?Da kannst du mal eine Anfrage an den Stadtrat stellen. Es gibt für diesen Fall keinen formellen Prozess, weil das seit 200 Jahren keine neue Brauerei ernsthaft versucht hat. Deshalb tun sich alle so schwer. Anders als vom zuständigen Referat für Arbeit und Wirtschaft behauptet, gibt’s keinen offiziellen Antrag, den wir erst mal stellen sollten. Deshalb haben wir ein Bürgerbegehren gestartet. Etwa 33.000 Unterschriften brauchen wir, die Hälfte haben wir. Wenn die zusammen sind, kann einem Bürgerentscheid stattgegeben werden. Da müssten dann mehr als 100.000 Münchner ins Wahllokal dackeln und sagen, Giesinger soll auf die Wiesn.Der Referatsleiter und Wiesnchef Christian Scharpf (SPD) findet euer Vorgehen „etwas befremdlich“.Es ist unser Recht als deutscher Bürger und Münchner Unternehmer! Wenn das 100.000 Bürger wollen, dann findet der 100.000 Bürger befremdlich. Das finde ich halt scheiße. Ganz ehrlich, das ist ein rechtliches Instrument, was man nutzen darf, da brauchen wir gar nicht rumkasperln. Wenn wir die Leute zusammenkriegen, entscheidet der Bürger, was los ist.Ob euer Bier wirklich 100.000 Münchnern so wichtig ist?Da machen wir gute Wahlkampagnen, plakatieren die Stadt mit meinem Gesicht, mal gucken. Das ist der nächste Schritt, damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist.Du gefällst dir ganz gut in der Rolle des Enfant terrible der Branche, oder?Ja, passt schon. Das ist ja auch so ein bisschen mein Antrieb.Gibt’s etwas, das du an den alteingesessenen Brauereien bewunderst?Diese Frage ist neu. Hm. Die können bessere Löhne zahlen als wir, weil denen der halbe Immobilienbestand der Stadt gehört. Die sind ja keine Bierverticker, sondern Immobilienverwalter.Das ist jetzt aber ein vergiftetes Kompliment.Die haben das schon clever gemacht. Damals gleich die Hütte kaufen, und wenn du da unten eine coole Kneipe drin hast, sagst du denen, die dürfen nur dein Bier nehmen. Also das finde ich schon beachtlich, was die aufgebaut haben. Aber die haben ja auch 600 Jahre Vorsprung. Das können wir als Kleiner nicht reißen.Die erste Hürde fürs Oktoberfest ist genommen: Giesinger darf sich „Münchner Bier“ nennen, weil es seit ein paar Jahren gebraut wird mit Münchner Wasser. Den Brunnen haben 8000 Leute finanziert, mit Crowd-funding. Warum geben die euch ihr Geld?Wir sind ehrlich, transparent, authentisch und nicht langweilig. Das ist schon ziemlich einmalig, was wir hier machen, wir nehmen die Leute mit, und das sind natürlich alles auch Markenbotschafter. Die rennen rum und erzählen, sie haben uns 100 Euro geliehen, und der halbe Laden gehört ihnen – und das ist für mich völlig okay.Aber eigentlich erwerben sie ja keine Anteile, sondern leihen euch Geld.Aber es fühlt sich für uns so an, und wir behandeln sie auch so. Wir gucken, dass wir die beim Namen nennen, auch wenn’s bei den vielen Leuten langsam schwierig wird. Aber wir machen ein paar Feste im Jahr, da fühlen die sich dann auch wertgeschätzt. Man darf nicht vergessen, die ganze Hütte steht nur da dank der Crowdfunder, die uns Geld geliehen haben.Schon der vorherige Standort wurde so finanziert. Die Zinsen werden ausgezahlt in Form von Bier und Speisen. Das kommt für euch günstiger als ein Bankkredit, oder?Lange war Null-Prozent-Zinspolitik bei den Banken. Wir hätten also günstig einen Kredit aufnehmen können. Vorausgesetzt, wir hätten den gekriegt, das muss man auch mal dazusagen. Und dann hätten wir jetzt Schulden bei der Bank, aber keinen Einzigen, der draußen rumrennt und die Fahnen hochhält. Klar, die acht Prozent Zinsen sind für uns nicht cash, wir haben nur den Wareneinsatz. Die Leute müssen eh bezahlt werden, die Miete läuft weiter. Und die Leute freuen sich immer ein Loch in den Bauch, wenn hier eine Zins-Abhol-Party stattfindet. Bratwurst for free. Zack, sind sie alle da, und wenn sie noch so weit weg wohnen.Einlösen können die Leute das Guthaben auch in den neun Stehausschänken, quasi kleine, modernere Kneipen. Wie wichtig sind die für euch?Das ist ein Anlaufpunkt für Jung und Alt. Ich finde es cool, weil alle wissen, dass wir dieses Prinzip neu aufbereitet haben. Jetzt wird das nachgemacht in anderen Städten. Wirtschaftlich ist es eh klar, wir verkaufen da einen Haufen Bier und haben eine brutale Sichtbarkeit der Marke, das in der Kombination ist halt einfach richtig gut.Viele andere Kneipen machen zu. Findest du das schade?Heikes Pilsstube hat es halt schwer, weil die ganzen Heavy User auch irgendwann mal über 70 sind. Die können nicht jeden Tag rumlungern und Bierchen trinken. Wir versuchen ja mit den Stehausschänken diese Kultur hochzuhalten. Es ist ein anderes Kneipenleben als vor 20 Jahren: Man hängt nicht acht Stunden in der Kneipe rum, sondern man verabredet sich und geht vorher oder nachher noch auf ein, zwei Getränke.Giesinger ist fest verwurzelt in München und lebt von seiner Fangemeinde. Wie soll es gelingen, außerhalb Bayerns zu wachsen?Wir müssen unsere Geschichte erzählen, von der Garage bis hierher. Bald machen wir wahrscheinlich in Düsseldorf einen Stehausschank auf. Wir haben einen Kinofilm gemacht über uns, den müssen wir dann zeigen. Und dann haben wir vielleicht ein paar Getränkemärkte, damit die Leute unser Bierchen zischen können, die nicht in den Stehausschank gehen.In einem schrumpfenden Markt klingt das fast zu einfach.Wir sind durch und durch optimistisch. Was sollte eine gute Marke sein? Für uns heißt das: gute Produkte. Und wir müssen halt im Gespräch bleiben, nie langweilig sein, immer neues ausprobieren. Wir kriegen schnelles Feedback von der Community. Von zehn Sachen sind halt acht super und zwei scheiße. Wir machen auch ziemlich viel Marktforschung.Was ist das Überraschendste, was dabei mal rausgekommen ist?Da gibt es tatsächlich was. Ich dachte immer, der Laden steht und fällt mit mir, aber die Leute wissen überhaupt nicht, wer ich bin. Wir haben so Interviews gemacht, da wurde dann gefragt: Kennt ihr den Typen hier? Und die so: Nö, wer soll das sein? Da war ich schon geknickt. Ja, geht’s mit euch? Ihr trinkt doch Giesinger Bräu, da müsst ihr doch wissen, wer ich bin? Da war ich eine Woche nicht erreichbar. Aber Spaß beiseite: Man nimmt sich halt manchmal einfach zu wichtig.