Als ich hier unten nach einer horrenden Schussfahrt meines deplombierten Sarges, Mahagoni, getigert, durch die hochgezogenen Kurvenwände einer subcimiterischen Geisterbahn – da eine Vogelspinne, dort ein Hippen-Hippie – endlich ankam, das heißt, von einem Nachtportier mit einem Schweißmützenriemen in der Stirn dergestalt arretiert wurde, dass mein Sargdeckel auf den Kachelboden knallte, robbte ich mich röchelnd, endlich wieder mehr Sauerstoff, empor und bat, die verdammten Sirenen abzutöten, die an einer Schalterwand über dem Hoteltresen ein funzelwirbelndes Heulbojenkonzert – zu wessen Ehren – zu geben für schicklich fanden.Der unsäglich heruntergewerkte Dienstmann band eine Etikette an meine rechte große Zehe und bedeutete, dies sei quasi seine Visitenkarte, wie lesen im konisch verjüngten hölzernen Rock, wenn man ein Bewegungsidiot und der Schimpansen-Schädel-Laus-Stellung nicht mächtig war – es gibt ja Freaks, die können auf zwei Zehen „Maria zu lieben“ pfeifen – nun, mit vereinten Kräften gelang es zur Not und ich entzifferte: Willkommen, zu langsam Gestorbener, in Melittas Etablissement, Umberer, emeritierter Totengräber, rechte Hand Schrempfs. Habe die Ehre, meinerseits was den Namen betrifft – aber diese verdammten Osram-Petarden – oh, Umberer weiß, kann er doch Grabsteine auch von unten lesen, so ein städtischer Zentralfriedhof ist eine Kartei in schwedischem Marmor und Quarzit, zweite Seitenallee rechts, Position 17, Thujanische 5 – nebenbei wir führen ein Roulette – geben Sie sich endlich keine Mühe mehr.Damit schleuderte er einen birnelbeschwerten Ziegenbartschlüssel nach der tobenden Sonnerie und brachte sie, wenn auch funkenspringend, augenblicklich zumindest so weit zum diplomatisch entgegenheuchelnden Verstummen, dass an eine Fortsetzung der sanitarischen Eintrittsmusterung, denn darauf zielte ja wohl alles ab, zu denken war. Es handelt sich hier, raunzte Umberer, um eine Anlage Gauß’scher Scheintotengräber-Alarmlampen, wobei mir schleierhaft ist, weshalb bei Ihrem Arrivée in Melittas Etablissement alle 120 Birnen watt-volt-schwesterlich aufflammten und -heulten, Sie müssen während Ihres Aufenthalts auf dem städtischen Zentralfriedhof – o wie trauere ich zypressenhaft meinem Spatenhandwerk nach – durch eine noch zu erforschende Methode es irgendwie verstanden haben, die Pronto-soccorso-Solidarität jener Mumien zu erwecken, auf die Schrempf, verkrachter Kandidat der Naturheilkunst, die Hoffnung längst aufgegeben hat. Ihrem Notaufnahmestil zufolge könnte man des Verdachts nicht genug ledig werden, Sie verwechselten das rundum verkachelte Souterrain, teils dottergelb, teils altrosa mit einem Stich ins Vitriolgrüne, mit einer Intensivstation. Sie kennen offenbar – wie sollten Sie auch? – die Hausordnung noch nicht. Bitte unterschreiben Sie!Saharasand aus dem StundenglasUmberer streckte mir eine kuchenmarmormierte und brandspurenziselierte Kopie meines Totenscheins entgegen. Sie bekräftigen hiermit, Sterberecht Paragraf 41, Alinea 2, dass Sie Ihre bereits definitiv abgedankte und aus allen Registern der Lebenden gestrichene Existenz auf Ihre eigene Verantwortung hin ad interim prolongieren und sich unserer, der hadeshaften Art, Tätowierungen einzuätzen, nicht allzu ernsthaft widersetzen. Ich gestehe hier, dass ich den Wisch signierte, ganz einfach, um wieder in Schreibübung zu kommen. Das Schlimmste, sagte ich Umberer, hast du hinter dir, worauf er, rasch Saharasand aus einem Stundenglas streuend, in ein körperlich nach außen gedrehtes, kinderlähmungsähnliches Gelächter ausbrach, das aus den drei Metrotunneln, die ich als Mündungen ausmachen konnte, auf mich, die wozu auch immer aufgesparte Leiche zurückfiel.Weit gefehlt, dass Sie nun aufgenommen wären, gluckste der Totengräber im Ruhestand, woher sollten wir auch ein Zimmer nehmen, aber Sie haben die Wahl, sich entweder vom Prestidigitateur Altobelli, der Sie auch nicht mehr zersägen kann, als Sie es ohnehin schon sind, oder vom Kandidaten Schrempf vor der Schneckenwirtin Melitta verbergen zu lassen. Schragen A oder B. Jetzt dankte ich es dem Deutschschweizer Brauch, einen Toten nie ohne Wegzehrung zu beerdigen. „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“, Band 6, ich weiß, doch wer würde einen solchen Notgroschen, ein Goldvreneli, das mir wie ein Taufbatzen ans Armgelenk gebunden war, in dieser Lage, nur weil der Aberglaube der Vater des Wunsches war, nicht für eine Aktie verschleudern?Der Nachtportier und emeritierte Totengräber nahm das geprägte Gold zwischen die Zähne, spuckte das Vreneli in die Spatenhand und gab, was ihm sehr wider die Natur ging, zu: Gut, Sie haben in zwei Stunden einen Termin bei der Gräfin Kulessa. Wie blond?, fragte ich. Wie eine Kerzenflamme, sagte er, die das weiß lackierte Krankenzimmer blendet. Nördlicher Tau?, wollte ich wissen. Er spuckte dreimal auf den Boden: Bremerhaven. Traun fürwahr, ich schöpfte, wenigstens noch einmal, Todesangst.© Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch die Erben Hermann Burgers (SLA-Burger, A-3-b-2-f)Was ist Hermann Burgers „Kulessa-Fragment“?Im Oktober 1985 hielt der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger (1942 bis 1989) eine Lesung bei der Deutschen Buch-Gemeinschaft in Darmstadt. Im Publikum saß dabei auch Hanne Kulessa – die bei Bremerhaven geborene Autorin und Journalistin wäre dieses Jahr 75 Jahre alt geworden – und machte anschließend persönlich Bekanntschaft mit dem damaligen Ingeborg-Bachmann-Preisträger.Aus diesem ersten Treffen entspannen sich umgehend eine Freundschaft und eine Korrespondenz, in deren Rahmen Burger schon einen Monat später an Kulessa schrieb: „Ihr Name fasziniert mich dermaßen, dass ich mich bereits zu einem ‚Kulessa-Fragment‘ überreden ließ, was immer das heißen soll.“ Bis ihm allerdings klar wurde, was „das heißen soll“, dauerte es dann noch eine Weile.Im Herbst 1987, als Burger im Auftrag des Schauspielhauses Zürich ein Drama mit dem Titel „Die Scheintoten“ verfasste, war es schließlich so weit. Dieses „Stück in 13 Bildern“ spielt in der „Kalten Herberge“ unter dem Wiener Zentralfriedhof, wo – in einer Art radikalisierter Version von Sartres „Huis clos“ – eine erlesene Schar Scheintoter ohne Aussicht auf Erlösung ihr elendes Dasein fristen muss.Zum „Personal“ der Herberge, die der Autor im Nebentext als „Mischung zwischen Metro-Station, Stundenhotel und Stollenklinik“ beschreibt, gehören die hetärenhafte Bordellwirtin Melitta, der Arzt Schrempf, die Assistenzärztin Thanata und der Portier Umberer. Zu den scheintoten „Gästen“ wiederum zählen etwa der Zauberer Altobelli, der Pastor Wermelinger, der Formel-1-Fahrer Frascati-San Remo oder eben die betörend schöne, an Gottfried Benns Gedicht „Die Dänin“ gemahnende Gräfin Kulessa. Die Rolle des Protagonisten jedoch bekleidet der von Burger hochgradig autofiktional konzipierte Schriftsteller Stocker, mit dessen Ankunft unter Tage das Stück beginnt. Hier kommt „Das Kulessa-Fragment“ ins Spiel.Geschrieben für Hanne Kulessa, die der gleichnamigen Gräfin Patin gestanden und den Prosatext gekannt hat, schildert diese hoch virtuose, vermutlich Ende 1987 entstandene Ich-Erzählung die expositionelle Situation, wie der Neuankömmling Stocker von Umberer in Empfang genommen und mit einigen Gepflogenheiten in Melittas Reich bekannt gemacht wird.„Das Kulessa-Fragment“ ist also ein Nebenwerk zu „Die Scheintoten“ und befindet sich – wie das unaufgeführt gebliebene Stück selbst – in Hermann Burgers Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv Bern (SLA). Es erscheint hier in Erinnerung an Hanne Kulessa, die das Frankfurter Literaturleben bis zu ihrem Tod vor vier Jahren maßgeblich geprägt hat, und als Hinweis auf die dieser Tage erfolgende Erstveröffentlichung von „Die Scheintoten“ im Verlag Nagel & Kimche (304 S., 24 €).Simon Zumsteig