Hermann Burger gönnte dem Tod die Pointe nichtDer Schweizer Schriftsteller machte aus Todesangst grosse Komik – nun erscheint sein wildes und bislang unaufgeführtes Theaterstück als Buch.Paul Jandl09.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn Hermann Burgers Scheintotenreich geht es lustig zu.Yvonne BöhlerWo sind sie hin, die grossen Exzentriker? Die Ich-Sager, die nicht gleich die ganze Welt an sich reissen, sondern manchmal in einer Republik unschuldigen Wahns leben? Der Schweizer Schriftsteller Hermann Burger war so jemand. Genial bis zum Anschlag. Ein Zauberer, dessen grösstes Verhängnis es war, selbst verwunschen zu sein. Manisch-depressiv. Getrieben von Phasen fast unheimlicher Produktivität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenige Monate vor Burgers Tod im Februar 1989 gab es noch einmal ordentlich Krach. Der Autor hatte von seinem Verlag S. Fischer einen Ferrari Testarossa als Vorschuss für den neuen Roman verlangt und ihn naturgemäss nicht bekommen. Die «Weltwoche» druckte eine Schmährede Burgers ab. Darin wurde seine langjährige verlegerische Heimat für den Umgang mit Schriftstellern gerügt («pure Tierquälerei») und für ihre Knausrigkeit. «Anstelle eines anständigen Buffets» gebe es im Frankfurter Verlagshaus nur «Käsehäppchen und einen sauren Wein».Besser war der Wein wohl bei Suhrkamp. Dorthin ging Hermann Burger mit «Brunsleben», dem ersten Band seiner geplanten Brenner-Tetralogie. Er wechselte den Verlag mit hochfliegenden Plänen, die allerdings von einem letzten Tiefschlag zunichtegemacht wurden. Von einer Phase der Verzweiflung, die in einer Überdosis von Barbituraten endete.Die Gefahr, lebendig begraben zu werden, im KopfNiemand hat dem Tod in seiner Arbeit so viel Raum gegeben wie der 1942 in Aarau geborene Sohn eines Versicherungsinspektors. Seine totale «Totologie» hat Hermann Burger in allen Werken und in allen Formen durchdekliniert. Es gibt bei ihm den altbekannten routinierten Tod, den Scheintod und den Freitod. Letzterem hat der Schriftsteller ein ganzes Buch gewidmet, den «Tractatus logico-suicidalis».Berühmt wurde Burger 1976 mit dem Roman «Schilten», in dem es um einen weltentrückten Lehrer geht, der sich ganz in die Todesthematik verstrickt. Statt Heimatkunde will er Friedhofskunde lehren. Der Scheintod und die Gefahr, lebendig begraben zu werden, zirkulieren als Ideen in seinem Kopf, während er selbst aus dem Zirkel der Kollegen ausgeschlossen wird. Berufsverbot. Zeit genug, um aus dieser Situation des beruflichen Scheintods Rechtfertigungsbriefe an die Behörden zu schreiben. Es sind philosophisch ausgefeilte Episteln der Einsamkeit, wie überhaupt Hermann Burgers seelenkranke Figuren aus dem Leiden fast immer Kunst machen. Das haben sie mit ihrem Erfinder gemein.«Schriftsteller sein heisst, Sprache haben über den Tod hinaus.» So steht es in Burgers Erzählung «Der Schuss auf die Kanzel». Für das postmortale Sprechen der Schriftsteller gibt es die Archive, und im Fall des schweizerischen Übertreibungskünstlers kümmert sich das nationale Literaturarchiv in Bern akribisch um den Nachlass. Hier lagern Phantasiegebilde, die zu Lebzeiten des Schriftstellers an kunstbetrieblichen Realitäten scheiterten.Der Wahnsinn mit Methode war uferlos, so uferlos wie das um 1987 entstandene, niemals aufgeführte Theaterstück aus Hermann Burgers Feder, das man jetzt immerhin lesen kann. Es ist eine dramaturgische Monstrosität und zugleich die Essenz aller seiner Ideen. Ein letztes und abgründiges Aufbegehren seiner bekannten Figuren. Halb Thomas Bernhard, halb satirischer Sartre. Es heisst «Die Scheintoten».In Hermann Burgers Scheintotenreich geht es lustig zu. Mit einigem Gerumpel donnern die Särge durch eine Röhre ins Souterrain. Der oberirdische Friedhofsverwalter Kranebitten schickt die Halbgestorbenen in ihr neues Domizil, das aussieht wie eine Metrostation. Oder ein Stundenhotel. Oder eine Stollenklinik. Oder eben alles zusammen. Hier gibt es medizinisches Personal, das sich in heiterem Desinteresse über die Patienten beugt. Die «Vita-minima-Existenzen» müssen die per Hausordnung vorgeschriebene Untertemperatur von 35,5 Grad haben und sind den ohnehin irrelevanten Diagnosen des Primarius Schrempf ausgesetzt: «Inszenierte Neurasthenie, präkollaptisch, pseudo-hyperästhetisch nach Bonhoeffer.»Hermann Burgers «Scheintote» sind Slapstick. Bild: 1970.Ullstein / GettyIn der via Telefon mit der Oberwelt verbundenen Anstalt verkehren Gestalten, die man aus Burgers Werk kennt. Schwadroneure. Ausnahmekünstler. Frauen, die das freudsche Paradox aus Mutter und libidinöser Aufladung verkörpern. Zu den persönlich therapiewürdigen Tragiken Hermann Burgers soll gehört haben, dass die Mutter dem Sohn auf ihrem Totenbett befahl, bis zur Ehe von Sexualität und Masturbation abzusehen. Das prägt, zeichnet fürs Leben, aber bei diesem Schweizer Autor ist das Menschsein ohnehin auch immer Karikatur. Die Scheintoten in den «Scheintoten» sind Virtuosen ihres Fachs. Sie sind auf ewig gebunden an eine Kunstsinnigkeit, die ihnen ein sonst sinnvolles Leben verunmöglicht. Der Künstler, könnte man mit Hermann Burger sagen, ist der Scheintote schlechthin. Und zwar von Geburt an.Ohne Rücksicht auf die Belastungsfähigkeit des PublikumsIn seiner Erzählung «Diabelli» hat der Schriftsteller einen Zauberer vorgeführt, dessen Fingerfertigkeit weithin unübertroffen ist. Dieser Diabelli ist ein Prestidigitateur, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, ein «Prestigeprestidigitateur» sogar. Sein Verhängnis: Hinter den vielen Masken seines Berufs kann er sich selbst nicht mehr finden.Im Stück gibt es einen Diabelli-Wiedergänger, der Altobelli heisst. Weil aber unter Scheintoten der Schein nichts Besonderes ist, bleibt ihm der Applaus versagt. Genauso ist es beim Pianisten Keyserlingk, der auf einem Flug nach Peking mit den Berliner Philharmonikern abgestürzt, aber nur halb gestorben ist. Endlos spielt er in der «subterrestrischen Pension» die «Valse brillante» von Chopin. Der Ex-Rennfahrer Frascati-San Remo ist in einer ganz anderen Schleife gefangen. Auf dem Circuit von Monaco. Wieder und wieder fährt er in Gedanken mit seinem Ferrari die Strecke ab.Es sind Emanationen des Manischen, die Hermann Burger ohne Rücksicht auf die Belastungsfähigkeit des Publikums vorführt. Dazu passt auch Burgers Alter Ego namens Stocker, der Neuzugang in der imaginären Zwischenwelt. Schriftsteller, selbstbewusst, aber hier unten mit einem misslichen Fluch belegt. Er kann die ganze Weltliteratur zitieren, aber sich nicht an sein eigenes Werk erinnern. Er müsste, er könnte es neu erfinden, aber wozu und für wen, wenn der Schein und die Lügen der Literatur nichts mehr zählen. Der Plan der Flucht ist schnell gefasst.Die «Scheintoten» sind Slapstick, wie man ihn aus den Stücken Elfriede Jelineks kennt, und sie haben einen fast unfreiwilligen feministischen Aspekt. Hier herrscht ein therapeutisches Matriarchat. Die Directrice Melitta und die Assistenzärztin Thanata sind schwüle Phantasien, empathisch und unnahbar zugleich. Als man dann noch Stockers eigene Therapeutin in der kalten Herberge anliefert, wird es ihm zu viel. Er befördert sie vom Halbtod in den Ganztod.Herausgeber Simon Zumsteg zeichnet in seinem Nachwort zu den «Scheintoten» sehr materialreich und genau nach, warum es nie zu einer Aufführung des Stücks kam. Tod, wo ist deine Pointe?, fragte man sich am Zürcher Schauspielhaus. Das sei alles zu zerfahren. Dabei ist es grosses Burgersches Welttheater. Theater in seinem eigenen Kopf mit allen Untoten aus seinem Werk. Der Schluss-Gag des Stücks ist dann doch mehr als eine Pointe. Wie entkommt der Schriftsteller dem Scheintotenreich? Geradewegs durchs Publikum.Hermann Burger: Die Scheintoten. Stück in 13 Bildern. Herausgegeben von Simon Zumsteg. Verlag Nagel und Kimche, Hamburg 2026. 304 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel