Die Geopolitik der US-Basen: Die «Donroe-Doktrin» und Chinas Aufstieg verändern Europas militärische RolleDank seinem Netzwerk aus Stützpunkten kann Washington weltweit Kriege führen. Es nutzt sie aber auch als Instrumente der Soft Power – oder bestraft Alliierte mit Truppenabzügen. China sichert seine geopolitische Macht auf andere Weise.24.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenIm Februar 2022 bauten die USA eine temporäre Militärbasis auf dem Flughafen Arlamow in Polen auf, um die Nato gegen potenzielle russische Angriffe zu verteidigen.Beata Zawrzel / NurPhoto / GettyDie Nachricht schreckte die Europäer auf: Die USA haben angekündigt, 5000 amerikanische Soldaten aus Deutschland abzuziehen und ein Kontingent von 4000 versprochenen Truppenangehörigen nicht nach Polen zu verlegen. Später sagte Präsident Trump den Polen dann doch zusätzliche Truppen zu – weil er sich so gut mit dem polnischen Präsidenten verstehe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den Alliierten herrscht Verwirrung. Sicher ist: Das globale Netz der amerikanischen Stützpunkte und Basen ist wieder in Bewegung, wie immer bei grossen geopolitischen Veränderungen.Ein paar tausend Armeeangehörige mehr hier oder dort fallen zwar nicht ins Gewicht. Die Frage ist aber vielmehr: Was signalisieren diese Massnahmen? Will sich Trump nur an Friedrich Merz rächen, weil dieser den Iran-Krieg als strategischen Fehler bezeichnet hat? Oder ist der Abzug aus Europa ein Teil des lang angekündigten «pivot to Asia», der Verlagerung des strategischen Schwerpunkts in den Pazifikraum, die bereits 2011 von Präsident Obama beschlossen worden war?Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht das «Basen-Imperium»Gorana Grgic ist die Leiterin des Global-Security-Teams am Center for Security Studies der ETH. «Ja, der angedrohte Abzug aus Deutschland wirkt tatsächlich impulsiv», sagt sie. Im Fall Polens sei das Motiv allerdings komplexer. Denn die amerikanische Präsenz an der Nato-Ostflanke gehöre zu den Abschreckungsmassnahmen, die schon nach dem ersten russischen Überfall auf ukrainisches Territorium 2014 ergriffen worden seien.Die Politikwissenschafterin Gorana Grgic stammt aus Kroatien und hat lange in Australien und den USA gearbeitet.PDJetzt zeigt sich aber immer klarer, dass die USA ihre Präsenz in Europa reduzieren – angeblich, um sich vermehrt nach Asien zu orientieren. Doch die Politikwissenschafterin, die als Forscherin und Beraterin die meiste Zeit in Australien und Asien verbrachte, fügt an: Ihre Kontakte in Japan, Südkorea oder Singapur seien sich keineswegs sicher, ob die Neuorientierung wirklich stattfinde. Denn die USA hätten jüngst sogar Ressourcen aus dieser Region abgezogen – für den Krieg gegen Iran.Die Geopolitik der amerikanischen Militärbasen hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg stark verändert: beeinflusst von wechselnden Bedrohungswahrnehmungen, dem technologischen Fortschritt und dem Wandel der militärischen Doktrinen.Am Ende des Zweiten Weltkriegs verfügten die USA über Zehntausende grössere und kleinere Einrichtungen in rund hundert Ländern. Damit schuf Washington das erste «Basen-Imperium» der Welt. Die wichtigsten Standorte dienten zunächst der Besetzung und später dem Wiederaufbau der besiegten Achsenmächte Deutschland und Japan.Imperium oder wohlwollender Hegemon?Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurden die Basen in den «Frontstaaten» Westeuropas und Ostasiens zum militärischen Rückgrat der Abschreckung und Zurückdrängung der Sowjetunion. Der grösste Luftwaffenstützpunkt in Europa war und ist Ramstein, das 1949 von den Franzosen geplant und bis 1951 von den Amerikanern gebaut und bezogen wurde. Mitte der 1980er Jahre waren in der Bundesrepublik 250 000 amerikanische Soldaten auf über hundert Standorten stationiert.Bei diesem globalen Netzwerk handle es sich aber nicht um die Infrastruktur eines klassischen Imperiums, sagt Grgic. Im Gegensatz zu früheren Reichen, die Stützpunkte meist nach gewaltsamen Eroberungen errichteten, basierte die amerikanische Präsenz oft auf Verteidigungsabkommen mit souveränen Gastnationen. Mit Blick auf Westeuropa spricht der norwegische Historiker Geir Lundestad von einem «empire by invitation». Militärische Präsenz geht Hand in Hand mit engen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen.Natürlich sei das Machtgefälle immer mitentscheidend gewesen, räumt Grgic ein, aber als «wohlwollender Hegemon» hätten die USA auch öffentliche Güter wie Sicherheit und kollektiv genutzte Institutionen wie die Nato, das Bretton-Woods-System oder die Welthandelsorganisation geschaffen. Auf einem andern Blatt stehe allerdings, wie unzimperlich die USA zeitweise in Lateinamerika vorgingen, das sie als ihren «Hinterhof» betrachteten. «Das sieht dann schon mehr nach Imperialismus aus.»In den 1950er-Jahren nahmen die Amerikaner die Luftwaffenbasis Ramstein in Deutschland in Betrieb – diese bleibt bis heute wichtig.Ullstein / GettyAn manchen Orten – etwa in Westdeutschland – wurden die amerikanischen Basen auch zu Instrumenten von Soft Power. Die einheimische Jugend ahmte den «way of life» nach, der in diesen amerikanisierten Siedlungen vorgelebt wurde. Aber es gab immer auch Konflikte wie auf der japanischen Insel Okinawa, wo in den 1990er Jahren die Vergewaltigung eines Mädchens durch amerikanische Soldaten zu Massenprotesten führte. Der Widerstand gegen den Militärflughafen dauert dort bis heute an. Die meisten Standorte sind für die ansässige Bevölkerung auch ein Wirtschaftsfaktor. Doch die Gastgeber kritisieren oft, die Truppe versorge sich fast ausschliesslich mit amerikanischen Gütern.Mit dem Ende des Kalten Krieges und dann vor allem mit dem «War on Terror», den die USA 2001 nach dem Angriff von al-Kaida auf New York ausriefen, begann ein grosser Umbau. Dutzende Stützpunkte wurden geschlossen, unter anderem auf den Philippinen, in Südkorea und in Deutschland an den Nahtstellen der Ost-West-Konfrontation. Mit den Kriegen am Golf und in Afghanistan nahm die strategische Bedeutung des Nahen Ostens zu.Nach dem em Ausbruch des Vulkans Pinatubo 1991 evakuierten die USA ihre Basis auf der philippinischen Insel Clark. Darauf kündigte die philippinische Regierung den Amerikanern und baute den Stützpunkt zu einem internationalen Flughafen um.Patrick Aventurier / Gamma-Rapho / GettyUnter Präsident George W. Bush trieb Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Transformation voran: von den grossen, permanenten Garnisonen hin zu einem dynamischeren Netzwerk kleinerer Standorte. Diese wurden oft zusammen mit den lokalen Verbündeten betrieben. Je nach Lage und Bedarf entsandte Washington grössere oder kleinere Militärkontingente.«Dieses Rotationsprinzip ist seither viel wichtiger», sagt Grgic. Nicht zuletzt, weil diese zeitlich begrenzten Entsendungen günstiger seien als der Unterhalt von grossen, dauerhaft besetzten Basen. Aber das gelte nicht überall: In der westlichen Hemisphäre, die Washington heute mit der «Donroe-Doktrin» als Einflusssphäre beanspruche, würden die USA wohl auf permanente Präsenz setzen: von der Karibik bis nach Grönland. «Zusammen mit der Verlagerung in den Indopazifik wird diese Gewichtsverschiebung zulasten der Präsenz in Europa gehen.»Handlungsfähigkeit, nicht strategische AutonomieIm Moment allerdings deutet nichts darauf hin, dass die Standorte in Europa für die USA bald an Bedeutung verlieren. Schliesslich sind sie für die Einsätze in Nahost und Afrika unabdingbar. Heisst das umgekehrt, dass die Europäer mit diesen Basen gegenüber den Amerikanern ein Machtinstrument in der Hand haben? «Im Prinzip ja», sagt Grgic, «nur müssten sie ihre Karten auch klug ausspielen.»Das sei jetzt nicht der Fall: Das Spektrum reiche von der Vetopolitik von Pedro Sánchez, der im Iran-Krieg die spanischen Stützpunkte für die Amerikaner sperre, bis zu Donald Tusk, der inständig um deren Präsenz an der Ostflanke werbe.Die Marinebasis Rota im spanischen Andalusien: Im März verweigerte Spaniens Präsident Pedro Sánchez den USA deren Nutzung im Krieg gegen Iran.Eduardo Briones / GettyUm gegenüber den USA an Gewicht zu gewinnen, müssten die Europäer gemeinsam abgestimmte Positionen vertreten. «Doch in der Nato bricht noch immer eine Kakofonie der Stimmen aus, wenn es um die gegenwärtige Bedrohungslage geht», sagt Grgic. Es gebe grosse Differenzen zwischen den Ländern im Nordosten, die sich einer unmittelbaren russischen Bedrohung ausgesetzt sähen, und den Mittelmeerländern, deren Sorgen vielmehr Nordafrika und dem Nahen Osten gälten.Doch Trumps Griff nach Grönland hat einen heilsamen Schock ausgelöst. Was lange nur eine französische Marotte schien, ist im Mainstream angelangt: die Debatte um die strategische Autonomie Europas. Doch die Politikwissenschafterin bleibt skeptisch. Sie zieht stattdessen den Begriff der «strategischen Handlungsfähigkeit» («strategic agency») vor. «Autonomie setzt eine Geschlossenheit unter den Europäern voraus, die es nicht gibt.»Realistischer sei es, auf die enge Koordination unter den Europäern zu setzen, zu denen sie neben den Nato- und EU-Ländern selbstverständlich auch Grossbritannien und die Schweiz zählt. Tatsächlich existieren bereits Zusammenschlüsse, die auch ohne amerikanische Hilfe operieren könnten: etwa die Joint Expeditionary Force unter Führung Grossbritanniens, zu der zehn vorwiegend nordische und baltische Staaten gehören. Sie könnten kollektiv auf einen Angriff reagieren, auch wenn die Nato blockiert wäre.Die Luftwaffenbasis Bagram in Afghanistan im Mai 2002: Nach der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 mussten die Amerikaner diesen Stützpunkt aufgeben.Scott Nelson / GettyChina baut am ImperiumDie grosse Herausforderung für die Amerikaner liegt woanders: China konkurrenziert die USA als führende Supermacht immer stärker. Wird Peking das amerikanische Modell eines globalen Netzwerks von militärischen Stützpunkten kopieren? Nein, sagt Grgic, China habe einen anderen Weg gewählt: Durch Infrastrukturbauten wie Häfen – oft vorfinanziert und auch militärisch nutzbar – gewinne es im Indischen Ozean, in Afrika, aber auch in Südamerika an Einfluss.Die Machtprojektion Pekings funktioniert über wirtschaftlichen Einfluss und Abhängigkeiten, die ohne eine direkte militärische Präsenz auskommen: den Abbau von kritischen Mineralien, die Aufsicht über Lieferketten und den Bau von digitalen Netzen, deren Datenflüsse Peking überwachen kann.«Das, woran die Chinesen seit Jahren systematisch arbeiten, kann man schon als den Bau eines Imperiums bezeichnen», sagt Grgic. Es erstrecke sich in konzentrischen Kreisen rund um China, und die Staaten seien in unterschiedlichem Mass wirtschaftlich vom Reich der Mitte abhängig.Der strategische Wettbewerb mit China präge die amerikanische Aussenpolitik seit zwei Jahrzehnten, sagt Grgic. Insofern gebe es Kontinuität. «Doch in der Administration schwankt die Konzentration auf diese Frage.» Für Eldridge Colby, den amerikanischen Staatssekretär für Verteidigungspolitik, sei der Indopazifik absolut prioritär. «Für ihn und seine Leute sind das Engagement für die Ukraine, die Intervention in Venezuela und auch der Krieg in Iran gefährliche und unnötige Ablenkungen von der eigentlichen Aufgabe: China einzuhegen.»Der Hafen von Chancay in Peru wurde von einer staatlichen chinesischen Firma gebaut – China übt unter anderem über wirtschaftliche Abhängigkeiten geopolitischen Einfluss aus.Angela Ponce / ReutersEuropa muss die Lücken füllenDoch mit Trump als Präsidenten, da ist sich Grgic sicher, kann es keine langfristige amerikanische Strategie geben: Nach dem Coup in Venezuela ist nun auch ein Regimewechsel in Kuba ein Thema. Dass die USA sich im Nahen Osten in einem «Krieg der Wahl» («war of choice») festgebissen haben, beobachten die Chinesen laut Grgic sehr gelassen. Weshalb? Die Expertin zitiert Napoleon, der gesagt haben soll: «Störe deinen Gegner nie, wenn er dabei ist, einen Fehler zu machen.»Solange diese Administration im Amt sei, sagt Grgic, seien Voraussagen eigentlich unmöglich. Mit zwei Ausnahmen: Der immer intensivere Wettbewerb zwischen China und den USA werde die kommenden Jahrzehnte prägen. Und: Die amerikanische Truppenpräsenz in Europa werde abnehmen. «Es entstehen Lücken, die wir nun selber füllen müssen.»Passend zum Artikel