Als Schwule und Lesben auf Zehenspitzen durch die Welt gingen: Homosexualität im Kunstmuseum BaselDas Thema gleichgeschlechtliche Liebe in der Kunst blieb in der Schweiz lange eine Randerscheinung. Nun widmet das Kunstmuseum Basel der Homosexualität eine Ausstellung.Gabriel Katzenstein, Basel24.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGleichgeschlechtliche Liebe in Britisch-Ceylon: «L’après-midi» (1935) von David Paynter.Brighton & Hove MuseumsAuf einer Warntafel am Eingang heisst es, die Ausstellung enthalte «sexuell explizite Inhalte». Um keine falschen Erwartungen zu wecken: Abgesehen von einer erotischen japanischen Shunga-Bildrolle und einigen Nacktdarstellungen bleibt die Schau mit dem Titel «The First Homosexuals» des Basler Kunstmuseums züchtig. Die Triggerwarnung müsste anders lauten: «Wir öffnen erstmals unser geheimes Kabinett zur gleichgeschlechtlichen Liebe.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar hatten das Migros-Museum 2007 mit Henrik Olesen und das Musée Rath 2023 mit «Loving – Ils s’aiment» ein erstes Kapitel zur Homosexualität in der Kunst aufgeschlagen. Gleichwohl blieb das Thema hierzulande eine Randerscheinung – anders als in London mit «Queer British Art 1861–1967» in der Tate Britain 2017 oder jüngst in Düsseldorf mit «Queere Moderne 1900 bis 1950».Die Schau zur Homosexualität mit dem Zusatz «Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939» wurde ursprünglich für den Kunstraum Wrightwood 659 in Chicago von Jonathan D. Katz entwickelt. Sie gelangt nun, von 353 auf rund 90 Exponate reduziert, nach Basel. 25 Fotografien werden in digitaler Form gezeigt. Ergänzt wurde die Ausstellung durch eigene Exponate. Die Schau bietet die Chance, bislang in der Schweiz nicht gezeigte Werke kennenzulernen oder sich bei bekannten Werken auf eine neue Lesart einzulassen.Den Auftakt bildet eine Vitrine mit einem Faksimile des Briefes von Karl Maria Kertbeny an Karl Heinrich Ulrichs, in dem der Begriff «Homosexual» 1868 erstmals fällt. Ein Jahr später erschien das Wort in einem anonym verfassten Pamphlet von Kertbeny gegen den Paragrafen 143 des preussischen Strafgesetzes, das «widernatürliche Unzucht» zwischen «Personen männlichen Geschlechts» unter Strafe stellte. Kertbeny und Ulrichs kämpften dafür, Homosexualität zu entkriminalisieren.Kontrapunkt zur Vitrine bilden Exponate aus der Zeit, als es den Begriff «Homosexualität» noch nicht gab. Hervorzuheben sind Johann Heinrich Füsslis Federzeichnung «Zwei sich liebkosende junge Mädchen» sowie Albrecht Dürers «Männerbad». Weiter geht es zu den Porträts von Schwulen und Lesben. Dichter wie Oscar Wilde und Walt Whitman sowie die Malerinnen Ottilie W. Roederstein und Augusta Roszmann sind hier vertreten. Bei einer karikierenden Wilde-Teekanne werden die effeminierten Posen des ästhetizistischen Dandys sichtbar.Ohne VerschleierungAls Entdeckung kann das 1894 entstandene «Interieur in Florenz mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter» gelten. In der Schlafzimmerszene sitzt John bei Tagesanbruch auf der Bettkante und zieht sich die Socken an, während sein Freund Hendrik im Bett liegt und versonnen einem Kätzchen über das Fell streicht. Der Maler Andreas M. Andersen verzichtet dabei auf jede Maskierung und Idealisierung.Das Gemälde «Interieur in Florenz mit Hendrik Andersen und John Briggs Potter» (1894) von Andreas Andersen zeigt Homosexualität unverstellt.Museo Hendrik C. Andersen, RomIn dieser intimen Genreszene erscheint das Beisammensein selbstverständlich. Zugleich sind die Personen namentlich bekannt. Der Künstler verschleiert nichts. Mit Édouard Manets «Olympia» vergleichbar, verzichtet der Künstler auf jeden Deckmantel aus Bibel, Mythologie, Historie, Symbolismus oder Orientalismus.Camouflagen, Chiffren und Codes, welche die Homosexualität verbergen und Eingeweihten kenntlich machen sollten, finden sich indes in vielen Werken in der ganzen Ausstellung. Die wenigsten Künstler und Künstlerinnen setzten sich nach 1869 das Etikett «Homosexualität» ans Revers. Sie trugen weder die Regenbogenfahne wie eine Monstranz vor sich her, noch sprachen sie von einer neuen Identität. Vorsicht war bis weit ins 20. Jahrhundert geboten.Bei Glyn Warren Philpots «Porträt eines Mannes mit Hibiskusblüte» ist es allein die Blume hinter dem Ohr, die ein Zeichen der Erkennung setzt. Bei Louise Catherine Breslau ist es das traute Beisammensein zweier Frauen im «Gegenlicht». Der uruguayische Schriftsteller und Pionier der frühen Schwulenbewegung Nin Frías nannte dies 1933 «auf Zehenspitzen durch die Welt gehen».Im kolonialen KontextDie Autoren des Katalogs weisen auch auf die kulturelle Veränderung durch die Kolonialmächte und deren aufgezwungene homophobe Gesetzgebung hin und heben dabei die Bedeutung der Strafgesetzgebung hervor.Männliche Nacktheit in Ludwig von Hofmanns Gemälde «Nackte Fischer und Knaben am grünen Gestade» von 1900.Museum der bildenden Künste LeipzigGleichgeschlechtliche Liebe wurde als «carnal intercourse against the order of nature» auch in den Kolonien kriminalisiert. Tragischerweise blieb bei der Dekolonisierung eine Entkriminalisierung aus. Subtil unterlief David Paynter in «L’après-midi» 1935 unter der Kronkolonie Britisch-Ceylon die Zensur. Das Gemälde zeigt zwei nackte Jugendliche im Gespräch vor tropischer Kulisse. Der Katalog weist auf den Blickkontakt, die phallischen Baumstämme und auf zwei rote Blüten als erotischen Subtext hin. Zu den kolonialen Werken zählen auch Gabriel Morcillos laszive Darstellungen von Sklaven sowie Blumen- und Gemüsehändlern.Laut Ausstellungstitel schliesst «die Entstehung neuer Identitäten» im Jahr 1939, zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Wenn schon mit Jahreszahlen jongliert werden soll, wäre das Jahr 1933 zutreffender: In diesem Jahr wurde das von Magnus Hirschfeld aufgebaute Institut für Sexualwissenschaft in Berlin, das eine bahnbrechende Rolle in der Erforschung und der gesellschaftlichen Enttabuisierung von Homosexualität spielte, von den Nationalsozialisten zerstört. Hirschfeld ist eine Vitrine gewidmet.Kunstmuseum BaselKunstmuseum Basel«Freundinnen» (1937) von Irène Zurkinden und das «Selbstbildnis mit roter Mütze» (1894) von Ottilie Wilhelmine Roederstein.Dass mit dem Wort «Homosexualität» eine neue Identität entstanden sein soll, dürfte der gegenwärtigen Identitätsdebatte geschuldet sein. Jedenfalls gab es auch vor 1869 selbstbewusste Schwule. In der Schweiz wäre Heinrich Hössli zu nennen. Entscheidend ist, was das Gesetz und die Gesellschaft tolerieren. Gemäss dem Kurator Jonathan D. Katz soll «La Blanchisseuse» von 1879, gezeichnet von Pascal Dagnan-Bouveret, das erste Bild in der europäischen Kunstgeschichte sein, das ein gleichgeschlechtliches Liebespaar zeigt.Eine Daguerreotypie hingegen, die vom Metropolitan Museum of Art in New York auf zirka 1850 datiert wird, zeigt «Two Young Men», die ihre Oberschenkel gegenseitig übereinanderschlagen: ein erotisches Motiv, das als «slung leg» bekannt ist. Es ist durchaus denkbar, dass die «New Identity» schon vor 1869 begann. Denn Homosexualität gab es immer schon.The First Homosexuals, Kunstmuseum Basel, bis 2. August. Katalog: Fr. 72.–. Ausführliche Ausstellungsbroschüre gratis.Passend zum Artikel