Versteckspiel um Taliban-Besuch bei der EU: Ohne Gegenleistungen wollen die Islamisten nicht über Ausschaffungen redenUnter grosser Geheimhaltung sind Vertreter der afghanischen De-facto-Regierung nach Brüssel gereist. Die EU-Staaten sind auf ihre Mitarbeit angewiesen, wollen sie aber nicht diplomatisch anerkennen.23.06.2026, 18.57 Uhr4 LeseminutenDie EU-Kommission traf am Dienstag Vertreter der Taliban. Die Gespräche fanden aber bewusst nicht im Hauptgebäude statt, um keine diplomatische Anerkennung zu suggerieren.ImagoMit den Taliban über Rückführungen von Afghanen zu reden: Das war seit Wochen der Plan der EU-Kommission, den sie auch öffentlich kommuniziert hat. Als die Angelegenheit dann konkret wurde, begann aber ein Versteckspiel, wie man es selbst im diplomatisch erprobten Brüssel nur selten erlebt: Kommen die Vertreter des islamistischen Regimes bald an, sind sie schon in der Stadt, oder platzt das Treffen doch noch in letzter Minute?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbst am Dienstagmittag wollte die EU-Kommission diese vermeintlich simplen Fragen weder vor laufenden Kameras noch im Hintergrund beantworten. Die einzige verlässliche Information stammte vom belgischen Aussenministerium, das auf Anfrage bestätigte, fünf Taliban-Vertretern – nach eingehender Sicherheitsprüfung – ein 24-Stunden-Visum ausgestellt zu haben. Für welchen Tag, wollte jedoch auch diese Behörde nicht sagen.Erst am späten Dienstagnachmittag vermeldete ein Kommissionssprecher dann immerhin, dass «Dienststellen der Kommission und Schweden heute in Brüssel gemeinsam den Vorsitz bei einem Treffen auf technischer Ebene mit Vertretern der De-facto-Behörden Afghanistans» geführt hätten. Dabei sei es insbesondere um «die Identifizierung von Rückkehrern, die Ausstellung von Reisedokumenten und deren Rückführung» gegangen, so heisst es. Das Wort «Taliban» kommt in der kurzen Stellungnahme nirgends vor.Nur 2 Prozent kehren zurückDie Geheimniskrämerei hat mit den Sicherheitsvorkehrungen zu tun, die rund um ein solches Treffen getroffen werden müssen. Sie zeigt aber auch auf, wie politisch heikel die Angelegenheit ist. Denn die europäischen Staaten und die EU anerkennen die Taliban-Regierung, die 2021 mit kriegerischen Mitteln an die Macht gelangt ist, nicht. Mehr noch: Zahlreiche Vertreter der Führungsriege sind mit Sanktionen belegt.Hintergrund des diplomatischen Efforts ist die Asylstatistik: Gemäss den Angaben von 20 EU-Ländern, die im letzten Herbst einen gemeinsamen Brief an die EU-Kommission geschrieben haben, hatten EU-weit allein 2024 fast 23 000 Afghanen einen rechtsgültigen Rückführungsbescheid erhalten. Tatsächlich zurückgekehrt sind aber nur 435 Personen – also weniger als 2 Prozent. Wie hoch die Zahlen für das letzte und das laufende Jahr sind, konnte die Kommission am Dienstag nicht beantworten.Erstes Treffen fand in Kabul stattDie Regierungen fordern deshalb koordinierte Massnahmen auf europäischer Ebene, um die freiwillige und erzwungene Rückkehr von Afghanen ohne Aufenthaltsrecht zu beschleunigen – insbesondere von jenen, die für die nationale Sicherheit oder die öffentliche Ordnung eine Gefahr darstellen. «Ein stärker zentralisierter und koordinierter Mechanismus würde zu mehr Einheitlichkeit und Effizienz beitragen», heisst es im Brief.Diesen Auftrag vonseiten einer klaren Mehrheit der EU-Staaten – darunter Schwergewichte wie Deutschland, Italien, Polen oder die Niederlande – konnte die EU-Kommission nicht ignorieren. Ein erstes Treffen erfolgte im Januar in Kabul. Das zweite fand nun diesen Dienstag statt. Gemäss Angaben der Kommission nahmen daran Regierungsvertreter von 15 EU-Staaten teil.Gleichzeitig verwies der Migrationssprecher Markus Lammert schon vor dem Austausch mehrfach darauf, dass weiterhin die Mitgliedsstaaten und nicht die EU-Kommission für die Rückführung von abgewiesenen Asylbewerbern zuständig sei. Er betonte auch, dass die Gespräche «in keinerlei Hinsicht» einer diplomatischen Anerkennung der De-facto-Regierung Afghanistans gleichkämen. Dem Vernehmen nach fanden die Gespräche nicht einmal im Kommissionshauptsitz statt, um ihnen keinen offiziellen Anstrich zu verleihen.Taliban wollen diplomatische MachtOb konkrete nächste Schritte vereinbart worden sind und wie diese aussehen würden, sagte der Sprecher nicht. Klar ist: Die Taliban werden ihre schwer kriminellen Landsleute nicht aus purer Nächstenliebe zurücknehmen. Sie wollen handfeste Gegenleistungen.Was diese beinhalten könnten, wollte die Kommission am Dienstag ebenfalls nicht beantworten. Wie das Onlineportal «Euractiv» mit Verweis auf eine Erklärung der afghanischen Delegation berichtete, geht es der Taliban-Regierung in erster Linie darum, eine stärkere diplomatische Rolle einnehmen zu können. Man strebe «die Wiederaufnahme umfassender konsularischer Dienstleistungen für Afghanen in der EU-Zone» an. Dafür sei man zu Gesprächen über einen «würdevollen Rückkehrprozess» bereit, heisst es. Derzeit arbeiten in den meisten europäischen Botschaften Afghanistans weiterhin Diplomaten, die vor der Rückkehr der Taliban an die Macht ernannt worden waren – wobei viele von ihnen mit dem neuen Regime kooperieren.Dauerhafte «Abschiebeluftbrücke»Eine Sonderrolle nimmt dabei Deutschland ein. Wie der NDR im Mai berichtet hat, sind in der afghanischen Botschaft in Berlin und im Generalkonsulat in Bonn bereits Diplomaten stationiert, die von den Taliban geschickt worden waren. Sie sollen die Leitung der jeweiligen Mission übernommen haben, ohne dass die Bundesregierung dies formell akzeptiert hätte.Im Gegenzug scheint dafür nun Bewegung in die Rückführungs-Thematik zu kommen. Nachdem Gespräche mit Taliban-Vertretern offenbar erfolgreich verlaufen sind, will Deutschland gemäss «Bild»-Informationen eine dauerhafte «Abschiebeluftbrücke» etablieren. Ziel seien bis zu drei Charterflüge pro Monat nach Kabul.Passend zum Artikel
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