Auf den ersten Blick sieht es aus, als würde sich Ministerin Sabrina Roubache die Zähne putzen. Doch quirlt sie in ihrem Mund nicht mit einer Bürste herum, sondern mit dem Stäbchen eines Speicheltests. So wie die beigeordnete Ministerin für berufliche Weiterbildung und Lehrstellen sollen künftig alle französischen Kabinettsmitglieder nachweisen, dass sie keine illegalen Drogen konsumieren. Premierminister Sébastien Lecornu hat in einer Mitte Juni unterzeichneten Dienstanweisung „unangekündigte, regelmäßige Drogentests“ in allen Ministerien und für Spitzenbeamte angeordnet, die über sicherheitsrelevante Dossiers zu befinden haben.„Negativ“, sagt Roubache wenig später. Die 49 Jahre alte Politikerin der Regierungspartei stammt aus der Hafenstadt Marseille, einem Einfallstor für Cannabis, Kokain und andere Drogen. Sie weiß, wie schwierig der Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität bleibt. Die Ministerin teilt die Meinung Präsident Emmanuel Macrons, dass es nichts bringe, gegen Drogenhändler vorzugehen, wenn man die Drogenkonsumenten in Ruhe lasse.„Es sind manchmal die wohlhabenden Bürger der Innenstädte, die Drogenhändler finanzieren“, beklagte Macron vergangenen November, als der Bandenkrieg der Drogenhändler mal wieder unschuldige Tote forderte. „Man kann nicht einerseits die Toten beklagen und andererseits abends nach der Arbeit weiterhin Drogen konsumieren“, sagte Macron damals.Finanzchef nach Chemsex-Orgie zwangsversetztLange herrschte in Paris eine gewisse Toleranz dafür, wenn Führungskräfte sich mit Kokain oder Amphetaminen aufputschten – etwa um ein übertriebenes Arbeitspensum zu bestehen. Nachdem der damalige Direktor der renommierten Universität Sciences Po in Paris, Richard Descoings, 2012 tot in New York aufgefunden wurde, brauchte es ein paar Jahre, bis in einer Biographie über ihn seine Drogenabhängigkeit offenbart wurde. Auch die Drogensucht des Macron-Beraters und Direktors der Denkfabrik Institut Montaigne, Laurent Bigorgne, wurde vertuscht.Premierminister Lecornu hat sich jetzt einer Nulltoleranzpolitik verschrieben. Daran ist ein Vorfall schuld, der ihn geprägt hat. Kurz vor Weihnachten war sein enger Berater, der ihm zur Agrarpolitik und den Protesten der Landwirte zur Seite stand, bei einer privaten Feier zusammengebrochen. Der Rettungsdienst stellte einen Überkonsum von Drogen fest. Schnell sprach sich herum, dass Michel S. sich regelmäßig mit illegalen Substanzen aufputschte. Lecornu entließ den Berater.Kurze Zeit später wurde ein weiterer Spitzenbeamter, der Finanzchef der Hauptstadtregion Île-de-France, zwangsversetzt. Er soll regelmäßig an sogenannten Chemsex-Orgien – also Gruppensextreffen, bei denen Teilnehmer gezielt Drogen konsumieren, um sexuelle Erfahrungen zu intensivieren – teilgenommen haben.Minister und Spitzenbeamte mit VorbildfunktionWelche disziplinarischen Maßnahmen im Fall nachgewiesenen Drogenkonsums nun ergriffen werden, lässt Lecornu den Vorgesetzten in gewissem Maße offen. Auf einen positiven Speicheltest sollen demnach ein Urin- und ein Bluttest folgen. Regierungsmitarbeitern soll zudem „systematisch eine Überweisung an medizinische Einrichtungen“ angeboten werden, heißt es in der Dienstanweisung. Für den Regierungschef geht es auch um die Vorbildfunktion der Minister und Spitzenbeamten.Die Debatte um härtere Strafen für Drogenkonsumenten geht derweil weiter. Derzeit liegt das Standardbußgeld bei 200 Euro. Das Parlament hat vergangenes Frühjahr einen groß angelegten Plan verabschiedet, der verhindern soll, dass Frankreich zu einem „Narco-Staat“ (Kartell-Staat) wird, wie es einer der Berichterstatter des Gesetzentwurfs ausdrückte. Das Vermögen von Drogenhändlern soll leichter beschlagnahmt werden. Eine zentrale Staatsanwaltschaft bündelt fortan alle Strafverfahren von Rauschgiftkriminalität.Zwei Abgeordnete haben beantragt, die Stichproben-Kontrollen auch auf die Parlamentarier der Nationalversammlung und des Senats auszuweiten. Ein Abgeordneter der Linkspartei stand im Oktober 2024 in den Schlagzeilen, weil er dabei ertappt wurde, als er in der Metro von einem Dealer synthetische Drogen kaufte. Er kam mit einem Bußgeld davon.Der Präsident des größten französischen Arbeitgeberverbands Medef, Patrick Martin, regte am Dienstag an, auch in den Unternehmen stichprobenartige Drogentests einzuführen. Ein Großteil der Betriebsunfälle sei inzwischen auf Alkohol- und Drogenkonsum zurückzuführen. Denkbar sei auch, vor der Einstellung verpflichtende Drogentests zu verlangen. Premierminister Lecornu hat sich bereits einem Test unterzogen – er fiel negativ aus.
Frankreich: Sébastien Lecornu ordnet Drogentests an
Mit Speicheltests für Spitzenbeamte verschärft Frankreich den Kampf gegen Drogenmissbrauch. Auslöser sind mehrere Fälle in der Regierung.













