Drogenskandale erschüttern die politische Klasse Frankreichs. Nun greift der Regierungschef Sébastien Lecornu zu drastischen Massnahmen.25.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer französische Regierungschef Sébastien Lecornu hat den Drogentest bereits gemacht – mit negativem Resultat (Aufnahme vom 8. April 2026).Fabrice Chassery / ImagoNachdem er den Champagner serviert hatte, liess Joël Guerriau ein Tütchen mit einem weissen Pulver in der Schublade verschwinden. Der Senator wollte im Herbst 2023 mit der Abgeordneten Sandrine Josso auf seine Wiederwahl anstossen. So zumindest hatte der heute 68-Jährige die Einladung zu sich nach Hause begründet. Doch Guerriau kippte Josso Ecstasy ins Getränk mit dem Plan, die Kollegin danach zu vergewaltigen. Die Frau sah, wie der Politiker die Partydroge versteckte, und floh daraufhin aus der Wohnung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Pariser Strafgericht verurteilte Guerriau im Januar zu vier Jahren Haft, von denen er 18 Monate im Gefängnis absitzen muss. In seiner Wohnung fanden die Ermittler 30 Gramm Ecstasy. Er habe das Pulver von einem Kollegen bekommen, um sich aufzuheitern, gestand er. Nach dem Tod seiner Katze sei er deprimiert gewesen.Die Aussage von Guerriau nährt den Verdacht, dass Drogen im ehrwürdigen Palais du Luxembourg, dem Sitz des Senats, zirkulieren. So wohl auch in der Nationalversammlung und den Ministerien. Der Regierungschef Sébastien Lecornu will das nun unterbinden.Er veröffentlichte vergangene Woche ein Rundschreiben, das nicht angekündigte Drogentests für Ministerinnen und Minister sowie für hohe Beamte anordnet. «Man kann nicht unsere Drogentoten beweinen und gleichzeitig selbst am Samstagabend Drogen konsumieren», begründete die Regierungssprecherin Maud Bregeon die Massnahme im Fernsehen.Drogenbesitz ist kein Tabu mehrWelche verheerenden Auswirkungen Rauschgift haben kann, hatte Lecornu einige Monate zuvor in seinem eigenen Umfeld erlebt. Sein Berater für Landwirtschaft musste gehen, nachdem er bei einer Party so sehr im Drogenrausch gewesen war, dass er das Bewusstsein verlor. Die Feuerwehr brachte ihn ins Krankenhaus.Ein paar Tage später musste ein hoher Finanzbeamter aus ähnlichen Gründen sein Amt abgeben. «Die Leute in den Ministerien sind Geheimnisträger. Da kann man sich keine Verwundbarkeit erlauben», rechtfertigte Lecornu seine Initiative.Drogenbesitz unter französischen Politikerinnen und Politikern war lange Zeit ein Tabu. Falls es Fälle gab, wurden sie diskret verschwiegen. Spätestens seit der Parlamentswahl 2022 ist damit aber Schluss. Als die Investigativplattform Mediapart damals herausfand, dass der Abgeordnete der Regierungspartei Renaissance, Emmanuel Pellerin, Kokain geschnupft hatte, gab der Parlamentarier den Konsum zu. Er liess sein Mandat für einige Monate ruhen. Erst nachdem die Staatsanwaltschaft Nanterre die Ermittlungen gegen ihn eingestellt hatte, kehrte er wieder in die Nationalversammlung zurück.Die Drogenskandale erfassen inzwischen praktisch alle Parteien. Im Herbst 2024 wurde der Abgeordnete der Linkspartei La France insoumise (LFI), Andy Kerbrat, in der Pariser Métro dabei ertappt, wie er die Designerdroge 3-MMC von einem Minderjährigen kaufen wollte. Die Nationalversammlung schloss Kerbrat daraufhin für ein halbes Jahr aus. Vergangene Woche veranstaltete der LFI-Politiker ein Seminar, um auf die Gefahren einer Drogenabhängigkeit hinzuweisen.Der anstrengende Politikbetrieb treibt nicht nur Abgeordnete, sondern auch Berater in den Drogenkonsum. Prominentestes Beispiel ist Laurent Bigorgne, einer der führenden Politikberater des Landes. Ein Pariser Strafgericht verurteilte den Leiter des renommierten Think-Tanks Institut Montaigne im Dezember 2022 zu einem Jahr Haft auf Bewährung.Seine Ex-Schwägerin und ehemalige Mitarbeiterin hatte Anzeige gegen ihn erstattet, weil er ihr bei sich zu Hause abends Ecstasy in den Champagner gekippt hatte. Der Angeklagte bestritt, dass er die Schwester seiner Ex-Frau vergewaltigen wollte.Dafür gestand Bigorgne im Prozess seine Kokainabhängigkeit. «Ich habe bis zu 4 Gramm pro Tag genommen.» Die Droge habe ihm geholfen, in seinem anstrengenden Job durchzuhalten. Er habe sich dabei wie eine Maschine gefühlt, «ein psychologischer und finanzieller Sklave des Produkts», zitierte ihn die Zeitung «Le Monde».Der ehemalige Lehrer hatte Emmanuel Macron im Wahlkampf 2017 zur Seite gestanden und war nach der Wiederwahl des Präsidenten sogar als Minister im Gespräch.Externe Berater wie Bigorgne sind von Lecornus Plänen nicht betroffen. Diese gelten lediglich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ministerien, Botschafter, Präfekten und Leiter der Schulbehörden.Bei den hohen Beamtinnen und Beamten kommt die Initiative des Regierungschefs allerdings nicht gut an. «Wir arbeiten 16 Stunden am Tag, müssen unsere Finanzen offenlegen und nun auch noch Pipi in einen Becher machen. Dabei haben wir Jobs, die wir jederzeit verlieren können», empörte sich ein Ministeriumsmitarbeiter in der Zeitung «Le Parisien». «Das ist haarsträubend, denn das ist eine Einmischung in das Privatleben, und zwar ohne rechtliche Grundlage», so reagierte ein anderer hoher Beamter.Die Drogenkriminalität nimmt zuSelbst im Regierungslager tragen nicht alle die Initiative des Premierministers mit. Gabriel Attal, Fraktionschef von Renaissance in der Nationalversammlung, kündigte an, dass er seine Parlamentarier nicht zu Drogentests verpflichten wolle. Er verdächtige weder Mitarbeiter noch Abgeordnete seiner Fraktion, sagte er zur Begründung.Der Generalverdacht, der mit den Drogentests entsteht, wiegt für die Kritiker schwer. Vor allem, weil Frankreichs Politikerinnen und Politiker ohnehin keinen guten Ruf haben. Die Kampagne könne die Ablehnung der Eliten noch verstärken, sagte eine hohe Beamtin in «Le Monde» warnend.Andererseits steht Lecornu unter Druck, etwas gegen die Drogenkriminalität zu unternehmen, die längst auch kleinere Städte erfasst hat. 110 Tote zählte die zuständige Behörde Ofast 2024 in Verbindung mit dem Drogenhandel.Gleichzeitig gehört Frankreich zu den Ländern mit dem höchsten Cannabiskonsum in Europa. Obwohl das Gras verboten ist, kiffen jährlich rund 5 Millionen Menschen. Kokain schnupfen jedes Jahr 1,1 Millionen Französinnen und Franzosen. «Ohne Konsum gäbe es keinen Drogenhandel», so warb Lecornu für seine Initiative. Der 40-Jährige machte bereits einen Drogentest – mit negativem Ergebnis.Passend zum Artikel