SPIEGEL: Frau Lammers, es heißt, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Stimmt das?Lammers: Das kommt auf die Situation an. Ist die Angst sehr stark, ist sie der einzige Ratgeber in diesem Moment – und ist die Angst angemessen? Steht der Mensch einem Raubtier gegenüber, dann ist Angst überlebenswichtig. Sie motiviert uns zu einer schnellen Entscheidung: Stelle ich mich tot, soll ich kämpfen oder renne ich davon? Wenn sie hingegen sehr stark und nicht angemessen ist, dann nimmt sie uns Lebenschancen.
SPIEGEL: Wer vor einem wilden Tier steht, könnte auch durch Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass schnelles Handeln sinnvoll ist. Warum also brauchen wir Gefühle?Lammers: Wir unterscheiden drei motivationale Systeme des Menschen. Das erste sind unsere biologischen Triebe: Hunger, Durst, Sexualität. Das zweite ist physischer Schmerz – liegt die Hand auf der heißen Herdplatte, bin ich höchst motiviert, sie wegzuziehen. Und das dritte motivationale System sind unsere Emotionen. Angenehme Emotionen führen dazu, dass wir Handlungen ausführen, die uns die Emotion wiedererleben lassen. Zum Beispiel: Sie haben keine Lust, ins Sportstudio zu gehen. Dann stellen Sie sich vor, wie gut Sie sich nach dem Training fühlen werden – und motivieren sich damit loszugehen.









