Die WM-Euphorie hat Teile der USA erfasst – anderswo irritiert Gelassenheit. Eine Reise durchs LandIn Texas hat es der Fussball schwer, im Westen ist die Begeisterung gross. Und in New York? Hat es für alles Platz.Sven Haist (Dallas), Stefan Osterhaus (New York), Dominic Wirth (Los Angeles)23.06.2026, 12.00 Uhr7 LeseminutenAmerikanische Fans verfolgen in Washington DC das erste WM-Spiel der USA gegen Paraguay.Eric Lee / ReutersAm Times Square wimmelt es vor Angeboten: Shirts, Wimpel, Fahnen – in allen erdenklichen Grössen, in allen Variationen. Alles bereit für den grossen Augenblick, wenn es etwas zu feiern gibt – schliesslich geschieht so etwas nur alle Jubeljahre. Ein paar Tage später ist es dann tatsächlich so weit: Über den Broadway zieht sich die Parade, vor Hunderttausenden von Anhängern, manche sprechen sogar von Millionen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.WM-Euphorie in Amerika? Nein, gefeiert werden hier die Basketballer der New York Knicks; erstmals seit mehr als fünf Jahrzehnten wurde das Team Meister in der NBA. New York und die Fussball-Weltmeisterschaft: eine ambivalente Geschichte.Noch vor zwei Wochen rieben sich Reisende die Augen, wenn sie durch Manhattan wanderten. Im Stadtbild schlug sich die grösste Sportveranstaltung der Welt kaum nieder. Vereinzelt Plakate, auf denen Sportartikelhersteller auf das Turnier hinweisen. Mehr nicht.Im benachbarten New Jersey, rund um das Metlife Stadium, wo sonst das lokale Football-Team spielt, wurde allenfalls vor dem Verkehrschaos gewarnt, das an Spieltagen ausbrechen könnte: «No place to park, no way to drive.»Die Schauplätze klaffen weit auseinanderBetriebstemperatur wurde erst allmählich erreicht. Inzwischen ist das Angebot am Times Square ein Gemischtwarenladen, auch Fussballtrikots sind hinzugekommen, besonders gefragt: das satte mexikanische Grün, was auch damit zu tun hat, dass zahlreiche Latinos in der Stadt sind. Aber, wie ein Verkäufer meint: kein Vergleich zum Absatz der Trikots, Kappen und Devotionalien der Knicks.Ein Haiti-Fan verfolgt in Brooklyn die WM-Partie gegen Brasilien.Caean Couto / ReutersEin Turnier ohne Anteilnahme der Bevölkerung würde dem Klischee entsprechen, das von Amerika existiert, aber so ist es dann doch nicht. Es ist vor allem eine Frage, wohin man geht – in die Provinz oder in die Metropolen. Wer das Land von Osten nach Westen durchquert, stösst auf unterschiedliche Begeisterung.Ein Beispiel ist Winston-Salem im Süden der USA, wo sich die WM auf eine besondere Weise bemerkbar macht: Die deutsche Mannschaft hat hier ihr Quartier bezogen, auf dem Campus der örtlichen Universität trainiert sie, in einem Stadion, wo sonst die College-Teams spielen. Einen Tag vor der Anreise wussten viele in der Stadt nichts davon. Eine Anwohnerin erklärt freimütig, dass sie gerade zum ersten Mal höre, dass der viermalige Weltmeister hier sein Quartier bezogen habe.Allerdings ändern sich die Dinge schnell: Als das Team anreist, sind doch ein paar Menschentrauben da – nicht mitgereiste Fans, sondern Einheimische und Leute aus dem Umland sind angereist. Und am nächsten Tag, als die deutsche Mannschaft ihr erstes öffentliches Training im College-Stadion austrägt, sind 3500 Besucher gekommen. Rudi Völler, der Direktor der deutschen Nationalmannschaft, sagt: «Wir hätten auch das Dreifache an Tickets verkaufen können.»Jubel, Trubel, Emotionen: Das sind die Bilder, die untrennbar mit einer Fussball-WM verbunden sind. In den USA gibt es diese vibrierende Atmosphäre zwar, aber eben auch das genaue Gegenteil davon – eine Gelassenheit, die auf aufgeregte Europäer fast schon irritierend wirkt.Vielleicht liegt es auch daran, dass die Schauplätze so weit auseinanderliegen. Das Turnier erhält eine ganz andere Dimension, als wenn man zur Europameisterschaft von Köln nach Dortmund reist, wo an Spieltagen die riesigen Fanmassen gar nicht zu übersehen sind.Aber in den USA? Die Weite scheint sich auch in der atmosphärischen Dichte zu spiegeln.Geografisch ist Texas das HerzstückDas Herzstück dieser WM, zumindest geografisch, liegt im Gliedstaat Texas. Er verbindet die Spielorte an der Ost- und an der Westküste. In der Metropole Dallas finden mit insgesamt neun Begegnungen die meisten WM-Partien statt, darunter auch ein Halbfinal. Hinzu kommen sieben weitere Matches im südlich gelegenen Houston, das rund dreieinhalb Autostunden entfernt liegt.Argentinien-Fans versammeln sich zu einem traditionellen «Banderazo»-Fanmarsch in Dallas. Doch zuerst kühlen sie sich ab.Hannah McKay / ReutersAllerdings sind Dallas und Houston bis jetzt keine Hotspots für Fussballfans aus aller Welt, und das liegt an vielen Dingen. Beobachtungen, wie man sie in New York macht oder auch an der Westküste, sind hier eher die Seltenheit. Das hat damit zu tun, dass die auszuhaltende Sommerhitze nicht gerade einlädt, in den Städten zu flanieren, starke Gewitterschauer und hohe Luftfeuchtigkeit machen jede Aktivität im Freien zu einer schweisstreibenden Angelegenheit.So bleibt den Fans oft nur, sich in klimatisierten Kneipen und Restaurants aufzuhalten. Zumal sich die Attraktivität der Austragungsorte im Vergleich zu New York oder Los Angeles in Grenzen hält.Doch es gibt sie, die feiernden Fans: hier auf einem Fan-Fest in Los Angeles, beim Public Viewing in Arlington und nach dem Spiel gegen Australien in Seattle.ReutersDallas und Houston sind ähnlich aufgebaut: Ein von Hochhäusern geprägtes Zentrum geht in weitläufige Viertel über, immer wieder durchschnitten von Highways mit bis zu sieben Fahrspuren je Richtung. Beide Städte haben ein Metrosystem, das jedoch längst nicht alle Gebiete erschliesst. Ein Auto ist als Fortbewegungsmittel beinahe unentbehrlich.Die riesigen Hallenstadien in Dallas und Houston waren im bisherigen Turnierverlauf trotzdem fast stets vollständig ausgelastet. Mit Ausnahme Argentiniens in Dallas und Portugals in Houston in dieser Woche bestreitet dabei kein Land zwei Spiele in Folge an einem dieser Standorte. Entsprechend kommen viele Nationen auf beachtliche Fanzahlen – wie die Niederländer, die am vergangenen Samstag in Houston einen eindrücklichen Fanmarsch zum Stadion veranstalteten. Aber sie ziehen weiter.Dabei wäre genau das Verweilen relevant, um auch die Texaner mehr für Fussball zu begeistern. Während das Auftaktspiel der amerikanischen Nationalmannschaft am Fanfestival in Dallas nur spärlich besucht war, war dieses bei der Übertragung der zweiten Partie Mexikos übervoll, so dass die Veranstalter den Einlass stoppten: Fast 30 000 Personen versammelten sich im Fair Park, der an eine Freilichtbühne erinnert. Die Latinos in Texas identifizieren sich deutlich stärker mit diesem Turnier.Immerhin laufen die WM-Spiele in der Regel auf allen Bildschirmen in Restaurants und Bars. Viele Barkeeper berichten, dass Fussball ausserhalb dieses Turniers nur gelegentlich gezeigt werde. Für die amerikanischen TV-Sender gilt die Sportart als nicht sonderlich attraktiv – nicht wegen des Spiels selbst, sondern wegen der üb­erschaubaren Werbemöglichkeiten, die sich im Wesentlichen auf die Halbzeitpause beschränken.Ein Schweizer kommt als Kuh verkleidetIm Westen der USA sieht es anders aus. In San Diego läuft in einem grossen Elektronikgeschäft das Eröffnungsspiel auf den ausgestellten Fernsehern. Hier ist die Allgegenwart des Fussballs spürbar. Plötzlich wird gejohlt. Der Ball zischte zwischen den Beinen des Torhüters ins Tor. Der Verkäufer kriegt sich kaum mehr ein, ruft: «Oh my God!»Fussballfans verfolgen das Spiel Mexiko gegen Südafrika beim Public Viewing am Mission Beach in San Diego, Kalifornien.Peter Klaunzer/ KeystoneIn Cupertino im Silicon Valley, in der Nähe vom Stadion, wo die Schweizer am nächsten Tag gegen Katar spielen, zeigen sie in einem Pub die WM. Am Bartresen sitzen zwei Männer, der eine fragt den anderen: Werden eigentlich auch hier in der Gegend WM-Spiele ausgetragen?Ein paar Tage später, als die Amerikaner um die Mittagszeit gegen Australien spielen, ist ein anderes Pub im Küstenstädtchen Del Mar bis auf den letzten Platz gefüllt, Wartezeit: eineinhalb Stunden.Vor dem ersten Spiel treffen sich Schweizer Anhänger zu einem Fanmarsch. Der Treffpunkt ist ein Parkplatz mitten in der amerikanischen Suburb-Wüste, zwischen einstöckigen Restaurants, in denen es Sushi gibt oder Tacos. Nebenan reihen sich Einfamilienhäuser aneinander, ein Wohnkomplex ragt auf.Vor dieser Kulisse besammeln sich Hunderte in Rot und Weiss, jemand hat sich eine Käseattrappe auf den Kopf gebunden, ein anderer ist als Kuh verkleidet. Dann setzt sich der kleine Umzug in Bewegung und marschiert Richtung Stadion, vorneweg fahren Polizisten auf Mountainbikes. Passanten und Anwohner bleiben stehen, schauen erstaunt und etwas ratlos, und dann werden die Smartphones gezückt.In «The Grove», einer Shopping-Mall im Stadtteil Fairfax in Los Angeles, hat der Ausrüster des amerikanischen Teams eine Public-Viewing-Zone aufgebaut. Portugal spielt an jenem Donnerstagmorgen gegen Kongo-Kinshasa. Es gibt viele Ronaldo-Trikots, man ist überhaupt sehr «starstruck» in den USA, oft geht es im Fernsehen um «star players» und um individuelle Leistungen. Im Fernsehen taucht alle paar Minuten der amerikanische Fussballprofi Christian Pulisic in einem Werbespot auf.Ronaldo sehen und dann in Frieden sterbenRonaldo glänzt an diesem Tag nicht, was nichts daran ändert, dass jeder Ballkontakt bejubelt wird. Besonders laut wird es in der kalifornischen Shopping-Mall in der Pause. Da gibt es Originaltrikots der Amerikaner zu gewinnen, Ladenpreis 175 Dollar. Um eines zu ergattern, muss man beweisen, dass man der Verrückteste ist; durch den Wettbewerb führt ein Typ mit Rastas und Rapper-Attitude.Am Ende gewinnt einer, dem der Schweiss von der Stirn tropft, weil er wie von Sinnen geschrien hat und sich dazu ein paar Tanzmoves einfallen liess. Der Moderator ruft: «This guy is really crazy!» Glücklich zieht der Gewinner mit dem Shirt davon. Die anderen wirken ratlos, zücken aber die Smartphones.In der Public-Viewing-Zone sitzt im kleinen Kreis ein junger Mann. Er stamme aus Honduras, verrät er. Auch er trägt ein Ronaldo-Trikot. Er erzählt, dass er gerade zwei Vögel mit einem Stein töte, wie man das in Honduras sagt: eine WM besuchen und Ronaldo sehen – in ein paar Tagen in Houston im Spiel gegen Usbekistan, für 700 Dollar. Er habe lange gespart, um sich den Traum zu erfüllen, sagt der Mann, Ronaldo liebe er schon seit seinen Tagen bei Real Madrid. Eigentlich, sagt er noch, könne er in Frieden sterben, wenn er Ronaldo gesehen habe.Erlöst dürften sich auch viele New Yorker gefühlt haben, als die Knicks nach 53 Jahren endlich wieder die Meisterschaft gewannen und die Innenstadt in ein Tollhaus verwandelten.WM-Atmosphäre in New York? Anfangs kaum spürbar. Aber dann, nachdem die Basketballer gefeiert worden waren, ging es am Abend doch weiter: Fans tranken in den Sportbars und schauten Spiele der Koreaner, der Japaner und der Deutschen. Mit Trikots, mit Fahnen, aber meist ohne Trompeten. Die Kneipen werden zu ihrem Refugium, wenn sie ein wenig versteckter liegen. Und dort zeigt sich: In New York hat es für alles Platz.Dann erfasst die Euphorie New York doch noch: Fussballfans am Times Square.Carolina Herrera / ReutersPassend zum Artikel