Blick durch die Glasscheibe – Slavenka Drakulić hatte die Kraft und das Können, das Böse auszuloten, das sich im Jugoslawien-Krieg entfalteteSlavenka Drakulić besass in den neunziger Jahren den Mut, sich gegen den aufgepeitschten Nationalismus zu stellen, der Kroatien erfasst hatte. Ihre Reportagen über die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag sind eminent bedeutsam. Nun ist sie im Alter von 76 Jahren gestorben.23.06.2026, 11.50 Uhr4 LeseminutenRuferin in der nationalistischen Wüste: Slavenka Drakulić.Basso Cannarsa / ImagoAls Verfasserin halb fiktionaler Romane über das Schicksal von ebenso begnadeten wie geschundenen Frauen im Reich der Kunst und der Wissenschaft (wie Frida Kahlo, Dora Maar und Mileva Einstein) hat sich die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić weltweit einen Namen gemacht. In die Literaturgeschichte indes wird sie eingehen als unerbittliche Aufklärerin und hellsichtige Zeugin jenes Grauens, welches das 1989 neu geborene und von den Geistern der Vergangenheit scheinbar erlöste Europa als atavistische Erinnerung an die unbändige Macht des Bösen in den Kriegen um das Erbe des sozialistischen Vielvölkerstaates Jugoslawien heimsuchte. Am vergangenen Samstag ist Slavenka Drakulić in Sovinjak im Alter von 76 Jahren gestorben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fünf «Hexen»Drakulić, die in Zagreb Literaturwissenschaft und Soziologie studiert und sich in den achtziger Jahren als politische Journalistin etabliert hatte, war mit ihrem beherzten Einsatz gegen kommunistische Betonköpfe und ideologische Wendehälse, gegen balkanisches Machotum und für Frauenrechte nicht allein. Für ihren Widerstand gegen den nationalistischen Kriegsautoritarismus Franjo Tudjmans wurde sie zusammen mit ihren Kolleginnen Jelena Lovrić, Rada Iveković, Vesna Kesić und Dubravka Ugrešić von den gelenkten Medien als «Verräterin an der Nation» denunziert.Es entspann sich eine regelrechte Hexenjagd, weil sich die Frauen weigerten, den Krieg chauvinistisch parteilich darzustellen. Ugrešić, die ihres Zeichens eine überragende luzide und obendrein experimentell verspielte (Reportage-)Schriftstellerin und Essayistin (auch für die NZZ) war, sah sich gar gezwungen, ins Exil zu gehen. Sie starb 2023.An der von Dubravka Ugrešić diagnostizierten, alles durchdringenden nationalistischen «Kultur der Lüge» arbeitete sich Slavenka Drakulić, die mit dem schwedischen Journalisten und Schriftsteller Richard Swartz verheiratet war, auch noch ab, als der Krieg vorbei war. Nun galt es zu verstehen, aber nicht zu verzeihen, wie geschehen konnte, was zwecks Endsieg geschehen war: Seien es die Massenvergewaltigungen von Frauen oder das Massaker von Srebrenica.Hier wie dort ging es nicht nur um die Zerstörung von Menschen, sondern auch um die Vernichtung der Seelen. Drakulić war überzeugt, dass es ohne Wahrheit keine Gerechtigkeit geben könne, und ortete die Ursache für den Krieg nicht zuletzt in den nie gesühnten Massenmorden, welche Titos siegreiche kommunistische Partisanen 1945 und später an ihren faschistischen Feinden beziehungsweise an jenen, die sie nach Belieben zu solchen erklären konnten, begangen hatten.Slavenka Drakulićs grösste Stunde schlug mit den Jugoslawien-Prozessen vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. In «Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht» (dt. 2004) verarbeitete sie, was sie während fünf Monaten vor Ort in den Prozessen beobachtet und erfahren hatte. Was sie umtrieb, war nicht die Frage nach den Opfern, sondern jene nach den Tätern: Wie hatten aus so vielen unbescholtenen Männern solche Monster werden können?Stereoskopischer BlickWas ihre Gerichtsreportagen so bezwingend macht, ist die Verbindung von Prozessbeobachtung und Erinnerung an die verlorene Zeit Jugoslawiens, welche für Leben und Denken der Täter prägend war, seien sie nun Kriegsherren oder Kriegsnullen gewesen. Auf der Grundlage der Aussagen von Angeklagten, Zeugen, Anklägern und Verteidigern vermischen sich in ebenso intimen wie beklemmenden Porträts Realität und Fiktion, Privates und Öffentliches, Persönliches und Politisches.Slavenka Drakulić nimmt das Geschehen durch die Glasscheibe wahr, und entsprechend übt sie den stereoskopischen Blick zwischen Abstraktion und Einfühlung. Zu Reue und Mitgefühl können sich die angeklagten Kroaten, Serben und Muslime kaum durchringen, sie sehen sich gemeinsam als Justizopfer. «Plötzlich zeigen sie keine Spur mehr von dem Nationalismus, der das ganze Land zerstörte», schreibt Drakulić. Es erscheint als bittere Ironie, dass auf einmal das alte Jugoslawien der «Brüderlichkeit und Einheit» wieder da ist.Waren sie zu Hause ideologische Planer oder willige Vollstrecker, erscheinen sie in Den Haag, erneut aus der Bahn geworfen, als Fremde vor sich selbst. Am Ende stehen zu viele Fragen und zu viele unbegreifliche Geschichten im Raum. Aus der «Mixtur von Staatspropaganda, Opportunismus, Angst und Gleichgültigkeit» lässt sich vieles erklären, aber der Dammbruch des Bösen bleibt rätselhaft. Der alles durchdringende Hass und die Möglichkeit, ihn Tat werden zu lassen, waren das Gift, das alles durchdrang. Vom Leben frustrierte, grossmannssüchtige Junge hatten dem besonders wenig entgegenzusetzen.Slavenka Drakulić zeigte Moral und Ehre, indem sie auf die politische und moralische Verantwortung der Nation für die Kriegsverbrechen hinwies. Als sie Tudjman zum Präsidenten wählten, hätten die Kroaten gewusst, dass er für eine Politik der Säuberung stand – sie stimmten zu oder scherten sich nicht. Dass es auch nach seinem Tod keinen Willen zur Wahrheit gegeben habe, liege daran, dass zu viele an den Untaten beteiligt gewesen seien und nicht wenige vom Krieg profitiert hätten. So konnte der kollektive Widerstand gegen das Haager Tribunal zum Eichmass des Patriotismus werden.Leider gab es in Serbien, das lange dem nationalistischen Schreckenszauber des Slobodan Milošević verfallen war, keine Slavenka Drakulić. Ihr Mut und ihre Unbestechlichkeit waren wichtig für die Toten, aber noch wichtiger für die Überlebenden der Jugoslawien-Kriege.Passend zum Artikel