Sie hatte Erfolg, und sie hat nie so getan, als ob ihr das nicht wichtig wäre: gelesen, gehört, zur Kenntnis genommen zu werden. Eine junge Leserin schickte ihr einmal ein Foto vom Schaufenster einer Buchhandlung in Prag, in dem eines ihrer Bücher neben Werken von Milan Kundera, Václav Havel und Franz Kafka stand. Natürlich freute sie sich darüber.Über einen Mangel an Aufmerksamkeit konnte sich die 1949 geborene Slavenka Drakulić sich schon seit Jahrzehnten nicht mehr beklagen, sie flog ihr zu. Weil sie etwas zu sagen hatte. „Sie war einfach zu gut, um ignoriert werden zu können“, heißt es in einem der vielen Nachrufe, die dieser Tage in kroatischen Medien erschienen. „Slavenka war für uns, die Kinder der Sechzigerjahre, die erste weibliche intellektuelle Figur im öffentlichen Leben dieser Region, die sich nicht zwischen Ernsthaftigkeit und Körperlichkeit entscheiden musste. Zwischen Intellekt und Verletzlichkeit. Zwischen Theorie und autobiografischem Bekenntnis“, ist in einem Text zu lesen, in dem auch etwas von der Selbstverständlichkeit anklingt, mit der Slavenka Drakulić den öffentlichen Raum für sich in Anspruch nahm.Warum tun Menschen Gutes, warum tun sie Böses?Ihre Bücher befeuerten regelmäßig Debatten, und das nicht nur im kroatischen Original, sondern auch in vielen Übersetzungen. Slavenka Drakulić hat mehrere Romane geschrieben, so über Mileva Einstein und Frida Kahlo, doch im Ausland war sie vor allem als Essayistin bekannt. In Jugoslawien bildete ihr 1984 veröffentlichtes Buch „Die Todsünden des Feminismus“ den essayistischen Beginn einer langen publizistischen Karriere. Im deutschen Sprachraum erhielten vor allem die Bände „Keiner war dabei. Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht“ und „Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun“ viel Aufmerksamkeit.Beide Werke sind auf vollkommen unterschiedliche Weise subjektiv: In „Keiner war dabei“ geht die Tochter eines Offiziers der jugoslawischen Volksarmee als Beobachterin der Haager Kriegsverbrecherprozesse der Frage nach, warum Menschen Böses tun. In „Leben spenden“ geht es um das Gegenteil. Die Autorin, die zeitweilig schwer krank war und nur durch eine gespendete Niere vor einem frühen Tod bewahrt wurde, wollte wissen, wer die Frau war, die eine ihrer Nieren abgegeben und so ein vollkommen fremdes Leben bewahrt hatte.In den vergangenen Jahren befasste sich Drakulić immer wieder mit dem Altern, dem Verfall des Körpers, dem Vormarsch von Krankheiten und Gebrechen in uns, mit entschwindenden Genüssen, dem langsamen Unsichtbarwerden vor dem eigentlichen Tod. Ihr 2024 erschienener, bisher nicht übersetzter Erzählband „O čemu ne govorimo“ (Wovon wir nicht sprechen) ist keine leichte Kost. Allerdings auch keine Lektüre zum Verzweifeln – so wie Slavenka Drakulić kein Mensch war, der Verzweiflung ausstrahlte oder verbreitete, im Gegenteil. Wach, schnell, interessiert, assoziativ, geistreich und oft heiter war sie im Gespräch. Wer von ihr bekocht wurde, wird zudem bestätigen, dass zumindest der Titel ihres in diesen Tagen in Kroatien erschienenen Buches „Warum ich nicht kochen lernte“ übertrieben ist.Dass „Warum ich nicht kochen lernte“ ihr letztes Werk bleiben wird, hat ihr Publikum, ihre Familie und ihre Freunde unvorbereitet getroffen. Auf Drakulićs Tod am 20. Juni in ihrem Landhaus in Istrien passt die Floskel, er sei plötzlich und unerwartet gekommen. Die Frau, die angeblich nie kochen gelernt hatte, hatte eine Bekannte zu einem Mittagessen eingeladen, zu dem es nicht mehr kam.