Azizam, mein Lieber, ich sitze am Strand. Mein Körper ist nass vom salzigen Meerwasser und warm von der Sonne. Die Wärme lindert die Schmerzen in meinen Muskeln. Gestern habe ich einige anstrengende Bewegungsübungen gemacht, deshalb tut mir heute alles weh. Hier bin ich meinem Körper näher. Das Leben auf dem Hof ist ein Leben mit dem Körper. Denn die Natur verlangt zuerst Bewegung und erst danach Entscheidungen.Mein türkischer Freund O. ist heute auf mein Drängen mit an den Strand gekommen, um ein wenig zu schwimmen. Eigentlich schwimmt er nicht besonders gern. Trotzdem ist er der Mensch, der mir das Schwimmen beigebracht hat. Und das ist vielleicht das Schönste, was mir jemand auf dieser Welt hätte beibringen können. Im Meer zu schwimmen, ohne dass Frauen und Männer voneinander getrennt sind, ist eine Erfahrung, die man fast nur außerhalb Irans machen kann. Ein Universitätsprofessor sagte einmal zu mir, dass die Islamische Republik Frauen und Minderheiten niemals wirklich anerkannt habe – und dass genau diese Menschen sich am Ende gegen sie erheben würden.Nona und ihre KatzeMehrdad ZaeriMitten in diesem Durcheinander aus Abkommen und Kriegsende wurde vor kurzem das Urteil gegen die Sängerin Parastoo Ahmadi und ihre Band verkündet: zwei Jahre Berufsverbot, zwei Jahre Ausreiseverbot und 74 Peitschenhiebe. Weil eine Frau gesungen hatte. Und weil diese Frau, wie es in der Urteilsbegründung hieß, „halb nackt“ gewesen sei. Sie trug ein schwarzes Kleid, dessen Ausschnitt bis oberhalb ihrer Brüste reichte. Nichts weiter als ein ganz normales Frauenkleid.Als Kind hatte meine Mutter uns verboten, Musik mit weiblichen Stimmen zu hören. Es sei haram, also unrein, sagte sie. Mein Vater hörte dagegen immer Sängerinnen wie Homeira und Hayedeh im Auto. Und meine Mutter stritt deshalb ständig mit ihm. Viele Jahre lang stand ich auf ihrer Seite und war überzeugt, dass mein Vater sündigte. Später, als ich älter wurde, war es mir egal. Heute interessiert es kaum noch jemanden, ob eine Frau singt oder ein Mann. Aber Frauen, die Sängerinnen werden wollen, haben in Iran keinen Platz. Ihre Kunst wird gewollt oder ungewollt zum Werkzeug von Protest und Widerstand.Und trotzdem bin ich fast sicher, dass selbst jene, die die Stimme der Frau verboten haben, heimlich Frauen zuhören. Ich bin sicher, dass das Leben aller Iraner, von oben bis unten, voller Verstecke, Masken und Geheimnisse ist – und dass die Kunst und der Körper der Frau ein Schlachtfeld eines endlosen Krieges geblieben sind. Ich erinnere mich an die Blicke der Aufseher an Universitäten, Arbeitsplätzen, in Museen, Konzertsälen und an allen öffentlichen Orten. Ihre Blicke glitten über meinen Körper mit der unausgesprochenen Frage, ob mein Hijab angemessen sei oder nicht. Das erste Gefühl, das ich dabei immer hatte, war der Wunsch, unsichtbar zu werden. Diese Blicke fühlten sich für mich wie ein Eindringen in meine Privatsphäre an. Deshalb habe ich mich immer so gekleidet, dass ich schlicht und unauffällig wirkte. Unwichtig. Weder hässlich noch schön. Frei und unsichtbar.Eine Kindheit ohne KörperIn letzter Zeit denke ich oft an die Frauen Afghanistans. An Frauen, die von den Taliban gezwungen werden, Gewänder zu tragen, die ihren ganzen Körper und sogar ihre Augen bedecken. Ich sehe Videos, in denen Taliban-Kräfte Frauen auf der Straße angreifen. In Iran geschah so etwas wegen eines zu locker getragenen Kopftuchs. In Afghanistan aber werden Frauen trotz vollständiger Verschleierung allein dafür verhaftet und misshandelt, dass sie auf die Straße gehen. Den Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ kann man inzwischen auch auf den Straßen Afghanistans hören. Danach rufen sie: „Bildung, Freiheit“. Bildung? Gibt es wirklich Frauen auf dieser Welt, die für das Recht kämpfen müssen, eine Schule besuchen zu dürfen?Als Jugendliche war das Leben für mich frei von Widersprüchen. Meine Welt war die Welt des Hijab und der Religiosität. Aus eigenem Willen war ich ein muslimisches, gehorsames Mädchen. Meine wichtigste Aufgabe war das Lernen, meine größte Leidenschaft das Schreiben. Doch hätte man mich damals gefragt, was ich gern tun würde, aber nicht tun könne, hätte ich geantwortet: Ich möchte meinen Kopf aus dem Fenster des Autos meines Vaters strecken und meine Haare im Wind fliegen lassen.Meine Kindheit war eine gute Kindheit. Voller Respekt, voller Liebe und voller Spiel. Aber was mir wirklich fehlte, war der eigene Körper. Viele Jahre lang lebte ich ohne ihn. Entweder leugnete ich seine Bedürfnisse oder ich schämte mich für sie. Diese Scham ist noch immer da. Ich erinnere mich an die rauen Hände meiner Großmutter, die meinen kleinen Körper streichelten. Ihre großen Hände und mein kleiner Körper. Im Sommer war meine Haut voller roter Flecken, die fürchterlich juckten.Meine Großmutter strich mit ihren Händen über meine Haut, damit ich mich beruhigte. Sie nahm mich mit ins Bad und rieb meinen ganzen Körper mit Sidr ein, damit die Flecken verschwanden. Dieses Bild ist die natürlichste und schönste Erinnerung, die ich an meinen Körper habe. Seit Jahren suche ich in jeder Liebesbeziehung nach genau diesen Händen: nach den großen, freundlichen Händen meiner Großmutter, die meinen Körper liebevoll berührten und auf ihn achtgaben.Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.