Azizam, mein Lieber, gestern Nacht war ich in meinen Träumen wieder mitten zwischen Bomben und Raketen. Ich sah zu, wie die Gebäude eines nach dem anderen einstürzten, wie eine ganz gewöhnliche Szenerie hinter dem Fenster. Mama kam aus den Trümmern hervor, in ihrem staubigen schwarzen Tschador, ein fremdes kleines Mädchen im Arm. Das Mädchen trug ein rosa Kleid. Mama hielt sie genauso im Arm, wie sie mich auf meinen Kinderfotos gehalten hatte. Ich wandte den Kopf vom Fenster zurück ins Zimmer, sah meine Kleider und all meine Sachen an, und plötzlich kamen sie mir viel zu viel vor. Ich fragte mich, warum ich all diese Last mit mir herumtrage, wenn ich doch weiß, dass ich vor dem Krieg an einen sicheren Ort fliehen muss, der morgen schon wieder nicht mehr sicher ist.Eine kleine Schneekugel für die Cousine im KomaAm Morgen schrieb mir Sch., meine Mitbewohnerin in Teheran, dass sie voller Angst aufgewacht sei. Sie hatte von all den Toten geträumt, die sie gekannt hatte. Als wären sie wieder zurückgekehrt, und sie sagte zu ihnen: Ihr hättet nicht zurückkommen dürfen; hier ist es nicht sicher. Ich schrieb meiner Yogalehrerin und fragte sie, wie es ihr gehe. Sie sagte: „Uns allen geht es schlecht.“ Sie sagte diesen Satz auf eine Weise, dass es sich anfühlte, als würde sie mir aus einer anderen Welt schreiben. Von einem Ort, der sich anfühlt, als wäre er gar nicht auch mein Zuhause. Ich bat sie, mit Sch. zu sprechen und ihr zu helfen, aus ihrer Verlorenheit herauszufinden. Sie sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, sie werde mit Sch. sprechen.Ich redete ein wenig mit meiner Freundin M., die in diesen Tagen unter stressbedingten Kopfschmerzen leidet. Sie sagte zu mir: „Findest du es nicht absurd, dass ich seit sieben Jahren auf mein amerikanisches Visum warte, mein Mann inzwischen in Amerika lebt und wir jetzt Krieg mit Amerika haben?“ Wir beide brachen in Gelächter aus. In eines dieser Lachen, die immer stärker werden. Das Leben treibt seine Scherze mit uns. Für meine Cousine habe ich eine kleine Schneekugel gekauft, in der ein kleiner Engel sitzt, die Hände unter das Kinn gelegt. Wenn ich sie besuchen gehe, möchte ich sie neben ihr Bett stellen. Sie ruht sich noch immer im Koma aus.Ein Abschied in der Hoffnung, einander wieder zufällig zu begegnenAm Nachmittag ging ich zum Strand. Dort sah ich die Frau wieder, von der ich dir letzte Woche geschrieben hatte. Sie saß in einem orangefarbenen Badeanzug auf der Holzkante des Stegs. Diesmal ging ich zu ihr und setzte mich neben sie. Wir schwiegen beide. Als hätten wir keine Lust zu reden. Wir sahen auf die Wellen und sprangen ins Wasser. Sie sagte: „Komm, wir kraulen um die Wette.“ Ich sagte, dass ich es nicht kann. Und sie brachte mir bei, wie man krault. Sie sagte, das sei richtiges Schwimmen und könne einen viel weiter hinausbringen. Und sie hatte recht. Wir schwammen so weit hinaus, dass das Wasser dunkel wurde und wir die Stimmen der Menschen nicht mehr hören konnten. Ich sagte ihr, Kraulschwimmen sei eine der größten Herausforderungen meines Lebens gewesen. Sie lächelte breit und sagte, ihre Tante – dieselbe Tante, die jetzt im Krankenhaus auf sie wartet – habe es ihr als Jugendliche beigebracht. Ihre Augen wurden feucht.Nona und ihre KatzeMehrdad ZaeriIm letzten Brief hatte ich dir geschrieben, dass Fürsorge genauso ansteckend ist wie eine Krankheit. Diesmal schien es, als hätten wir die Rollen getauscht. Sie zeigte mir eine Atemtechnik aus dem Yoga, die meine Stimmung deutlich besser machte. Sie bot mir von ihren Keksen an. Ich nahm einen. Sie fragte mich, ob ich für mich selbst koche. Ich sagte, wenn ich allein bin, habe ich meistens keine große Lust dazu. Sie sagte, manchmal schaue sie sich das Leben mancher Menschen an, die es geschafft haben, sich allein ein vollständiges und gesundes Leben aufzubauen, und denke, genau so müsse es sein. Wir müssen uns selbst ernähren und lernen, dass Alleinsein eine Form des Lebens ist und kein Zustand des Wartens.Wir legten uns in der Augustsonne nebeneinander und schliefen ein wenig. Dann verabschiedeten wir uns, in der Hoffnung, uns irgendwann wieder zufällig am Strand zu begegnen.Als ich nach Hause kam, war die weiße Hofkatze zurück. Seit zwei Wochen hatten wir nichts von ihr gesehen und uns große Sorgen gemacht. Als ich sie in den Arm nahm, sah ich, dass die Wunde an ihrer Pfote, die wieder aufgegangen war, genäht worden war. Ihr Fell war rasiert, und sie war sauberer als je zuvor. Wir vermuteten, dass jemand sie in eine Tierklinik gebracht, behandeln lassen und anschließend wieder dorthin zurückgebracht hatte, wo er sie gefunden hatte.Jedes Mal, wenn ich von der Hinrichtung eines Demonstranten höre, habe ich das Gefühl, als ginge ein Stück des Bodens von Iran verloren. Das Bild meiner Mutter mit dem kleinen Mädchen im Arm verschwindet nicht aus meinem Kopf. Ich denke an den Menschen, der namenlos die weiße Katze behandeln ließ, daran, wie ich von einer Fremden das Kraulschwimmen gelernt habe, an den Keks in meiner Hand, an den kleinen Engel in der Kugel, an das ermutigende Lächeln eines Fremden, wenn er erfährt, dass ich Iranerin bin. All das trägt die Bedeutung von Heimat über Boden und Geographie hinaus. Es sind die Menschen, die der Heimat ihre Bedeutung geben. Mit dem Tod eines Menschen verliere ich Heimat, und im Lächeln eines Fremden, in einer fernen Geographie, finde ich sie für einen Augenblick wieder.Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.