Bettmann/GettyUnter der Führung von Sitting Bull kämpften Sioux und Cheyenne um das Überleben ihrer nomadischen Lebensweise. Ihre Nachkommen haben das Trauma ihrer Unterwerfung bis heute nicht überwunden.Werner J. Marti (Text), Andrea Mittelholzer (Bildredaktion)23.06.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenAm 27. Juni 1876 erhielt General Philip Sheridan in Chicago einen verstörenden Bericht von seinem Untergebenen General Alfred Terry aus Montana. Sheridan war der Oberkommandierende im Krieg gegen die letzten frei lebenden Prärieindianer. Terry schrieb: «Es ist mir eine schmerzliche Pflicht, zu vermelden, dass am 25. dieses Monats Oberstleutnant George Armstrong Custer und die unter seinem Kommando stehenden Truppen von einer grossen Katastrophe betroffen worden sind.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Terry schreibt weiter, dass Custers 7. US-Kavallerieregiment am Little Bighorn River ein grosses Lager von Sioux- und Cheyenne-Indianern von zwei Seiten her angegriffen habe. Drei Kompanien attackierten am frühen Nachmittag mit einem Überraschungsangriff das Dorf von Süden über den Fluss. Fünf weitere Kompanien unter Führung von Custer sollten das Lager umgehen und darauf von Norden den Hauptangriff beginnen. Bei dem Versuch, den Fluss zu überqueren, wurde Custer von den Indianern zurückgeschlagen und musste sich auf einen nahen Hügel zurückziehen. Dabei wurden seine Truppen eingekesselt. Custer und 209 Mann wurden von den Indianern getötet.Älteste bekannte Darstellung der Schlacht am Little Bighorn von 1876. Custer (Bildmitte auf schwarzem Pferd) wird heroisiert dargestellt.De Agostini / GettyAuch die Angreifer im Süden wurden durch einen Gegenangriff über den Fluss zurückgetrieben und mussten sich verschanzen. Die Indianer belagerten sie bis am Mittag des folgenden Tages. Danach brachen sie ihr Lager ab und liessen die Überlebenden abziehen. General Terry erreichte wenig später das Schlachtfeld. Vom 7. Kavallerieregiment wurden bei den Kämpfen insgesamt 263 Mann getötet und mindestens 50 ernsthaft verwundet. Auf der Seite der Indianer wurden 40 bis 60 getötet und eine unbekannte Zahl verletzt.George Armstrong Custer, 1839–1876, Kommandant des 7. US-Kavallerieregiments.Buyenlarge / Archive Photos / GettyKampf gegen die weisse LandnahmeDer Gegenspieler von General Sheridan war der Hunkpapa-Sioux-Führer Sitting Bull, der etwa 1831 in der Nähe des Missouri in South Dakota geboren wurde. Die westlichen Sioux-Völker – nach ihrer Sprache auch Lakota genannt – und die Cheyenne lebten zu dieser Zeit als Nomaden in der nördlichen amerikanischen Prärie. Es waren Kriegervölker, welche mit ihren Nachbarn ständig um die besten Jagdgründe kämpften. Im Zentrum ihres Lebens stand der Bison, von dem es einst in Nordamerika 40 bis 60 Millionen gab. Er lieferte ihnen nicht nur mit seinem Fleisch die Hauptnahrungsquelle, sondern sie nutzten praktisch jeden einzelnen Teil des Tieres für ihr tägliches Leben.Sitting Bull, Häuptling der Hunkpapa-Sioux und Führer der Sioux und Cheyenne in ihrem letzten Krieg mit der amerikanischen Armee 1876/77.Library of Congress / Corbis Historical / GettyBereits in seiner frühen Jugend zeichnete sich Sitting Bull als exzellenter Krieger aus und wurde 1857 Kriegshäuptling der Hunkpapa-Sioux. Zu dieser Zeit begann die Einwanderung weisser Siedler in das Gebiet der Lakota, welche er immer wieder mit Überfällen bekämpfte. Nach einem zweijährigen Krieg mit der amerikanischen Armee unterzeichnete schliesslich eine Mehrheit der Lakota und der mit ihnen verbündeten Cheyenne 1868 den Friedensvertrag von Fort Laramie. Dieser schuf die Great Sioux Reservation, welche im Wesentlichen das heutige South Dakota westlich des Missouri umfasste. Über dieses Gebiet wurde ihnen das alleinige Nutzungsrecht zugestanden.Unterzeichnung des Friedensvertrags von Laramie 1868. Er schuf die grosse Sioux-Reservation, in der die Prärieindianer sesshaft werden sollten.Bettmann / GettyDafür mussten sich die Indianer bei der für ihren Stamm zuständigen Agentur in der Reservation niederlassen und in Zukunft von Lebensmittelrationen der Regierung leben. Der Bison wurde gezielt ausgerottet, um den nomadisierenden Indianern ihre Lebensgrundlage zu nehmen und die Prärie für die Besiedelung durch Weisse frei zu machen.Sitting Bull und zahlreiche sogenannte Traditionals weigerten sich, den Laramie-Vertrag zu unterzeichnen. Sie führten ihren traditionellen Lebensstil als Nomaden im heutigen North Dakota und Montana weiter, wo die weisse Einwanderung noch nicht in demselben Mass eingesetzt hatte.Die Sioux führten ein Leben als Nomaden und lebten von der Bisonjagd. Fotografie eines traditionellen Lagers in der Prärie.HUM Images / Universal Images Group / GettyAb 1850 zogen immer mehr Weisse ins Gebiet der Sioux und Cheyenne. Siedler in Nebraska vor ihrer einfachen Behausung.ImagoSitting Bulls KriegIm Sommer 1874 entdeckte eine Expedition unter Oberstleutnant Custer in den Black Hills innerhalb der Reservation Gold. Dies führte zu einer Invasion von Goldsuchern in das den Indianern vorbehaltene Gebiet und zu einem neuen Konflikt mit den Lakota und Cheyenne. Im November 1875 beschloss der amerikanische Präsident Ulysses Grant, auch die verbliebenen Traditionals in die Reservation zu zwingen. Er stellte ihnen ein Ultimatum, sich bis zum 31. Januar 1876 dort bei den für sie zuständigen Agenturen zu melden.Das Ultimatum war eine wenig verschleierte Kriegserklärung. Die Indianer befanden sich in ihren Winterlagern in Montana, und einen Marsch zu ihren Agenturen in South Dakota durch das eisige Wetter und den hohen Schnee hätten viele Kinder und alte Leute kaum überlebt.Nachdem das Ultimatum unbeachtet verstrichen war, befahl General Sheridan Anfang Februar einen Feldzug gegen die Traditionals in ihren Rückzugsgebieten südlich des Yellowstone River. Von Süden, Osten und Westen rückten drei Truppenverbände auf das Gebiet vor. Sie waren verstärkt durch indianische Kundschafter aus mit den Sioux verfeindeten Stämmen. Am 17. März griff die Vorhut des südlichen Verbandes unter dem Kommando von General George Crook frühmorgens ein Lager der Cheyenne am Powder River an. Der Angriff kam für die rund 500 Bewohner völlig überraschend. Es gelang ihnen zwar die Flucht, doch die Soldaten brannten die Tipis nieder und zerstörten ihre Essensvorräte und Habseligkeiten.General Philip Henry Sheridan, 1831–1888, Oberkommandierender im letzten Krieg gegen die Prärieindianer von 1876/77.Hulton-Deutsch Collection / Corbis / GettyDamit hatte der letzte grosse Krieg gegen die Prärieindianer begonnen. Mit Boten forderte Sitting Bull nun die nomadisierenden Gruppen von Traditionals und auch die Krieger in den Reservationen auf, sich ihm in einem grossen Sommerlager am Rosebud River anzuschliessen. Mit der Vereinigung von mehreren tausend Indianern hoffte er, der US-Armee Widerstand leisten zu können.Am 17. Juni kam es ausserhalb des Lagers am Rosebud zu einer ersten grösseren Schlacht zwischen den Truppen von General Crook und den vereinten Traditionals. Obwohl in Unterzahl, gelang es den Letzteren, Crooks Truppen zu stoppen. Der General kehrte nach der sechsstündigen Schlacht zu seinem Basislager in Wyoming zurück, um die Verwundeten zu pflegen und die knappen Vorräte aufzustocken, und wartete dort sieben Wochen auf Verstärkung.Die Traditionals zogen weiter zum Little Bighorn River. Das Lager war inzwischen auf rund 7000 Personen angewachsen, unter ihnen waren schätzungsweise 1800 Krieger. Trotz dem Rückzug von General Crook war die Gefahr nicht vorbei, denn von Osten näherten sich die Truppen von General Terry. So kam es am frühen Nachmittag des 25. Juni zum Überraschungsangriff des 7. Kavallerieregiments von Custer, der für die US-Armee mit der katastrophalen Niederlage endete.George Armstrong Custer mit indianischen Scouts. Krieger von mit den Sioux und Cheyenne verfeindeten Völkern unterstützten die US-Armee bei der Aufklärung und im Kampf.Bettmann / GettyVernichtungsfeldzugDoch der Sieg über Custer nützte den Indianern wenig. Sitting Bull war klar, dass die US-Armee nun mit neuen Truppen Rache üben werde. Das riesige Lager konnte er nicht mehr lange aufrechterhalten. Die Versorgung von so vielen Menschen und Ponys an einem Ort war über längere Zeit unmöglich. Auch war das Lager mit vielen Kindern, Frauen und älteren Leuten zu unbeweglich, um sich gegen die Angriffe neuer amerikanischer Truppen zu verteidigen oder sich deren Angriffen zu entziehen. Es löste sich deshalb wieder in zahlreiche Gruppen auf; viele Krieger aus den Reservationen kehrten zu ihren Familien zurück.In seinem Hauptquartier in Chicago plante General Sheridan nun einen totalen Krieg gegen die letzten nomadisierenden Lakota und Cheyenne. Er liess eine Reihe neuer Forts in Montana errichten und führte von diesen aus unaufhörlich Angriffe gegen die Lager der verbliebenen Traditionals. Über die Reservatindianer verhängte er eine militärische Kontrolle. Sie mussten ihre Waffen und Ponys abgeben, die sie noch behalten hatten, um ihre Jagdrechte auf der Grundlage des Vertrages von 1868 auszuüben.Aufnahme aus dem Lager von Sitting Bull von 1875.Smith Collection / Gado / Archive Photos / GettyFür die Traditionals wurde die Lage immer schwieriger. Weisse Bisonjäger dezimierten nun auch in Montana die verbliebenen Herden. Die Indianer verloren dadurch ihre Lebensgrundlage und begannen Hunger zu leiden. Immer wieder wurden zudem Lager von ihnen durch die US-Armee zerstört. Die Bewohner mussten ohne Vorräte und Habseligkeiten flüchten. Zweimal, im Oktober und im Dezember 1876, traf dies auch das Lager von Sitting Bull. Der Winter 1876/77 wurde dadurch zu einem Überlebenskampf. Im neuen Jahr gab es nur noch zwei Optionen für die letzten Traditionals: Kapitulation in der Reservation oder Flucht nach Kanada, wo sie vor der US-Armee in Sicherheit waren.Exil in KanadaEnde April 1877 überquerte Sitting Bull mit rund 900 Anhängern die Grenze nach Kanada. Die Flüchtlinge wurden dort von der Royal Mounted Police freundlich empfangen. Es wurde ihnen aber klargemacht, dass sie nun den örtlichen Gesetzen unterstanden und dass sie von Kanada keine Lebensmittelrationen erhalten würden. Letzteres war im Moment auch nicht nötig. Im Grenzgebiet zu den USA, wo Sitting Bulls Anhänger eine neue Heimat fanden, bot eine grosse Bisonherde vorerst genügend Nahrung.Doch innert Monaten schwoll die Zahl der Flüchtlinge aus den USA auf mehrere tausend an. Sie wurden damit zu einer ernsthaften Konkurrenz für die kanadischen Indianer. Die Bisonherden wurden übernutzt. Im folgenden Jahr wurde der Bison auch im Süden Kanadas selten. Der Hunger kehrte zurück. Aus Angst vor einem Konflikt mit den USA drängte Kanada nun zudem auf eine Rückkehr der Flüchtlinge in das südliche Nachbarland. Immer mehr Traditionals kehrten in den folgenden Jahren dorthin zurück und kapitulierten.Am 19. Juli 1881 ergab sich schliesslich auch Sitting Bull mit einer letzten Gruppe von knapp 200 Indianern im Fort Buford am Missouri. Es war ein trauriger Anblick, wie ein lokaler Journalist schrieb: Menschen in Lumpen, manche fast nackt, mit dem erschreckenden Gesichtsausdruck von Leuten, die monatelang nicht mehr genug gegessen hatten. Bei der Übergabe seiner Waffe wünschte Sitting Bull nur, er möge als derjenige in Erinnerung bleiben, der als Letzter seines Stammes sein Gewehr abgegeben habe.Lager von Sitting Bull in der Standing Rock Reservation nach der Ankunft aus Kanada. Zwischen den Tipis wird Fleisch getrocknet.Bettmann / GettyEs war eine erniedrigende Szene für den Indianerführer. Sein Leben lang war er sein eigener Herr gewesen. Nun wurde er mit seinen Leuten zur für sie zuständigen Standing-Rock-Agentur gebracht. Er und seine Anhänger mussten ihre angestammte Lebensweise aufgeben und sich dem weissen Verwalter und der Armee unterordnen.Letzte Jahre in der ReservationDer Bison stand kurz vor der Ausrottung. Seine Zahl fiel von 40 bis 60 Millionen um 1800 auf wenige tausend Exemplare Mitte der 1880er Jahre. Paradoxerweise war es ausgerechnet General Sheridan, der nun einen Beitrag zum Überleben der Art leistete. Eine der letzten kleinen Herden überlebte im 1872 gegründeten Yellowstone-Nationalpark. Sie wurde zum Ausgangspunkt für den Aufbau einer neuen Population. Sheridan schickte 1886 die Armee in den Park, um Eindringlinge abzuhalten. Die Armee verwaltete den Park während dreissig Jahren und sicherte das Überleben der Spezies. Heute gibt es insgesamt wieder eine halbe Million Tiere.Millionen von Bisons wurden von Weissen in der Prärie getötet und oft einfach liegen gelassen. Ihre Knochen wurden später eingesammelt und zu Leim oder Dünger verarbeitet. Im Bild von 1892 ein riesiger Haufen von Bisonschädeln vor einer Verarbeitungsanlage in Rogueville bei Detroit.Burton Historical Collection / Detroit Public LibrarySitting Bull musste nach seiner Kapitulation mit 172 Gefolgsleuten für 19 Monate in Kriegsgefangenschaft. Die Amerikaner brachen damit ein ihm zuvor abgegebenes Versprechen. Von der Great Sioux Reservation wurden sechs kleine Reservationen abgetrennt, der Rest wurde für die Besiedelung durch Weisse freigegeben. Sitting Bull lebte nach seiner Freilassung mit seinen Anhängern in der Standing Rock Reservation der Hunkpapa-Sioux. Er betrieb etwas Landwirtschaft und reiste als legendärer Kriegsheld mit einer Wildwest-Show durch die USA.Ans sesshafte Leben konnte er sich nie gewöhnen. Gegenüber einer Missionarin sagte er einmal, er würde lieber als Indianer sterben denn als Weisser leben. Am 15. Dezember 1890 wurde er von indianischen Polizisten bei dem Versuch, ihn festzunehmen, erschossen. Der weisse Verwalter der Reservation hatte befürchtet, Sitting Bull könnte im Rahmen einer indianischen religiösen Erweckungsbewegung einen Aufstand anzetteln.Sitting Bulls Blockhaus mit Familienmitgliedern in der Standing Rock Reservation.Library of Congress / Corbis Historical / GettyTraditionelle indianische Tipis vor einer von den Weissen erbauten Schule in der Pine Ridge Reservation der Oglala-Sioux in South Dakota.Library of Congress / Corbis Historical / GettyNicht überwundenes TraumaDie Nachkommen von Sitting Bulls Hunkpapa-Sioux haben das Trauma des Verlusts ihrer traditionellen Lebensweise bis heute nicht überwunden. Viele leben weiterhin in der Standing Rock Reservation. Fast 80 Prozent sind arbeitslos. Es grassieren Alkoholismus und hohe Selbstmordraten. Die Armutsrate liegt bei rund 50 Prozent, fast das Vierfache des nationalen Durchschnitts. Das Gesundheitswesen ist chronisch unterfinanziert und trägt zu einer niedrigen Lebenserwartung bei.Ausser in der Reservationsverwaltung und im lokalen Bildungs- und Gesundheitswesen gibt es kaum Arbeitsplätze. Für erfolgreiche Landwirtschaft fehlen den Sioux genügend fruchtbares Land und der Zugang zu Krediten. Die besser Ausgebildeten können auf einen Aufstieg in amerikanischen Städten hoffen, doch wenn sie die Reservation verlassen, droht ihnen der Verlust der Verbindung zu ihrem Volk und ihren kulturellen Wurzeln.Desolate Situation in der Pine-Ridge Reservation der Oglala-Sioux. Bild von 1970.Michelle Vignes / Gamma-Rapho / GettyPassend zum Artikel
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