Die EU will kein russisches Erdgas mehr, doch sie kauft aus Moskau noch immer LNGEU-Staaten dürfen seit Ende April keine neuen Verträge mehr mit russischen Gasfirmen abschliessen. Jetzt beginnen die Probleme, sowohl für Europa als auch für Russland. Das dürfte China freuen.Rudolf Hermann23.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer russische LNG-Tanker «Christophe de Margerie» im Juni 2017 in Sankt Petersburg. Der Tanker ist so gebaut, dass er die Arktis passieren kann. Von diesen Schiffen hat Russland nur wenige.Olga Maltseva / ReutersSeit Ende April dürfen die Staaten der EU mit Russland keine kurzfristigen Vereinbarungen über Lieferungen von verflüssigtem Erdgas (LNG) mehr eingehen. Der Schritt ist Teil des Brüsseler Plans, von russischen fossilen Energieträgern unabhängig zu werden. Bei langfristigen LNG-Verträgen soll das Importverbot Anfang 2027 greifen, bei Pipeline-Gas gegen Ende 2027.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer allerdings die Handelsstatistiken anschaut, gewinnt nicht den Eindruck, dass die EU dabei ist, sich von russischem Erdgas zu verabschieden. Laut einem Bericht des Arktis-Webportals «High North News» kaufte Europa im März 2026 2,5 Milliarden Kubikmeter russisches LNG – so viel wie nie zuvor.In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres erwarben europäische Energieunternehmen und Energiehändler praktisch die gesamte verschiffte Produktion von Yamal LNG, einem Unternehmen an der westsibirischen Küste des Arktischen Ozeans. Wie aus einer Untersuchung des Centre for High North Logistics, eines Instituts der nordnorwegischen Universität Bodö, hervorgeht, hatten alle siebzig LNG-Tanker, die in diesem Zeitraum den Jamal-Verladehafen Sabetta verliessen, europäische Häfen zum Ziel.Europa ist noch immer von russischem Gas abhängigEs scheint, die europäischen Käufer wollen ihre Lager angesichts der nahenden Embargos noch so gut wie möglich auffüllen. Kommentatoren sprechen von einer eklatanten Diskrepanz zwischen Brüssels politischer Ambition, sich von russischer Energie unabhängig zu machen, und der Realität eines Marktes, der jüngst durch den Iran-Krieg aus dem Gleichgewicht geworfen wurde. Nun herrschen Befürchtungen um die Versorgungssicherheit.Die EU sah sich denn auch wiederholt der Kritik ausgesetzt, zwar gern zu markigen politischen Worten zu greifen, diesen aber keine Taten folgen zu lassen. Für Brüssel ist es schwierig, geopolitische Ziele mit den Sachzwängen der energetischen Versorgungssicherheit und den Interessen der einzelnen Mitgliedstaaten auszubalancieren.In der grösseren Perspektive sieht der Entwöhnungsprozess von russischen Energieträgern durchaus erfolgreich aus. Wie die EU selbst schreibt, ist der Anteil von russischem Pipeline-Gas am europäischen Erdgas-Importmix von rund 40 Prozent im Jahr 2021 auf etwa 6 Prozent im Jahr 2025 zurückgegangen. Insgesamt hielt vergangenes Jahr russisches Erdgas (Pipeline und LNG) einen Marktanteil von 12 Prozent der EU-Einfuhren.Kompensiert wurde der Rückgang russischer Lieferungen vor allem durch Pipeline-Erdgas aus Norwegen, das zum grössten Versorger der EU in diesem Bereich aufgestiegen ist, sowie durch LNG aus den USA und Nordafrika. Abgefedert wurde die Abnabelung von Russland ferner durch Minderverbrauch.Nach Sektoren betrachtet, ist der Erdgaskonsum in der EU am grössten in der Erzeugung von Strom und Wärme (31 Prozent) sowie im Bereich der Privathaushalte und der Industrie (je 25 Prozent). Insgesamt importierte die EU 2025 rund 290 Milliarden Kubikmeter Erdgas (gegenüber 336 Milliarden im Jahr 2021), je rund hälftig aufgeteilt auf LNG und Pipeline-Gas.Sei dem Angriff Russlands auf die Ukraine sind die Pipelines aus Norwegen zur wichtigsten Quelle von Erdgas für Europa geworden.Naina Helén Jåma / Bloomberg / GettyRussland leidet unter dem europäischen VorgehenIst die Abkehr vom russischen Erdgas für Europa ein politischer und wirtschaftlicher Kraftakt, so gilt das umgekehrt auch für Russland. Denn sowohl bezüglich der Grösse als auch der geografischen Nähe lässt sich der europäische Markt nicht so einfach ersetzen.Ein Zentrum der russischen Erdgasförderung liegt beidseits des Mündungstrichters des westsibirischen Flusses Ob am Arktischen Ozean. Die Gesamtinvestitionen in den technologisch anspruchsvollen Bau der dortigen Anlagen für Verflüssigung und Verschiffung von Erdgas werden auf mehrere Dutzend Milliarden Dollar beziffert.Die ansässigen Grossbetriebe Yamal LNG und Arctic LNG stellen derzeit das Rückgrat für den globalen Erdgasexport Russlands dar. Denn einerseits sind die Rohrleitungen, die aus Russland nach Westeuropa führen, mittlerweile zu einem bedeutenden Teil ausser Betrieb. Andrerseits kann LNG, das mit Tankern transportiert wird, auch an Kunden geliefert werden, zu denen kein Pipeline-Anschluss besteht.Westeuropa war ein nahezu idealer Markt: nachfragestark, kaufkräftig, gut erreichbar. Wie bedeutsam das letztere Kriterium war, zeigt sich nun, da dieser Markt stufenweise wegbricht: Für die Neuorientierung auf asiatische Abnehmer ist die Lage der westsibirischen Produktionszentren an der russisch-arktischen Küste ein Problem.Russland fehlen eisbrechende TankerDenn für den Abtransport der gewaltigen Erdgasvolumina sind für die meiste Zeit des Jahres spezielle eisgängige Tanker der sogenannten Arc-7-Klasse notwendig. Von diesen hat Russland jedoch zu wenig, und rasch mehr davon zu erhalten, ist schwierig. Die ersten Schiffe dieser Klasse wurden von Werften ausserhalb Russlands gebaut, und sie enthalten westliche Technologien, die heute unter Sanktionen stehen. Inzwischen befinden sich zwar in der russischen Swesda-Werft in Chabarowsk mehrere Schiffe im Bau, doch die mit Sanktionen belegten Schlüsseltechnologien zu ersetzen, kostet Zeit.Auch für den anspruchsvollen betrieblichen Unterhalt nahmen die nach Westeuropa pendelnden Arc-7-Tanker bis anhin vornehmlich spezialisierte westliche Dienstleister in Anspruch, etwa in Frankreich oder Dänemark. Mit dem Verlust des westeuropäischen Marktes geht ebenso der Vorteil von kürzeren Fahrzeiten und günstig am Weg gelegenen Servicemöglichkeiten verloren.Der Export nach Asien führt von den Verladehäfen Sabetta (Yamal LNG) und Utrenny (Arctic LNG) über eine längere Strecke unter meist schwierigen Bedingungen die russische Arktisküste entlang. Er ist auch insgesamt länger. Bei einer knappen Anzahl von geeigneten Tankern fällt dies ins Gewicht.Das Centre for High North Logistics schätzt deshalb, dass bei einer vollständigen Umlenkung der Exporte nach Asien mit der derzeit betriebsfähigen Flotte von 14 Tankern der Arc-7-Klasse und 11 Einheiten mit niedrigerer oder keiner Eisklasse nur rund 130 Fahrten von den Häfen Sabetta und Utrenny gemacht werden könnten, gegenüber 250 bis 280 Fahrten in den Jahren 2024 und 2025, als der westeuropäische Markt noch zugänglich war.Es ist daher mit einer Halbierung des Absatzes mit entsprechenden finanziellen Konsequenzen zu rechnen.Die Industrieanlagen der Flüssiggasanlage Jamal LNG prägen am 30. November 2021 das Bild des arktischen Hafens von Sabetta.Maksim Blinov / ImagoChinas strategischer Spielraum erweitert sichAus russischer Sicht läge die Lösung deshalb in einer Rohrleitung von den westsibirischen Erdgasfeldern nach China. Tatsächlich ist eine solche Pipeline Thema von Gesprächen zwischen Moskau und Peking. Sie würde Russland den Zugang zu China erleichtern und China wiederum eine erhöhte Versorgungssicherheit mit russischem Gas auf lange Zeit bieten.Obwohl dies nach einem beidseitig vorteilhaften Geschäftsmodell aussieht, benennt die Webpublikation «Carnegie Politika» noch diverse Hürden. Die beiden Länder verknüpften mit dem Projekt unterschiedliche Prioritäten, wobei die Verhandlungsmacht eher bei China liege, heisst es in der Analyse.Zeitraum, Menge, Bezugsflexibilität und Preis seien die wichtigsten Elemente, über die verhandelt werde, schreibt der Autor der Studie. Russlands Schwachpunkt sei, dass nur das grosse China den Verlust des westeuropäischen Marktes kompensieren könne. Peking wisse das und spiele daher auf Zeit. Für Moskau werde sich so schnell kein alternativer Markt ergeben, der eine vergleichbare Grösse habe. Zudem betrachte China das Erdgas bloss als Brückenenergie für den Aufbau einer nachhaltigen und emissionsarmen Energiewirtschaft in den nächsten fünfzehn bis zwanzig Jahren.Welche Rolle Erdgas später spielen wird, bleibt abzuwarten – und ebenso, wie sehr man sich energetisch an Russland binden möchte. Russland strebt angesichts des beträchtlichen Kostenaufwands für den Bau der Leitung wohl eine längere gesicherte Betriebszeit der Pipeline an. Bei dieser Ausgangslage ist nicht von einem schnellen Vertragsabschluss auszugehen.Passend zum Artikel