Deutsche Pragmatik für England, Italianità für Brasilien: Ausländische Trainer sind bei der WM die Regel – Weltmeister wurde mit ihnen noch niemandImmer mehr Länder verpflichten Coaches aus dem Ausland. Die grosse Ausnahme: Deutschland.Sven Haist, Stefan Osterhaus, Houston und New York22.06.2026, 11.43 Uhr4 LeseminutenDas erste WM-Gruppenspiel endete für Thomas Tuchel erfreulich: England gewann 4:2 gegen Kroatien.Jeffrey McWhorter / EPAEin fliegender Wechsel auf der Trainerbank während eines Fussballturniers ist eine Seltenheit, an einer Weltmeisterschaft eine Sensation. Bei der tunesischen Nationalmannschaft geschah genau das: Der Franzose Hervé Renard übernahm nach dem ersten Spiel den Trainerposten seines Landsmanns Sabri Lamouchi, dem ein 1:5 gegen Schweden zum Verhängnis geworden war.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Erfolg der Massnahme war allerdings bescheiden: Renards Equipe ging im zweiten Match mit 0:4 gegen Japan unter. Derart kopflos hatte nicht einmal der spanische Fussballverband 2018 agiert, als der versierte Julen Lopetegui unmittelbar vor WM-Beginn vor die Tür gesetzt wurde, weil durchgesickert war, dass der Baske sich mit Real Madrid geeinigt hatte.Das Engagement von Renard bei den Nordafrikanern fügt sich allerdings in eine Entwicklung, die sich bei dieser Weltmeisterschaft besonders deutlich zeigt: Noch nie standen so viele ausländische Trainer an der Spitze von Nationalverbänden.Tunesien ersetzte seinen Trainer während der WM – der Franzose Hervé Renard übernahm den Posten des geschassten Sabri Lamouchi.Miguel Sierra / EPAGlobalisierte FussballweltInsgesamt wurden 27 der 48 WM-Coaches nicht in jenem Land geboren, das sie betreuen – das ist mehr als die Hälfte. Während in Europa 11 der 16 Teilnehmer auf einen heimischen Übungsleiter setzen, ist der Ausländeranteil auf dem amerikanischen Kontinent am höchsten.Von den 12 Mannschaften aus Nord-, Mittel- und Südamerika beschäftigen lediglich der Co-Gastgeber Mexiko und der Titelverteidiger Argentinien einen Trainer aus dem eigenen Land.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenUrsprung dieses Trends ist die fortschreitende Globalisierung des Fussballgeschäfts. Immer mehr Coaches trauen sich ein Engagement im Ausland zu, weil sprachliche Hürden geschrumpft sind – sei es durch den Einsatz von Dolmetschern oder durch das zumindest rudimentäre Erlernen der jeweiligen Landessprache. Auch kulturelle Vorurteile wurden vielerorts abgebaut.Dazu kommt, dass Klubtrainer oft über Länder- oder Kontinentalgrenzen hinweg arbeiten und ihre Erfahrungen an Kollegen in der Heimat weitergeben. Manchmal suchen sie gezielt eine neue Herausforderung im Ausland, weil ihr Ruf im eigenen Land gelitten hat oder sie der heimischen Liga überdrüssig geworden sind. Bewähren sie sich fernab, stärkt das wiederum das Vertrauen der Nationalverbände in Trainer derselben Herkunft.Längst vorbei sind die Zeiten, als der Engländer Roy Hodgson 1992, zu Beginn seiner Amtszeit als Schweizer Nationaltrainer, laut eigener Aussage die «Rückendeckung einer grossen Zeitung» benötigte – zu kontrovers wurde seine Verpflichtung in der Schweiz diskutiert.Damals machte ihn sogar ein Schweizer Nationalspieler wegen angeblicher Verständigungsschwierigkeiten für seine Nichtberücksichtigung verantwortlich. Hodgsons Antwort folgte bei der nächsten Mannschaftssitzung: eine Ansprache auf Deutsch. «Solltet ihr nicht nominiert werden, seid ihr nicht gut genug», sagte er.Ausländische Trainer gewinnen selten TitelKurios ist: Noch nie gewann ein Team mit einem ausländischen Coach die Weltmeisterschaft. Und auch die EM wurde nur ein einziges Mal mit einem auswärtigen Trainer gewonnen: 2004 gelang Griechenland die grösste Sensation des Wettbewerbs – mit dem Deutschen Otto Rehhagel an der Seitenlinie, einem Mann für scheinbar unmögliche Missionen.Häufiger kam es in Südamerika bei der Copa América zu Erfolgen ausländischer Trainer, die allerdings auch eine Gemeinsamkeit hatten: Es waren, mit Ausnahme des Engländers Jack Greenwell, der 1939 mit Peru die Copa gewann, ausnahmslos Südamerikaner.Das Verständnis der lokalen Gegebenheiten scheint ein wichtiges Kriterium zu sein, zumindest solange es sich um grosse und traditionsreiche Verbände handelt, die viel auf sich halten. Dass Aussenseiter wie Curaçao gerne auf erfahrene, teilweise hochdekorierte Coaches wie etwa den Niederländer Dick Advocaat zurückgreifen, ist nur allzu verständlich: Es handelt sich zuvörderst um einen Wissenstransfer.Äusserst lange waren die Skrupel ausgesprochen gross, in grossen Verbänden einen Ausländer als Nationaltrainer zu engagieren. England brach 2001 das Tabu, indem es den Schweden Sven-Göran Eriksson engagierte. Dieser hatte sich bei Lazio Rom einen Namen gemacht als Erfolgscoach und zuvor bei IFK Göteborg. Seither scheinen die Briten Gefallen an auswärtigen Lösungen gefunden zu haben: Der Deutsche Thomas Tuchel ist nach dem glücklosen Italiener Fabio Capello bereits der dritte Ausländer.Hodgson wurde in Deutschland verhindertDabei ist es gar nicht einmal die Not, die solche Lösungen erzwingt, sondern der Anspruch, endlich wieder Erfolg zu haben. Das gilt ebenfalls für andere ambitionierte Nationen bei dieser WM: Brasilien verpflichtete den Italiener Carlo Ancelotti, Portugal engagierte den Spanier Roberto Martínez, die Österreicher vertrauen dem Deutschen Ralf Rangnick, und der Gastgeber USA heuerte extra Mauricio Pochettino an.Der Italiener Carlo Ancelotti soll das kriselnde Brasilien zum WM-Titel führen.Auch der Deutsche Fussball-Bund (DFB) hätte beinahe einmal einen ausländischen Trainer engagiert: Nachdem der Bundestrainer Berti Vogts 1998 sein Scheitern eingeräumt hatte, suchte der DFB händeringend nach einem neuen Trainer. Roy Hodgson galt als aussichtsreicher Kandidat.Eine Legende besagt, dass dem damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun in der Verbandszentrale eine Gruppe von Japanern entgegengekommen sei, die den Einwand erhoben hätten, bei dem hohen Ansehen der deutschen Trainerausbildung sei es doch unmöglich, dass ein Ausländer den erfolgreichsten europäischen Fussballverband übernehme.In Wahrheit allerdings war es Franz Beckenbauer, der davon abriet, wie Hodgson in einem Interview später erzählte. Das Argument war allerdings beinahe dasselbe: Ein ausländischer Nationaltrainer würde dem Ansehen des Ausbildungsprogramms für Trainer schaden. Deutschland ist bis heute das einzige Weltmeisterland geblieben, das nie einen internationalen Trainer hatte.Passend zum Artikel
Fussball-WM: Noch nie gab es so viele ausländische Trainer an einer Endrunde
Immer mehr Länder verpflichten Coaches aus dem Ausland. Die grosse Ausnahme: Deutschland.
Bei dieser WM trainieren 27 von 48 Coaches (57%) aus dem Ausland – Rekord-Anteil wegen fortschreitender Globalisierung des Fussballs und gefallener Kommunikationshürden. Paradoxerweise gewann kein Team mit ausländischem Trainer je die Weltmeisterschaft – lokale Kontinuität bleibt für etablierte Verbände entscheidend.









