Wer wird Weltmeister? Und welche Titelanwärter sind in Form? Die historischen Granden Brasilien und Deutschland zählen nicht zum engsten FavoritenkreisVor jeder Endrunde gibt es mehr oder weniger elaborierte Formen des Kaffeesatzlesens. Klar ist hingegen: Dem englischen Nationaltrainer Thomas Tuchel dürfte seine umstrittene Nominierung im Fall eines Misserfolgs um die Ohren fliegen.Florian Haupt, Barcelona10.06.2026, 14.00 Uhr5 LeseminutenEr soll Brasilien zum ersten WM-Titel seit 2002 führen: der italienische Startrainer Carlo Ancelotti (links).Ricardo Moraes / ReutersGoldman Sachs sagt: Spanien, die Wettbüros führen Frankreich auf Augenhöhe, die Weltrangliste spricht für Argentinien, und am Spielort Guadalajara ist ein ganzer Zoo mit WM-Prognosen beschäftigt. Dort tippt die Elefantin Kenia für das Eröffnungsspiel am Donnerstagabend etwa auf Mexiko, derweil der Gorilla Chencha für den letzten Spieltag der Vorrunde einen Überraschungserfolg von Uruguay gegen Spanien voraussagt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es wird sich zeigen, wer zum legitimen Nachfolger des Kraken Paul avanciert, der an der WM 2010 mit durchweg richtigen Spielvorhersagen zum Vater aller Tierorakel wurde.Brasilien und Deutschland haben das Siegen verlerntWo Menschen und Computer das Teilnehmerfeld analysieren, fallen als mögliche Weltmeister dieser Tage nicht umsonst als erste die Namen der drei schon eingangs erwähnten Nationen.Argentinien ist der Titelverteidiger und gewann zuletzt zweimal die Copa América. Spanien kommt als Europameister nach Nordamerika. Frankreich triumphierte an der vorletzten WM und erreichte an der letzten den Final. Zu diesem Kreis der absoluten Topfavoriten liessen sich noch zwei europäische Länder addieren, deren Kandidatur ebenfalls durch die jüngere Vergangenheit legitimiert ist: Portugal gewann im vergangenen Sommer das Nations-League-Turnier. Und England stand in den letzten zwei EM-Finals.Sich einen Weltmeister vorzustellen, der nicht aus dieser Fünfergruppe kommt, erfordert schon etwas mehr Phantasie. Ja, Brasilien und Deutschland sind historische Granden, fünffacher und vierfacher Weltmeister. Aber sie durchlaufen auch historische Durststrecken. Deutschland überstand beim Titelgewinn 2014 letztmals die Vorrunde, Brasilien an ebenjenem Turnier zuletzt den Viertelfinal. Es ist nicht leicht, die Kultur des Siegens wiederzuerlangen, wenn sie einmal verloren ist.Die letzte WM auf nordamerikanischem Boden gewann Brasilien, das war im Jahr 1994. Wie damals und wie bereits 1958 kommt der Rekordchampion einmal mehr mit einer Dürre von fünf titellosen Turnieren in Serie zur WM. Länger musste die Seleção nie auf einen Titel warten. Vielleicht ein gutes Omen?Der aus Europa verpflichtete Startrainer Carlo Ancelotti sagte jedenfalls, sein Team wolle der Champion der «Resilienz» sein – wohl eine freundliche Umschreibung für Catenaccio plus Hoffnung auf Geniestreiche der Offensivvirtuosen Vinícius Júnior, Raphinha und, so es sein Körper ihm gestattet, Neymar. Aber das wohlklingende Label ersetzt noch nicht die fehlende Substanz im zentralen Mittelfeld und auf der Position der Aussenverteidiger. Auch Deutschland leidet an Schwachstellen auf jenen Positionen.Realistischerweise sind die historischen Titelanwärter – der dritte, der Vierfach-Weltmeister Italien, ist einmal mehr nicht einmal qualifiziert – eher in der Gruppe der prestigereichen Aussenseiter einzuordnen. Zu ihnen können auch die Niederlande mit dem Bondscoach Ronald Koeman gezählt werden. Dahinter führen die Finalisten des letzten Afrikacups, Senegal und Marokko, ein Peloton selbstbewusster Geheimtipps an. Neben der Schweiz des versierten Trainers Murat Yakin gehören dazu auch das nie zu unterschätzende Kroatien, der ehemalige Dauer-Mitfavorit Belgien, das aufstrebende Norwegen und von den übrigen Kontinenten Côte d’Ivoire, Ecuador und Uruguay. Unter den drei Gastgebern ist Mexiko am meisten zuzutrauen, vor den USA und Kanada.Angesichts des Modus dürfte es mindestens zweieinhalb Wochen dauern, bis überhaupt eine prominente Nation ausgeschieden ist. Denn erst dann beginnt die K.-o.-Runde, für die sich auch noch acht der zwölf Gruppendritten qualifizieren. Selbst Konstellationen mit drei starken Mannschaften (wie in der Gruppe E mit Deutschland, Ecuador, Côte d’Ivoire oder der Gruppe I mit Frankreich, Senegal, Norwegen) verlieren an Schrecken, wenn man gegen Nationalteams wie Curaçao (E) oder den Irak (I) ordentlich die Tordifferenz aufhübschen kann.Stabile Ergebnisdisziplin erfordert die Vorrunde hingegen von Argentinien und Spanien: Sollte eine der beiden Nationen nur Gruppenzweiter werden, träfen der Erste und der Zweite der Weltrangliste, der Südamerika- und der Europameister, bereits in den Sechzehntelfinals aufeinander.Verbandstrainer reüssieren am häufigstenFür das Quintett der Topfavoriten spricht neben der Empirie der letzten Jahre die Dichte ihrer Kader. Sie mögen nicht alle Positionen gleichwertig mit absoluter Weltklasse besetzen können, haben aber auch keine, auf denen das Niveau in grösserem Stil abfällt.Dennoch bleiben Fragezeichen: Welchen Rhythmus kann Argentiniens Heros Lionel Messi nach drei Jahren in der amerikanischen Major League Soccer noch gehen? Kommt Spaniens an der EM so überragende, nun aber angeschlagene Flügelzange Lamine Yamal und Nico Williams rechtzeitig in Form? Können die Franzosen ihren Ausnahmeangriff um den Weltfussballer Ousmane Dembélé und Kylian Mbappé auch wieder einmal mit einer stringenten Spielgestaltung unterfüttern? Bändigt Portugal das Sendungsbewusstsein des 41-jährigen Cristiano Ronaldo in einen produktiven Rahmen? Und wie wirkt sich das Vabanquespiel des englischen Nationaltrainers Thomas Tuchel aus?Der Deutsche hat mit seiner Nominierung für mehr prominente Ausfälle gesorgt als anderswo die üblichen Verletzungsprobleme. Unter anderem verzichtete Tuchel mit Cole Palmer und Phil Foden auf die vielleicht talentiertesten englischen Kreativspieler. Man kann sich die Schlagzeilen im Falle eines Misserfolgs auch ausmalen, ohne ein Experte für die berüchtigten Medien auf der Insel zu sein. Tuchel geht «all in», er lenkt, wie kein anderer Turniertrainer, die Scheinwerfer auf die Seitenlinie.Steht nach seiner brisanten Kadernominierung unter besonderer Beobachtung: der englische Nationaltrainer Thomas Tuchel.Rebecca Blackwell / APAls wohl brillantester Tüftler könnte Tuchel aber auch zum X-Faktor avancieren, der England den ersten WM-Titel seit 1966 bringt. Wie Tuchel mit dem Gespür für den richtigen Spielermix und seinen Matchplänen den Aussenseiter Chelsea 2021 zum Champions-League-Triumph führte, war nichts anderes als eine Masterclass in Turnier-Coaching, wie sie der Bundestrainer Julian Nagelsmann, ein anderer früherer Bayern-Coach, bisher noch schuldig geblieben ist. Auf Ancelotti, den fünffachen Champions-League-Sieger, ruhen in Brasilien ähnliche Hoffnungen. Allerdings ist er ein anderer Typ als Tuchel; mit der Berufung Neymars setzte er eher auf Konfliktvermeidung.Historisch betrachtet reüssieren in Nationalteams eher Trainer, die aus dem eigenen Verband stammen. Nur der Italiener Marcello Lippi 2006 und der Spanier Vicente del Bosque 2010 gewannen nach der Champions League auch die WM. Die Triumphatoren in der jüngsten Vergangenheit haben entweder sehr lange keinen Verein mehr trainiert wie Frankreichs Didier Deschamps. Nie einen in der ersten Liga wie Spaniens Luis de la Fuente. Oder überhaupt noch keinen wie Argentiniens Lionel Scaloni. Sie neigen allesamt dazu, an etablierten Formationen festzuhalten und Partien nicht mit spezifischen Taktiken zu überfrachten.Wer Weltmeister wird? Die Frage ist ungefähr so offen wie jene, wer am Ende das Tippspiel im Zoo von Guadalajara gewinnt.Passend zum Artikel