Sie zitiert nicht gern aus alten Büchern. Oder schaut zurück auf das, was sie bereits getan hat, am Schreibtisch oder im Leben. Trotzdem hält Marica Bodrožić gerne Poetikvorlesungen. Bei denen erwarten zwar alle, dass vorne am Pult aus reicher Erfahrung geschöpft wird, aber Bodrožić nutzt sie lieber, um nach vorne zu denken. Sie legt Wert auf einen Vorlesungstext, der ihre Ästhetik und ihr Denken weitet: „Und bei dem ich etwas Neues lerne.“ Das beruht dann zwar auf dem, was sie schon weiß und sich schon gedacht hat, bewegt sich aber weiter, der Dozentin und den Zuhörern zum Nutzen.Am 24. und 25. Juni ist Bodrožić in Mainz zu Gast, als Inhaberin der Poetikdozentur, die die Gutenberg-Universität und die Akademie der Wissenschaften und der Literatur seit fast 50 Jahren gemeinsam ausrichten. „Schöpferische Vorstellungskraft“ heißt die Vorlesung am ersten Tag der Dozentur, in der Bodrožić die Kreativität der menschlichen Imagination mit den Fähigkeiten der Künstlichen Intelligenz vergleichen will.„Die Technik kommt und geht und wird wie immer irgendetwas revolutionieren“, sagt sie: „Doch der Mensch selbst ist die eigentliche Revolution, wenn er Verantwortung für sich selbst und seine Worte übernimmt.“ Jeder Mensch sei schließlich ein unverwechselbares Einzelwesen, versehen mit der erfinderischen Vorstellungskraft, um die es ihr geht: „Beim Schreiben bin ich immer wieder überrascht, wie ein Buch sich aus dem Nichts heraus selbst baut.“Dorthin gehen, wo die Fragen entstehenNatürlich sei dieses Nichts gefüllt mit Gedanken und Ideen. Man müsse sie bloß zulassen. Ebenso wie das leichte Zögern, wenn man beginne, sich auszudrücken. Und den Mut, etwas Neuem zu begegnen und sich verändern zu lassen. „Das können Sprachmaschinen nicht. Sie können durchaus irgendetwas in die Welt geben, aber nicht die Erfahrung des Zögerns, nicht die Erfahrung des Leidens, nicht den Prozess der Hilflosigkeit. Alles Ebenen in uns, die uns fordern und genau dadurch zu einem genuin eigenen Ausdruck führen.“Die Technik lege sich lediglich einmal quer über all das hinüber: „Programme können Informationen verquicken.“ Aber es bedürfe des Mutes, nach dem richtigen Ausdruck zu suchen, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Gedanken zu sprechen: „Den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, heißt heute, sich des eigenen Lebens bewusst zu werden. Da kann einem keine Maschine helfen.“Bodrožić ist fest davon überzeugt, dass jeder Mensch ein Gespür für Schönheit, Rhythmus, Melodien und Stimmen besitzt. Olga Tokarczuk habe einmal bemerkt, sie schreibe für intelligente Leser. „Was ist Intelligenz?“, fragt Bodrožić: „Auch ein Mensch ohne Bildung kann intelligent sein. Bücher waren meine Lehrerinnen und Lehrer. Wir lernen gerade dann, wenn wir bereit sind, etwas nicht zu verstehen.“ Man müsse nicht alles durchschauen: „Gerade das, was wir nicht verstehen, kann große Wirkung im Einzelnen haben.“ Auch in Literatur und Kunst. Schließlich gelte: „Da entstehen die Fragen.“Von der Kindheit in Hessen zum Leben als SchriftstellerinGeboren wurde sie 1973 in einem kleinen Ort bei Split in Dalmatien, mit neun Jahren kam sie in den Taunus. „In Hessen habe ich meine zweite Kindheit verbracht.“ 2024 wurde aus dieser Zeit ihr aktueller Roman „Das Herzflorett“. Sie habe sich wie ihre Protagonistin darin geübt, der Zukunft entgegenzugehen, sagt Bodrožić: „Ich liebe die kleinen Orte im Taunus und kann außerdem noch Hessisch.“ Sie komme gerne zurück in die Region und fühle sich ihr bis heute verbunden. Auch Mainz ist für sie ein Name aus Kinderzeiten. Allerdings lerne sie die Stadt durch ihre Berufung in die Akademie und die Poetikdozentur erst jetzt näher kennen. Frankfurt hingegen, wo sie eine Ausbildung zur Buchhändlerin machte und an der Goethe-Universität Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik studierte, sei für sie wie eine Heimat: „Ich liebe diese Stadt und bin seit 1992 praktisch bei fast jeder Buchmesse zu Gast.“In ihrem Essayband „Die Rebellion der Liebenden“, erschienen im selben Jahr wie das „Herzflorett“, feiert Bodrožić die Macht des Bewusstseins, das nichts verloren gehen lasse. Es stehe als Ort mit sämtlichen anderen Orten in Verbindung. Aber gilt das nicht perfiderweise auch für Netz und KI? Durchaus, sagt Bodrožić, vor allem für Sprachprogramme. Sie spiegelten bis zu einem bestimmten Punkt, was wir in uns trügen: „Doch sie verwalten das alte Wissen, sie speichern es ab, während das Bewusstsein, wie ich es begreife, sich in dem Moment entwickelt und verändert, in dem ich eine neue Erfahrung mache und sehe, heute bin ich schon weiter, heute habe ich neu geliebt, neu gelebt, heute habe ich anders gelitten, habe einen neuen Menschen kennengelernt, der mir sein Vertrauen geschenkt hat – und all das.“Wie die Protagonistin im „Herzflorett“ komme sie aus einem gewalttätigen Elternhaus: „Man könnte das im Internet abspeichern und sagen, das ist meine Geschichte, doch das sehe ich ganz anders – ich bin Futur Zwei und habe schon andere Augen.“ Da kann das Netz noch so viele Einzelheiten bewahren oder ChatGPT etwas völlig Verdrehtes aus ihnen machen: „Ich bin als Mensch schon an einem anderen Ort.“Sehen lernen heißt schreiben lernenIn Mainz gibt Bodrožić auch eine Schreibwerkstatt. „Sehen heißt ändern“ heißt der Workshop, an dem ohne Anmeldung jeder teilnehmen kann, der vorbeikommt: „Ich bringe Objekte mit und leite zum genaueren Sehen an.“ Denn irgendwann tauche immer die Frage nach dem „echten, aufrichtigen, nach dem vitalen Leben“ auf. „Erst wenn wir wirklich sehen, was wir sehen, kommen wir zu einer anderen Sprache, wir schauen auf Zeit anders, auf Jahrhunderte, auf Städte, Tiere und ganze Landstriche, wir begreifen, wer und was alles in uns mitgeht.“ Sie kenne Wege in dieses Erkennen, könne als Lotsin etwas dazu beitragen. Ihr selbst wiederum mache es Freude, „wenn Menschen verstehen, dass sie viel mehr in sich tragen als sie zuvor geglaubt haben“. Man müsse Wege aufzeigen: „Den Rest macht der einzelne Mensch. Er muss es machen, niemand kann es einem abnehmen. Wir sind lernende Wesen, wir lernen durch Handlungen.“Besonders wichtig ist ihr, das Augenmerk auf das Innere zu lenken: „Zu begreifen, dass wir auf eine bestimmte Art und Weise sehen. Und dass dieses Sehen ergänzt werden kann, dass etwas dazu kommen darf, dass es wichtig ist, die Augen in alle Richtungen zu weiten.“ Das Leben sei klüger als wir, es springe in unsere Planungen als Überraschung hinein: „Das zu sehen, was das Leben uns schon die ganze Zeit erzählt, ist die größte Bereicherung. Das entmachtet uns. Dichtung ist eine grandiose Form der Entmachtung, die uns neue Augen schenkt.“Das gelte für das Schreiben wie für das Leben. Zwischen den Katastrophen, Kriegen und Deepfakes der Gegenwart werde es immer wichtiger, „einander wirklich wahrzunehmen und, so merkwürdig sich das auch anhört, das Leben zu genießen und zu feiern“. Sie sei in einer Diktatur zur Welt gekommen: „Da habe ich gelernt, dass es neben dem Alltag in einem politischen System immer noch das eigene Leben gibt. Wir sind dafür verantwortlich, dass es wertvoll bleibt. Ich glaube, es ist besonders wichtig, sich mit den Menschen des eigenen Lebens zusammenzutun und all das zu leben, woran wir glauben.“ Als Mutter einer achtjährigen Tochter wisse sie, dass nichts so wertvoll sei wie ein „aufrichtiges Gespräch, eine Umarmung und der Körper eines guten Menschen, der uns wieder Hoffnung schenkt, der ein Ufer ist, eine Brücke“.Bodrožić lebt mit ihrer Familie in Berlin und am Rand der Mecklenburgischen Seenplatte in einem alten Feldsteinhaus, „jenseits von Tumult, Lichtverschmutzung und anderen Ablenkungen“. Die wichtigsten Ereignisse im Sommer seien der Garten und die Rauchschwalben, sagt sie: „Manchmal fliegen sie im Norden des Hauses durch ein Fenster und im Süden zum Garten hinaus. Das ist so schön und unbezahlbar, dafür gebe ich jede Bar in Kreuzberg auf.“ Von Mangold bis Kartoffeln pflanzt Bodrožić alles selbst an: „Die Arbeit im Garten ist sehr erfüllend.“Das gilt aber auch für die Arbeit am Gedanken, ob niedergeschrieben oder nicht. Schöpferische Geheimnisse halte sie als Poetikdozentin kaum zurück. „Ich glaube nicht an Konkurrenz, vielmehr denke ich, dass es schön ist, Wege aufzuzeigen, auch im Wissen um die Möglichkeit anderer Pfade.“ Manchmal verschweige sie allerdings, welch „immense Ausdauer“ das Schreiben erfordere: „Das muss nicht immer verraten werden, es ist ja eine Geburt. Niemand sagt einem vor der Geburt eines Kindes, wie es wirklich ist, es würde einen total zerstören.“Für den Herbst ist bei Hanser Berlin als neues Buch „Sterben“ angekündigt. Vor einigen Jahren erkrankte Bodrožić schwer und machte die Erfahrung der Todesnähe: „Das hat mein Leben absolut bereichert, seither vertraue ich dem Tod.“ Es sei das schrecklichste Erlebnis ihres Lebens gewesen, zugleich aber auch das schönste: „Es hat mir gezeigt, was es heißt, am Leben zu sein. Kein Wort reicht an das Glück heran, das Leben tiefer lieben zu dürfen, die Zeit dafür geschenkt zu bekommen, sich korrigieren zu dürfen, lernen zu dürfen, einen Kaffee in der Sonne zu trinken und Anteil zu haben am Leben der Gesunden.“ Nicht alles also lässt sich in Worte fassen. Aber daran arbeiten kann man. Und darüber nachdenken auch.Marica Bodrožić, Poetikdozentur, 24. Juni, 18 Uhr, Vortrag „Schöpferische Vorstellungskraft“, Philosophicum, Raum P5; 25. Juni, 10 Uhr, Schreibwerkstatt „Sehen heißt ändern“, Philosophicum, Raum P204, Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz
Marica Bodrožić: Warum Menschen kreativer als KI sind
Marica Bodrožić glaubt daran, dass unsere Vorstellungskraft kreativer ist als KI. Jetzt hält die Schriftstellerin die Mainzer Poetikvorlesung.
Schriftstellerin Marica Bodrožić unterscheidet echte Kreativität durch Erfahrung (Zweifel, Leiden) von KI, die nur Informationen kombiniert. Tech-Manager sollten verstehen: LLMs speichern alte Wissen, replizieren aber nicht bewusste Transformation – ein Limit für AI in kreativen Prozessen.








