Fleisch produzieren, ohne Tiere zu töten: Ein niederländischer Bauer will als Erster dieses Zukunftsgeschäft betreibenSeit Jahren forschen Startup-Firmen an Verfahren, Laborfleisch herzustellen. In den Niederlanden hat ein Landwirt dazu als Erster einen Bioreaktor auf seinem Hof installiert. Das soll die Zukunft seines Betriebs sichern.22.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenNoch setzt der niederländische Bauer Corné van Leeuwen ganz auf die Käseherstellung, das soll sich aber ändern.Justin JinWie ihre Berufskollegen rund um den Globus produzieren Zehntausende niederländische Bauern Käse, Fleisch und Butter. Einer von ihnen, der 38-jährige Corné van Leeuwen, verfolgt zusätzlich ein futuristisches Geschäft: Als erster Landwirt weltweit betreibt er seit neuestem einen kleinen Bioreaktor. Darin wachsen in einer Nährlösung Zellen heran, aus denen eines Tages Rindfleisch entstehen soll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fleisch aus dem Labor statt aus dem Stall – seit Jahren arbeiten Dutzende von Startup-Firmen an dieser Idee. Sie klingt zumindest vielversprechend: Tiere müssten nicht geschlachtet werden, und die Landwirtschaft stiesse weniger klimaschädigendes Gas aus, wenn es gelänge, Fleisch im Bioreaktor zu produzieren. Und es liesse sich viel wertvolles Wasser sparen.Van Leeuwen sagt, sogenannt kultiviertes Fleisch zu produzieren, sei für ihn eine Zusatzaktivität, die den Fortbestand seines Hofes sichern soll. Dieser befindet sich in fünfter Generation in Familienbesitz und soll eines Tages an eine von van Leeuwens Töchtern übergehen.Als Hauptgeschäft produziert van Leeuwen im südholländischen Ort Midden-Delfland Käse und besitzt dafür 60 Kühe. Für niederländische Verhältnisse ist das ein unterdurchschnittlicher Wert.Grüne Wiesen zwischen GrossstädtenVan Leeuwen steht auf der für die Region typischen Torfwiese seines Hofs und sagt, man solle sich umsehen – sein Betrieb sei von Grossstädten umschlossen. Tatsächlich sieht man in der Ferne den Turm der Kathedrale von Delft und die Hochhäuser Den Haags.Südholland ist eine der am dichtesten besiedelten Regionen Europas. Trotzdem füttern einige Bauern ihre Kühe noch mit Gras und produzieren Käse. Dominant ist allerdings ein anderer Landwirtschaftszweig: die Produktion von Tomaten, Gurken oder Peperoni in unzähligen Gewächshäusern. Sie bilden in der Region «de glazen stad», die gläserne Stadt.Innovation hat in van Leeuwens Familie Tradition. Sein Vater war 1993 angeblich der erste Landwirt weltweit, der einen Melkroboter einsetzte. «Das war ein grosser Schritt», sagt van Leeuwen. Plötzlich habe sein Vater viel weniger mit den Händen arbeiten müssen.Der Bioreaktor befindet sich in einer eigenen kleinen Baracke auf dem Hof. Als Käsehersteller weiss Leeuwen, wie wichtig Hygiene auch bei der Produktion von kultiviertem Fleisch ist. Mit schlammigen Gummistiefeln in die Baracke zu stapfen, ist ausgeschlossen. Und für Dritte gilt: Betreten verboten.Noch ist der Bioreaktor kaum grösser als ein Mikrowellenofen, er fasst 20 Liter Nährlösung. Eine Vergrösserung ist aber angedacht.Der Bauer Corné van Leeuwen auf dem Grasland seines Betriebs in der Provinz Südholland, einer der am dichtesten bewohnten Gegenden Europas.Justin JinAuch Bell und PHW mischen mitDie Niederlande sind eines der Zentren für die Produktion von kultiviertem Fleisch. Bereits in den 1950er Jahren verfolgten heimische Wissenschafter die Idee, und eine Zellbiologin des Landes hat vor 21 Jahren angeblich die erste Dissertation zu dem Thema geschrieben.Mittlerweile unterstützt ein niederländischer Staatsfonds die Bemühungen finanziell, und eines der führenden Startups stammt aus dem Land: das vom Medizinprofessor Mark Post 2016 gegründete Unternehmen Mosa Meats.Als Erstes will es einen Hamburger auf den Markt bringen. Bis es so weit ist, werden noch Jahre vergehen. Laut dem Firmenchef Maarten Bosch schafft man es zwar, einen Hamburger zu Kosten zu produzieren, dass er über Restaurants vertrieben werden könnte. Noch fehlen Mosa dafür aber Bewilligungen der Behörden.In der Schweiz und in der EU hat das Unternehmen einen Zulassungsantrag für Fett aus dem Labor eingereicht. Dieses soll ein wichtiger Bestandteil eines In-vitro-Burgers sein. Mosas erstes kommerzielles Produkt wird aber hauptsächlich aus pflanzlichen Zutaten wie Soja und Erbsen bestehen. Durch die Zugabe von tierischem, im Labor produziertem Fett wird es aber mehr nach Hamburger schmecken als rein pflanzliche Fleischersatzprodukte.Damit hat Mosa auch das Interesse der fleischverarbeitenden Industrie auf sich gezogen. Diese positioniert sich für den Fall, dass immer mehr Menschen auf den Konsum von klassisch produziertem Fleisch verzichten. Die Basler Bell Holding, die mehrheitlich Coop gehört, bereitet sich ebenfalls auf ein solches Szenario vor und hat sich vor Jahren an Mosa beteiligt.Wichtigster Industriepartner der Niederländer ist jedoch PHW. Das deutsche Unternehmen gilt als grösster Geflügelfleischhersteller Deutschlands.Ein ernstzunehmender Konkurrent des Mosa-Konsortiums ist Aleph Farms aus Israel. In Kemptthal im Kanton Zürich will die Firma mit Migros Industrie, Bühler und Givaudan eine Produktionsstätte für kultiviertes Laborfleisch aufbauen. In der ersten Hälfte des kommenden Jahres soll es mit der Herstellung von Rindssteaks losgehen, noch fehlen dafür aber gewisse Bewilligungen.Wie Mosas Hamburger werden die Steaks noch schwergewichtig aus pflanzlichen Proteinen bestehen, es ist ein Hybrid. Das sei wie bei Autos, sagt ein Vertreter des Aleph-Konsortiums: Hier habe es auch zuerst Plug-in-Hybride gegeben und erst dann reine Elektrofahrzeuge.Mosa und Aleph Farms haben die Absicht, kultiviertes Fleisch eher industriell herzustellen. Der Mosa-Gründer Post sagt, sein Unternehmen müsse die Produktion skalieren, um die Kosten weiter zu senken.In dieser Baracke auf dem Bauernhof befindet sich der Bioreaktor für die Produktion von Laborfleisch.Justin JinNoch zögern die meisten BauernSolche Aussagen haben Bauern, aber auch niederländische Wissenschafter aufgeschreckt. Ihnen missfällt, dass die Landwirte ein Stammgeschäft an die Industrie verlieren könnten – die Fleischproduktion.Sie haben deshalb Respectfarms gegründet, ein Netzwerk, das die Produktion von kultiviertem Fleisch auf dem Bauernhof fördern will. Zu den Unterstützern von Respectfarms zählen auch Mosa und Aleph Farms. Offenbar wollen sich die beiden Hersteller alle Varianten offenhalten, da völlig ungewiss ist, in welche Richtung sich der junge Sektor entwickelt.Respectfarms sei kein Hersteller, sondern verstehe sich als Systemintegrator, sagt die Mitgründerin Ira van Eelen. Vermarkten wolle man nicht Fleisch, sondern eine Produktionsweise, etwa jene, wie sie gerade auf van Leeuwens Hof getestet werde.Kultiviertes Fleisch soll mindestens einem Teil der niederländischen Bauern die Zukunft sichern. Richtig eingeschlagen hat das Projekt bei dem als konservativ geltenden Berufsstand trotzdem noch nicht. Respectfarms hat 80 Landwirte gefragt, ob sie sich für einen Bioreaktor erwärmen könnten. Lediglich 8 haben Interesse bekundet.Die niederländische Landwirtschaft wird sich allerdings neu ausrichten müssen. Noch ist sie ganz auf Hochleistung getrimmt. Manche sagen, dass dies die Folge des Hungers sei, der im letzten Winter des Zweiten Weltkrieges im Land geherrscht habe.Um eine solche Katastrophe künftig zu verhindern, forcierte die Regierung den Agrarsektor. Auch die Banken trieben die Bauern dazu an, möglichst effizient zu wirtschaften – das heisst: in möglichst grossen Mengen. Für die Umwelt war das teilweise verheerend. In der Tiermast fällt viel Gülle an, welche Böden und Gewässer verschmutzt.Die Regierung verlangt von den Landwirten deshalb eine Neuausrichtung, auch um eine Direktive der EU einzuhalten, die Grenzwerte beim Stickstoffausstoss festlegt. Viele Bauern sind deswegen verunsichert. Sie wissen nicht, wie es mit ihrem Geschäft weitergehen wird. Sollen sie sich neu orientieren, indem sie etwa von der Fleisch- auf die Gemüseproduktion umsteigen? «Der Sektor ist in Aufruhr», sagt van Leeuwen zur Stimmung seiner Kollegen. Sein Betrieb sei jedoch klein genug, um sich an neue Gegebenheiten anzupassen.Das sei kein Fleisch, sagt das EU-ParlamentVan Leeuwen hofft, dass sich Konsumentennähe für ihn auszahlen wird, obwohl kultiviertes Fleisch für viele immer noch nach Science-Fiction klingt. Seinen Käse vermarktet er teilweise regional, beim kultivierten Fleisch will er ebenso vorgehen – wenn es dann einmal auf dem Markt ist. «In der Gesellschaft geniessen die Bauern viel Sympathie», sagt van Leeuwen. Das soll dazu beitragen, die Akzeptanzprobleme kultivierten Fleischs abzubauen.Solche scheint es nämlich zu geben. Laut einer Umfrage des Gottlieb-Duttweiler-Instituts von 2023 würden 45 Prozent der Amerikaner Laborfleisch probieren, aber nur 20 Prozent der Schweizer. Und die Politik baut regulatorische Hürden auf: Vergangene Woche hat das Europäische Parlament beschlossen, dass Fleisch nur Fleisch genannt werden darf, wenn es sich um geniessbare Teile von geschlachteten Tieren handelt. Mosas und Alephs Produkte fallen nicht darunter: Aus heutiger Sicht wird es nur «Fleisch» sein.Passend zum Artikel
Wie ein niederländischer Bauer mit Laborfleisch seine Zukunft sichern will
Seit Jahren forschen Startup-Firmen an Verfahren, Laborfleisch herzustellen. In den Niederlanden hat ein Landwirt dazu als Erster einen Bioreaktor auf seinem Hof installiert. Das soll die Zukunft seines Betriebs sichern.









