GastkommentarMatthias EgliEigenverbrauch ist die Logik des neuen StromsystemsDie Schweiz sollte beim Strom Netzkosten dort verrechnen, wo sie entstehen. Eine marktwirtschaftliche Energiepolitik sollte dezentrale Investitionen ermöglichen statt behindern.22.06.2026, 05.20 Uhr3 LeseminutenSoll die Lenkung privaten Investoren zugutekommen, die in Solartechnik investieren?Arnulf Hettrich / ImagoIn einem dezentralen Stromsystem wird Strom möglichst dort verbraucht, wo er produziert wird. Der Eigenverbrauch folgt diesem einfachen Prinzip: Produziert eine Photovoltaikanlage Strom auf dem eigenen Dach und wird dieser direkt im Gebäude genutzt, entfallen die Transportwege über das öffentliche Netz. Das reduziert Verluste, entlastet die Netze und schafft Anreize für Speicher und flexible Stromnutzung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem wird Eigenverbrauch zunehmend als versteckte Subvention kritisiert. Ausgelöst wurde die derzeitige Debatte durch die Energy Reports der Axpo. Dort wird Eigenverbrauch als implizite Förderung bezeichnet. Die Axpo beschreibt damit jedoch eine Tarifwirkung – und nicht eine staatliche Förderung – und zeigt gleichzeitig etwas anderes: Keine Energieform kommt ohne politische Rahmenbedingungen und Lenkungswirkungen aus.Gesteuert wird im Energiesystem immerIn ihrer Analyse beziffert die Axpo den Unterstützungsbedarf für Winterstrom für Wind, Photovoltaik und Kernkraft in einer ähnlichen Grössenordnung von 40 bis 60 Prozent. Wobei grosse PV-Anlagen den geringsten Förderbedarf ausweisen. Die Frage ist deshalb nicht, ob gelenkt wird. Gesteuert wird im Energiesystem immer. Die eigentliche Frage ist vielmehr: Soll diese Lenkung Millionen privaten Investoren zugutekommen, die in Dächer, Speicher und Steuerung investieren – oder wenigen kapitalintensiven Grossprojekten mit entsprechend konzentrierter Marktmacht?Die Antwort liegt nahe. Eine marktwirtschaftliche Energiepolitik sollte dezentrale Investitionen ermöglichen statt behindern. Dabei bleibt ein grosser Teil der Wertschöpfung in der Schweiz. Neue Photovoltaik- und Windanlagen gehören weltweit zu den günstigsten Formen neuer Stromerzeugung. Weil die Investitionen von privaten Akteuren und Unternehmen getragen werden, entlastet dies Staat und Energieversorger. Die Photovoltaik besitzt dafür einen technologischen Vorteil: Sie ist klein, skalierbar, einfach installierbar und produziert Strom direkt dort, wo er gebraucht wird. Andere Technologien können das nur begrenzt.Ökonomisch unterscheidet sich Eigenverbrauch kaum von klassischen Effizienzgewinnen. Niemand bezeichnet LED-Lampen als versteckte Subvention, nur weil sie den Netzbezug senken. Wer weniger Strom aus dem Netz bezieht, zahlt weniger Netzkosten. Das gilt für LED, den Ersatz von Elektroheizungen oder sinkenden Stromverbrauch dank besserer Isolation ebenso wie für Solaranlagen. Der wirtschaftliche Mechanismus ist derselbe: weniger Netzbezug, tiefere Kosten. Wer bei Photovoltaik plötzlich andere Massstäbe anlegt, misst mit zweierlei Mass.Tatsächliche Netzbelastung verrechnenUnbestritten ist hingegen: Die heutigen Netztarife verteilen die Kosten oft zu grob. Noch immer wird zu viel pro Kilowattstunde verrechnet und zu wenig nach tatsächlicher Netzbelastung. Seit 2026 haben die Netzbetreiber mehr Spielraum für zeitvariable, dynamische und leistungsbezogene Tarife. Wer das Netz in Spitzenzeiten stark belastet, soll mehr bezahlen. Wer Lasten verschiebt, Speicher nutzt oder lokal verbraucht, soll entlastet werden. Das ist keine Planwirtschaft, sondern Preiswahrheit. Diese Möglichkeiten haben die Verteilnetzbetreiber bereits heute, nutzen sie aber erst zögerlich.Hinzu kommt: Der künftige Netzausbau wird durch die allgemeine Elektrifizierung wie Elektromobilität, Wärmepumpen oder Rechenzentren bestimmt. Gerade deshalb braucht es mehr lokale Flexibilität – etwa durch die Kombination von Photovoltaik, Speichern und intelligentem Lastmanagement. Das kann Netzausbauten reduzieren und die relativen Netzkosten stabilisieren. Eigenverbrauch schafft dafür marktwirtschaftliche Anreize. Er hilft, Produktion und Verbrauch besser aufeinander abzustimmen, Verluste zu senken und die Netze effizienter zu nutzen.Eine Abwertung des Eigenverbrauchs würde Investitionsanreize schwächen. Private Investitionen würden gebremst, und am Ende wären höhere direkte Förderungen nötig. Das wäre teuer, zentralistisch und innovationsfeindlich. Die Schweiz sollte stattdessen den liberalen Weg wählen: Netzkosten dort verrechnen, wo sie entstehen, und dezentrale Investitionen dort wirken lassen, wo sie dem Gesamtsystem nützen. Wer Eigenverbrauch bestrafen will, schwächt dezentrale Investitionen und stärkt die Konzentration im Energiesystem.Matthias Egli ist Geschäftsführer von Swissolar.Passend zum Artikel