Es läuft die 55. Spielminute im Fußballstadion von Toronto, als sich hinter dem Tor der Elfenbeinküste etwas regt. Dort, wo die deutschen Fans bei diesem zweiten Spiel der Weltmeisterschaft sitzen, und wo vorher manches zu hören gewesen ist, was wie der Sound des vergangenen Jahrhunderts klang. Am Anfang: „Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da!“ Später: „Auf geht’s, Deutschland, kämpfen und siegen!“Jetzt ist etwas zu hören, was schon auch an ein Urgefühl des deutschen Fußballs erinnert, zugleich ist es aber, wie sich schnell zeigen wird, sehr zeitgemäß: „Undav, Undav“, erst noch ein bisschen dünn, dann immer dröhnender.Dann macht es bumDer Mann, dem die Rufe gelten, wird später sagen, dass er’s gehört hat und dass er in diesem Moment habe lachen müssen. Weil sein Name nun nicht nur im Stadion in Stuttgart, sondern auch im Stadion in Toronto zu hören ist.Aber eigentlich gibt es nichts zu lachen, als Deniz Undav, der Fußballprofi des VfB Stuttgart, nach 60 Spielminuten den Rasen in Toronto betritt. Nicht nur, weil es nun schon seit ziemlich langer Zeit 0:1 steht, spüren die Fans, spüren die Reporter auf den Tribünen, spüren gewiss auch die Spieler und der Bundestrainer, dass ein erster kleiner Notfall bei diesem Turnier eingetreten ist.Acht Minuten später macht es bum. Und als dieses körperlich-krachende Spiel, für das die Mannschaft von Julian Nagelsmann lange nicht die richtigen Mittel gefunden hat, schon auf ein Unentschieden zuzusteuern scheint, mit dem sie leben könnte, spielt der körperlichste und beste Deutsche des Spätnachmittags, Felix Nmecha, noch einen schneidenden Pass in den Strafraum. Dorthin, wo der körperlichste und gefährlichste deutsche Stürmer lauert. Als Undav ihn annimmt, sich dabei dreht und dann mit seinem linken Fuß schießt, macht es noch einmal bum.Undav lässt sich nichts anmerkenEs ist die Urgewalt eines Stürmers. Und es ist der Moment, in dem der Jubel bei den Deutschen keine Grenzen kennt. Die Spieler stürmen an der Werbebande hinter dem Tor zusammen und werden von den Fans frenetisch gefeiert. Ein Moment wie jener, der bei der Heim-WM 2006 das deutsche Team entfesselte, heißt es später.Als das Spiel zu Ende ist und die Party auf dem Platz weitergeht, fällt ein Mann noch einmal besonders auf. Nicht weil der besonders ausgelassen wirkt nach seinen zwei Toren, die dafür gesorgt haben, dass Deutschland, statt in diesem Spiel k. o. zu gehen, zum ersten Mal seit 2014 in die K.-o.-Runde einer WM eingezogen ist. Sondern weil Undav sich nichts anmerken lässt: kein Jubel, keine Gesten. Sollen die anderen doch kommen.Es kommt zum Beispiel Julian Nagelsmann. Das passt nicht nur in die Geschichte dieses Abends, es fügt sich auf bemerkenswerte Art auch in eine größere, die für die Nationalmannschaft noch wichtig werden könnte bei diesem Turnier.Wie einst im März dieses JahresSpäter, als der Bundestrainer im Pressekonferenzraum des Stadions sitzt, dauert es nur eine Frage, bis er auf Undav angesprochen wird: Ob er eine Möglichkeit sehe, den Mann, der nun schon dreimal bei dieser WM getroffen hat und in elf Länderspielen insgesamt neunmal, künftig vielleicht doch von Anfang an spielen zu lassen.Nagelsmann ist so etwas Ähnliches schon einmal gefragt worden, im März beim Länderspiel gegen Ghana in Stuttgart. Dort, wo jedes Kind den Namen Undav kennt und ruft und wo dieser selbst, nachdem er als Einwechselspieler in der 88. Minute zum 2:1 getroffen hatte, mit großer Geste auf den Namen auf seinem Trikot gezeigt hat.Es wurde der Moment, der Nagelsmann geschadet hat wie vielleicht kein anderer in seinen etwas mehr als 1000 Tagen als Bundestrainer, keiner vorher, auch nicht die Wechsel, die ihm das eine oder andere Spiel haben entgleiten lassen, und keiner nachher, auch nicht die missratene Kommunikation rund um die Rückkehr Manuel Neuers.Die Fans misstrauen Nagelsmann nach wie vorDie schien allerdings das, was im März passiert ist, noch einmal zu verstärken: eine Art Urmisstrauen des Publikums in diesen Bundestrainer, das auch in den USA und Kanada noch zu spüren – oder besser: zu hören – ist. Wenn die Aufstellungen über die Anzeigetafel flimmern, werden viele Namen laut gerufen, bei dem des Bundestrainers bleibt es ziemlich leise.Als Nagelsmann in jenem März über Undav sagt, er habe bis zu seinem Tor „nicht gut gespielt“, und dabei den Eindruck erweckt, als sei es fast schon eine Zumutung, dass er diese Frage beantworten müsse, eine Beleidigung seines Plans, rührt das nicht nur an das Urgefühl der Fans, was den Stürmer Undav angeht. Es wirft zugleich eine grundsätzliche Frage auf: ob jemand, der sich selbst nicht im Griff hat, eine Nationalmannschaft bei einer WM im Griff haben kann.Als Nagelsmann am Samstag in Toronto auf die Frage antwortet, passiert etwas anderes. Nagelsmann reagiert nicht wie einer, der mit Macht demonstrieren muss, dass er neben der Richtlinienkompetenz auch die Deutungshoheit hat. „Es gibt verschiedene Ansätze“, sagt er. „Du kannst sagen: Warum soll ich seinen Flow jetzt brechen?“ Undav sei zweimal reingekommen, habe zweimal Tore gemacht und beim letzten Mal, gegen Curaçao, auch zwei Tore vorgelegt. „Viel besser die Rolle erfüllen, Finisher sein und noch mehr auf der Anzeigetafel bei der WM stehen geht gar nicht“, sagt Nagelsmann.Sätze, die eine Tendenz erkennen lassenEr könne aber auch sagen: „Ja, klar, Superleistung, lassen wir ihn von Beginn an spielen.“ Konkret ist es so, dass Undav nun alle 47 Minuten im Nationaltrikot ein Tor geschossen hat, beziehungsweise alle 33 Minuten an einem beteiligt war.„Viel besser die Rolle erfüllen, Finisher sein und noch mehr auf der Anzeigetafel bei der WM stehen geht gar nicht“, sagt Nagelsmann über Undav.AFPWohin die Tendenz des Bundestrainers geht, kann man schon hören. Zuerst in einem Nebensatz, als er darauf hinweist, dass Undavs Stärken am besten zur Geltung kämen, „wenn die Räume ein bisschen aufgehen“. Oder, als er etwas später in ziemlich eindeutigen Hauptsätzen sagt: „Natürlich will jeder Spieler von Beginn an spielen. Aber tief im Herzen, glaube ich, ist er auch ganz zufrieden, wie es gerade läuft, weil er einfach schon eine sehr tragende Rolle hat.“Doch selbst wenn Nagelsmann Undav weiter als Joker sieht und nicht unbedingt in der Startelf, egal ob als „Neuner“ oder „Zehner“ (siehe Kommentar): Es gibt einen Satz, der nahelegt, dass aus einem destruktiven Umgang ein konstruktiver geworden ist. „Wir werden beides diskutieren, auch mit Deniz, wir nehmen die Spieler mit in diesem Prozess“, sagt der Bundestrainer. Und demonstriert damit auch: Ich spreche nicht mehr über Undav, sondern mit ihm.Es wirkt, als hätten beide hinzugelerntDass das im März noch anders klang, hatte einerseits mit Nagelsmanns Stürmer- und Rollenbild zu tun. Er ist prinzipiell nicht unbedingt ein Fan von Undavs unorthodoxem Stil, der zudem noch in einem eher unorthodoxen Körper steckt, als Bayern- und dann als Bundestrainer hat Nagelsmann gewisse Ansprüche entwickelt, und Undav kickte vor sechs Jahren nun mal noch in Meppen.Aber es schien ihm in diesem Moment eher um etwas anderes als um die fachliche Ebene zu gehen: sich von nichts und niemandem treiben zu lassen. Nicht vom Stuttgarter Publikum, nicht von den Medien, aber auch nicht von Undav selbst. Der hatte ihn gereizt, schon klar. Aber dass daraus die größte Dummheit seiner Dienstzeit zu werden drohte, hatte der Bundestrainer schon selbst zu verantworten. Und dass er später darüber plauderte, dass seine Frau ihm geraten habe, Undav anzurufen, machte es nicht besser.Dann macht es bumm: Deniz Undav bejubelt sein Tor zum 2:1dpaInzwischen wirkt es, als hätten beide etwas daraus gelernt. Als Undav am Samstag in der Mixed Zone steht, passt er optisch bestens zu dem Bild, das die Fans als Projektionsfläche so lieben. Im grünen Retroanzug mit dem Pokal als Spieler des Spiels wirkt er nicht so viel anders als der Kreisligakicker, der in Ballonseide noch schnell an der Tanke vorbeischaut.„Einfach ein Vollblutstürmer“Auf einen flotten Spruch aber braucht in diesem Moment niemand zu warten. Undav ist vielleicht der neue Kultstürmer im deutschen Team, aber in die Kultfalle will er nicht mehr treten.Wenn man sich mit ihm in diesen Tagen im deutschen WM-Quartier in Winston-Salem unterhält, dann vermittelt er genau diesen Eindruck: Dass er zwar schon sehr ernsthaft findet, dass er als Stürmer, zumal mit dieser Quote, immer von Anfang an spielen sollte. Dass er auch nicht versteht, dass bei den Quoten, die er auch in Stuttgart hat, immer noch Leute an ihm zweifeln.Es immer allen zeigen zu müssen, sagt er, sei ein Motiv, das ihn zeit seiner Karriere verfolgt. Aber dem Bundestrainer würde Undav das so nicht mehr zeigen wollen. Vielleicht auch, weil er weiß, dass er es nicht mehr muss.Denis Undav nach dem Spiel: Noch mal schnell an der Tanke vorbeiAFPMehr noch wirkt es nämlich, als habe Nagelsmann etwas gelernt. Über den Stürmer Undav, über den er sagt: „Viel mehr Entscheider als er kann man nicht sein. Er ist einfach ein Vollblutstürmer.“ Und auch über den Typen Undav: Dass der in seinem Innersten gar nicht anders kann, als immer das Maximale zu wollen, und dass man ihn dafür eher lieben als in die Mangel nehmen muss.Ein Bild mit zwei PerspektivenVielleicht kann man es so sagen: Nagelsmann hat gelernt, diesen Undav als ein Geschenk zu betrachten und nicht mehr wie etwas, das ihm jemand unterjubeln will.Schon das wäre eine schöne Geschichte: die von einem notorisch Unterschätzten, der einfach immer weitermacht, bis das Bild sich wendet. Aber da ist noch etwas. Etwas, das der Bundestrainer Nagelsmann seit dem März über sich selbst gelernt zu haben scheint. Seit der Ankunft in den Vereinigten Staaten macht Nagelsmann jedenfalls sehr entschieden den Eindruck, nicht nur sich selbst im Griff zu haben, sondern damit auch die Nationalmannschaft – und das vielleicht noch etwas länger bei dieser Weltmeisterschaft zu können.Es ist zwar erst ein Anfang, der zudem nicht über den schweren Anlauf hinwegtäuschen sollte. Aber nur mal angenommen, dass es irgendwann einmal heißt, diese zwei Tore gegen die Elfenbeinküste hätten der deutschen Mannschaft die Richtung gewiesen, dann wäre das womöglich noch nicht alles.Diesen Assist, der in keiner Turnierstatistik auftaucht – den müsste man Deniz Undav vielleicht auch noch geben.