Früher haben Nationaltrainer zum Telefon gegriffen. Heute sitzen sie an ihrem Laptop und verschicken Linkedin-Nachrichten. Betreff, so oder so ähnlich: „Interesse, für Kap Verde zu spielen?“ Und was macht Roberto „Pico“ Lopes? Das, was wohl die meisten Menschen mit Nachrichten machen, die ihnen unseriös vorkommen: Er ignoriert die Kontaktanfrage.Wer in dem beruflichen Netzwerk angemeldet ist, bekommt täglich Werbung von Linkedin, wird eingeladen, „Teil einer aufregenden Vision“ zu werden, und erhält Copy-and-Paste-Nachrichten, bei denen man sich fragen muss, ob vor dem Absenden auch nur einen Moment nachgedacht wurde. Da wird diese eine Anfrage auf Portugiesisch, „eine Sprache, die ich damals nicht konnte“, wie Lopes sagt, schon keine Ausnahme sein. Oder?Der damalige Nationaltrainer Rui Águas freut sich bestimmt auch „auf den Austausch“, wie es bei Linkedin gerne heißt, ihm geht es aber eigentlich um etwas anderes: Er sucht neue Spieler für die kapverdische Nationalmannschaft und will den in Irland aufgewachsenen Lopes überzeugen, künftig für das Herkunftsland seines Vaters aufzulaufen.Der ehemalige U19-Nationalspieler Irlands, der damals erst seit zwei Jahren Profi bei den Shamrock Rovers ist, hält Águas’ Nachricht trotzdem für Spam. Vermutlich, weil aus dem modernen Fußball kein vergleichbarer Fall dokumentiert ist, in dem ein Nationalspieler über Linkedin angeworben wurde. Wie muss man sich das auch vorstellen: „Hallo Roberto, ich finde dein Profil interessant“?Immer schön das Postfach im Blick behaltenAls er neun Monate später nochmals von Águas auf Englisch gefragt wird, ob er über den Vorschlag nachgedacht habe, wird Lopes plötzlich stutzig. Er kopiert die erste Nachricht in ein Übersetzungsprogramm und traut seinen Augen kaum. „Der Weg über Linkedin war etwas ungewöhnlich“, sagt Lopes, „aber der Verband sagte mir, sie hätten Probleme gehabt, meinen Klub zu kontaktieren.“Lopes sagt sofort zu. 2019 gibt er sein Debüt für Kap Verde und heute, 46 Länderspiele später, kämpft er bei der WM um den Einzug in die Runde der letzten 32. Hätte er Águas’ Nachricht weiter ignoriert, wäre ihm die Überraschung gegen Spanien (0:0) im ersten Gruppenspiel womöglich verwehrt geblieben. Und wer weiß, vielleicht hätte Kap Verde irgendwann verzweifelt einen Innenverteidiger über Xing gesucht ...Wenn Sie, lieber Leser, also insgeheim immer noch auf einen Anruf aus der DFB-Zentrale hoffen, weil Sie zu denjenigen gehören – und es sind erschreckend viele, sei an dieser Stelle angemerkt –, die garantiert in der Bundesliga spielen würden, wenn sie damals nicht diese eine Verletzung zurückgeworfen hätte: Überprüfen Sie Ihr Linkedin-Postfach. Vielleicht hat Julian Nagelsmann Ihnen schon längst geschrieben.
Fußball-WM 2026: Pico Lopes von Kap Verde wird durch Linkedin-Kontaktanfrage zum Nationalspieler
Pico Lopes ignoriert erst eine Anfrage über das berufliche Netzwerk Linkedin. Beim zweiten Mal schaut er genauer hin – und wird so zum Nationalspieler von Kap Verde.













