Das Treffen ist ziemlich genau zehn Jahre her: ein Nachmittag im Juli 2016 im „Tea Room“ des palastartigen britischen Oberhauses, mit prachtvollem Blick über die Themse. Wenige Wochen zuvor, am 23. Juni, haben die britischen Wähler in einem historischen Volksentscheid mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Der Brexit ist damals ein politisches Erdbeben für die EU. Heute im Rückblick war er das erste Wetterleuchten der anbrechenden neuen Zeit des Populismus. Wenige Monate später gewann Donald Trump in den Vereinigten Staaten zum ersten Mal die Präsidentschaftswahl.

Im Tea Room in London empfängt damals im Sommer 2016 eine der Galionsfiguren der Brexit-Bewegung den Londoner Wirtschaftskorrespondenten der F.A.Z. zum Gespräch: Der mittlerweile verstorbene Nigel Lawson war einst Schatzkanzler und enger Wegbegleiter der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher. 2016 ist er mit 84 Jahren noch immer einer der Granden der konservativen Tory-Partei auf der Insel. Der Brexit-Fan Lawson malt eine gute Zukunft für sein Land jenseits der EU aus. Großbritannien brauche den europäischen Binnenmarkt mit seinem von Zöllen und vielen weiteren Hemmnissen befreiten Güterhandel nicht, um wirtschaftlich zu prosperieren. „Wir leben auch so in einer Welt eines relativ freien Handels“, sagt Lawson. Die Mehrheit der britischen Exporte gehe ohnehin schon in Länder außerhalb Europas. Lawson und andere radikale Brexit-Befürworter werben für einen harten Schnitt: einen EU-Austritt, ohne zuvor ein neues Handelsabkommen mit den europäischen Nachbarn zu vereinbaren. Alles andere sei Zeitverschwendung. „Warum Mitglied in einem Tennisverein sein, wenn Sie gar nicht Tennis spielen wollen?“, scherzt Lawson.Es ist anders gekommen. Tatsächlich zogen sich die Austrittsverhandlungen über Jahre hin. Im Parlament, das in der Brexit-Frage tief gespalten war, spielten sich Dramen ab, bevor das Vereinigte Königreich am 31. Januar 2020 formell als erster und bisher einziger Mitgliedstaat die EU verließ.Der frühere Schatzkanzler und Brexit-Befürworter Nigel Lawson (1932 bis 2023) im Mai 2016 bei einer Filmpremiere in LondonAFPMarktliberale Austrittsbefürworter wie Nigel Lawson stellten den Briten vor dem Referendum 2016 ein prosperierendes Großbritannien in Aussicht, wenn das Land erst mal die Fesseln der EU los sei. Ökonomen und Wirtschaftsvertreter hielten das schon damals für Wunschdenken und warnten vor den Folgen des Brexits.Ausschlaggebend für den Ausgang des Referendums war aber das Thema Einwanderung: Das Brexit-Lager versprach den Wählern den bis dahin freien Zuzug von Arbeitskräften aus der EU zu beenden und die Zahl der Einwanderer zu verringern.Zehn Jahre nach dem britischen Austrittsvotum fällt die Brexit-Bilanz ernüchternd aus. Seit dem Referendum ist die britische Wirtschaft weniger stark gewachsen als die der Europäischen Union, auch wenn das Vereinigte Königreich bessere Wachstumszahlen erreicht hat als Deutschland.Das britische Pfund hat sich von seinem Schwächeanfall nach dem Referendum im Juni 2016 bis heute nicht erholt. Es hat gegenüber Euro und Dollar dauerhaft abgewertet, was Importe verteuert. Die EU-Staaten sind zusammengenommen weiterhin die wichtigsten Handelspartner der Briten, doch der Brexit hat Handelshemmnisse geschaffen.Eine der bislang gründlichsten Untersuchungen zu dessen wirtschaftlichen Konsequenzen des Brexit hat Ende vergangenen Jahres das US-Forschungsinstitut National Bureau of Economic Research (NBER) veröffentlicht. Sie zeigt: Ökonomen hatten mit ihren Warnungen vor den wirtschaftlichen Schäden durch den Brexit zwar recht, sie haben aber ihr Ausmaß unterschätzt.Ohne den Brexit wäre die britische Wirtschaftsleistung je Einwohner um sechs bis acht Prozent höher als heute der Fall, schätzen die Autoren der NBER-Studie. Der Brexit-Dämpfer wäre damit etwa doppelt so groß, wie Untersuchungen zum Zeitpunkt des Referendums 2016 prognostiziert haben. Auch was Unternehmensinvestitionen, Beschäftigung und Produktivität angehe, habe der EU-Austritt dem Land geschadet.Als mögliche Gründe nennen die Autoren unter anderem die lange Ungewissheit nach dem Volksentscheid und neue Handelshürden. Denn infolge des EU-Austritts verließen die Briten auch die europäische Zollunion und den Binnenmarkt.Die ökonomischen Folgen des Brexits abzuschätzen, ist allerdings schwierig, denn seit 2016 gab es noch mehr Herausforderungen für die britische Wirtschaft. Auch die Covid-Pandemie und die Energiekrise haben Großbritannien zu schaffen gemacht. Um den Brexit-Effekt herauszufiltern, haben die Ökonomen deshalb die wirtschaftliche Entwicklung des Landes mit der in 33 anderen Staaten verglichen. Auch diese waren von Covid und Energiekrise betroffen, wenn auch unterschiedlich stark.Betrachtet wurden neben den 27 EU-Staaten die USA, Kanada, Japan, Island, Norwegen und die Schweiz. Zusätzlich zu dieser Makroabschätzung haben die Wirtschaftsforscher auch eine mikroökonomische Analyse vorgenommen. Bei dieser wurden Daten aus regelmäßigen Befragungen britischer Unternehmen ausgewertet. Hier zeigte sich ebenfalls ein deutlich negativer Brexit-Effekt.Und wie sieht die Bilanz in der für den Ausgang des Referendums so wichtigen Einwanderungsfrage aus? Hier zeigt sich zwar ein Rückgang der Zuwanderung aus den EU-Staaten. Zugleich aber zogen zeitweise aus anderen Ländern viel mehr Menschen nach Großbritannien, weil die Regeln hierfür nach dem Brexit vorübergehend liberalisiert worden sind. Arbeitskräfte aus dem Ausland wurden weiterhin gebraucht.Insgesamt sind viele Briten vom Brexit enttäuscht. Meinungsumfragen zufolge wollen inzwischen deutlich mehr Bürger lieber wieder zurück in die EU als draußen bleiben. Zu rechnen ist damit auf absehbare Zeit aber nicht. Zu umstritten ist das Brexit-Thema in Großbritannien bis heute.