BildstreckeEuropäischer Rat, Brüssel, 31. Januar 2020. Bild KeystoneVor zehn Jahren stimmte die britische Bevölkerung für den Brexit. 2020 wurde der Austritt mit der Entfernung in Brüssel formell vollzogen. Heute braucht das Land schon wieder einen neuen Premierminister. Ein Rückblick auf zehn Jahre Brexit in Bildern.23.06.2026, 11.28 Uhr6 LeseminutenDie erfolgreiche Vote-Leave-Kampagne (2016)Christopher Furlong / GettyVor dem Referendum vom 23. Juni 2016 sprach sich die politische, mediale und wirtschaftliche Elite grossmehrheitlich für den Verbleib Grossbritanniens in der EU aus. Doch die Kampagne der Brexit-Gegner baute vor allem darauf, der Bevölkerung Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des Brexits einzuflössen. Die Brexiteers hingegen setzten auf die hoffnungsvolle Vision eines Landes, das zu alter Grösse zurückfindet. Besonders viel Beachtung erhielt das Versprechen auf dem berühmten Kampagnenbus, der während des Abstimmungskampfs durchs Land tourte: Anstatt wöchentlich 350 Millionen Pfund ins EU-Budget einzuzahlen, werde Grossbritannien nach dem Brexit den maroden staatlichen Gesundheitsdienst NHS sanieren. Doch die Zahl war irreführend. Und an den Problemen des NHS hat der Brexit wenig geändert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.David Cameron, der grosse Spieler (2010–2016)Kate Green / GettyDer Brexit war auch eine Folge einer politischen Fehlkalkulation von Premierminister David Cameron. Er wollte den wachsenden Flügel der EU-Skeptiker in seiner Konservativen Partei zufriedenstellen, indem er vor der Unterhauswahl 2014 die Forderung nach einem Brexit-Referendum ins Wahlprogramm aufnahm. Damals deuteten die Umfragen darauf hin, dass sich die Konservativen höchstens in einer Koalition mit den EU-freundlichen Liberaldemokraten an der Macht halten könnten. Cameron hoffte, er werde das Brexit-Versprechen in den Koalitionsverhandlungen fallenlassen können. Überraschend erreichten die Konservativen eine Parlamentsmehrheit aus eigener Kraft, und Cameron musste das Versprechen umsetzen. Am 24. Juni 2016, einen Tag nach dem Brexit-Votum, kündigte Cameron seinen Rücktritt an.Schock und Überraschung nach der Abstimmung (23. Juni 2016)Mary Turner / GettyDer Abstimmungskampf hatte die Bevölkerung gespalten, doch die Umfragen deuteten auf eine Mehrheit für den Verbleib in der EU hin. Umso schockierender war das Resultat, das sich in der Wahlnacht auf den 24. Juni abzeichnete. Die Britinnen und Briten hatten mit 52 zu 48 Prozent für den Brexit gestimmt. Bei vielen jungen Briten, die mehrheitlich für den Verbleib in der EU votiert hatten, herrschte am Tag nach dem Referendum Katzenjammer.Theresa May und die Isolation (2016–2019)Geert Vanden Wijngaert / APNach dem Brexit-Votum begann in Grossbritannien eine Phase der innenpolitischen Wirren und der Verhandlungen mit Brüssel. Die politische Führung lag bei Theresa May, welche die Nachfolge von David Cameron angetreten hatte. May schlug einen weichen Brexit vor, der die Handelsfriktionen minimiert hätte. Doch die EU erwies sich als knallharte Verhandlungspartnerin. Das Bild zeigt May, die an einem EU-Gipfel von 2017 alleine auf die Beschlüsse der verbleibenden EU-Staats- und Regierungschefs warten muss. Innenpolitisch scheiterten Mays Pläne am Widerstand der Brexit-Hardliner, die ihre Vertragsentwürfe zum Scheitern brachten. 2019 reichte May ihren Rücktritt ein.Offizieller Austritt (31. Januar 2020)Luke MacGregor / GettyAm 31. Januar 2020 war es doch noch so weit: Fast vier Jahre nach dem Brexit-Referendum und zermürbendem politischem Ringen verliess Grossbritannien formell die Europäische Union. Brexit-Befürworter feierten den Austritt auf dem Parliament Square in London. Den Durchbruch hatte Premierminister Boris Johnson gebracht. Dieser hatte im Sommer 2019 die Nachfolge von Theresa May angetreten und im Dezember 2020 die Unterhauswahl mit der Losung «Get Brexit Done» klar gewonnen. Nun kündigte er eine Ära mit neuen Handelsverträgen und Investitionen in benachteiligte Gebiete an.Staus vor dem Hafen von Dover (2021)Andrew Aitchison / GettyDie effektive Umsetzung des Brexits erfolgte nach einer Übergangszeit erst per Anfang 2021. Erst Ende Dezember 2020 einigten sich Brüssel und London auf einen neuen Brexit-Handelsvertrag. Im Januar brach wegen der neuen Grenzformalitäten beim Handel zwischen Grossbritannien und der EU kurzzeitig das Chaos aus: In der südenglischen Grafschaft Kent kam es vor dem Hafen von Dover zu langen Staus und Wartezeiten. Bereits im Dezember liessen die französischen Behörden ihre Muskeln spielen: Wegen einer neuen Covid-Variante schloss Frankreich die Seegrenze zu Grossbritannien, was in Kent das Verkehrschaos im Bild auslöste.Boris Johnson setzt den Brexit um (2019–2022)Brian Lawless / GettyBoris Johnson war das Gesicht des Brexits. Als damaliger Bürgermeister von London hatte er im Abstimmungskampf von 2016 eine Schlüsselrolle gespielt. Dann durchbrach er als Premierminister die innenpolitische Brexit-Blockade und brachte die Verhandlungen mit der EU über den Austritt und später die Gespräche über die künftigen Beziehungen zum Abschluss. Auch für die Umsetzung des Brexits war Johnson zuständig. Doch absorbierte die Bewältigung der Covid-Pandemie die grössten Ressourcen der Regierung – sie riss ein riesiges Loch in die Staatskasse und kostete den Premierminister das Amt. Dass seine Mitarbeiter mitten im Lockdown am Regierungssitz an der Downing Street illegale Partys gefeiert hatten, führte zu seinem Rücktritt im Jahr 2023.Das Migrations-Paradox (2021–2025)Luke Dray / GettyDas Versprechen, die Migration zu reduzieren und unter Kontrolle zu bringen, gilt als einer der wichtigsten Gründe für das Brexit-Votum. Doch nach der Umsetzung des Brexits gingen die Zahlen nicht zurück, sondern schnellten ganz im Gegenteil in die Höhe. Dazu trug vor allem die hohe Zahl von Fachkräften bei, welche britische Firmen sowie das öffentliche Gesundheitswesen ganz legal aus aller Welt ins Land holten. Das grösste Politikum stellt aber die irreguläre Migration über den Ärmelkanal dar, wie im Bild vor der Küste Dovers. Seit dem Austritt Grossbritanniens aus dem Dublin-System der EU ist das Land zu einem Magneten für Asylsuchende geworden, die anderswo in Europa bereits einen negativen Asylentscheid erhalten hatten.Liz Truss (September 2022 – Oktober 2022)Henry Nicholls / ReutersManche Brexiteers hatten gehofft, dass sich Grossbritannien nach dem Brexit in ein «Singapur an der Themse» verwandeln würde. Liz Truss machte nach dem Rücktritt von Boris Johnson einen Versuch, diese Vision umzusetzen. Im Herbst 2022 präsentierte sie dem Unterhaus finanzpolitische Pläne, die erhebliche Steuersenkungen vorsahen, die mit zusätzlichen Schulden finanziert worden wären. Doch die Anleger glaubten nicht, dass sich Grossbritannien eine solche Finanzpolitik leisten konnte. Nach grossen Turbulenzen an den Finanzmärkten trat Truss zurück – nach lediglich 45 Tagen im Amt.Spannungen in NordirlandHollie Adams / GettyIn Nordirland löste der Brexit erhebliche Spannungen aus. Der Grund: die Grenze zwischen Irland und Nordirland. Seit dem Ende des Bürgerkriegs und der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens im Jahr 1998 war die 499 Kilometer lange Grenze völlig unsichtbar. Diesem politischen Kompromiss von Belfast hatten sowohl die probritischen Unionisten als auch die proirischen Nationalisten zugestimmt. Nun wurden durch den Brexit plötzlich wieder Warenkontrollen nötig. Boris Johnson stimmte einer Lösung zu, die diese Kontrollen zwischen der britischen Insel und Nordirland mitten ins Staatsgebiet des Vereinigten Königreichs verlagerte. Dass plötzlich britische Güter nicht mehr ohne weiteres nach Nordirland geliefert werden konnten, sorgte bei den Unionisten für riesigen Unmut.Rishi Sunak (2022–2024)Peter Nicholls / GettyIm Herbst 2022 trat Rishi Sunak die Nachfolge von Liz Truss an. Er sorgte für eine bessere Stimmung mit Brüssel und erarbeitete mit der EU das Windsor-Abkommen, eine neue Lösung zur Vereinfachung des Handels zwischen Grossbritannien und Nordirland. Abgesehen davon setzte er bei der Umsetzung des Brexits wenig Akzente. Im Sommer 2024 kündigte er vor dem Regierungssitz in der Downing Street im strömenden Regen vorgezogene Unterhauswahlen an. Doch die Wirren rund um den Brexit waren ein Grund dafür, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Konservativen verloren hatte.Ausländerfeindliche AusschreitungenIan Forsyth / GettyIm Sommer 2024 kam es in Grossbritannien zu schweren Ausschreitungen. Nachdem ein junger Brite somalischer Herkunft in Southport im Norden Englands drei Mädchen in einer Tanzschule ermordet hatte, gingen im ganzen Land Hunderte von Demonstranten auf die Strasse. Die Kundgebungen arteten in wüste Ausschreitungen und Übergriffe gegen Asylsuchende aus und zeigten, dass das Migrationsthema auch nach dem Brexit virulent blieb.Keir Starmer (Juli 2024 bis September 2026)Leon Neal / GettyNach den Wahlen vom Sommer 2024 zog Keir Starmer in die Downing Street Nummer zehn ein. Der Labour-Premierminister hatte versprochen, den Brexit nicht rückgängig zu machen. Doch setzte er auf einen Kurs der Annäherung an Brüssel und ein Netz von neuen bilateralen Verträgen, um den Marktzugang der Briten punktuell wieder zu verbessern. Die Verhandlungen dazu sind weiterhin in Gang. Doch Starmer reichte just am Tag vor dem zehnjährigen Brexit-Jubiläum seinen Rücktritt ein.Nigel Farage, der Brexit-VorkämpferCarl Court / GettyNigel Farage gehört zu den Brexit-Urgesteinen. Doch bei der Umsetzung des Brexits stand er im Gegensatz zu den Regierungsmitgliedern der Konservativen Partei nicht in der Verantwortung. Er wirft Boris Johnson und den Tories vielmehr vor, den Brexit verkorkst und die Chancen des Alleingangs verspielt zu haben. Seine Partei Reform UK mobilisiert vor allem über die Migrations-Thematik und darf sich Hoffnungen machen, bei den nächsten Unterhauswahlen die Tories als stärkste Kraft im rechten Lager abzulösen. Es ist nicht auszuschliessen, dass der Brexit-Vorkämpfer gar zum Premierminister avanciert.Passend zum Artikel