Die Jammer-Deutschen: Warum unsere Nachbarn so viel klagen müssenDer Kanzler unbeliebt wie keiner zuvor, die Autoindustrie nah am Tod und dann noch die schrecklichen Zweifel an der Fussballnationalmannschaft. Die Deutschen meckern und klagen gern. Das hat seinen Grund.Lisa Plank, München21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZEine Geburtstagsfeier in einem oberbayrischen Dorf. Es ist schon spät, die Stimmung ausgelassen. Und einer der Gäste, ein Handwerker, erzählt, wieso Deutschland gerade den Bach runtergehe: wegen der Rezession, der Inflation, der Arbeitslosen, der Migranten und des Terrors. So gehe es nicht weiter, und genau deshalb wähle er die AfD, schon seit zehn Jahren. Auf die Frage, ob sich sein Leben in den letzten zehn, fünfzehn Jahren drastisch verschlechtert habe, schaut er irritiert. «Nein, wieso sollte es? Bei mir ist alles super.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gespräche wie diese werden in Deutschland oft geführt. Eigentlich geht es den Leuten gut, trotzdem sind sie unzufrieden, meckern und klagen. Aber wieso eigentlich?Es stimmt, die deutsche Wirtschaft ist seit sieben Jahren kaum gewachsen. Aber trotzdem ist Deutschland statistisch noch immer die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt. Und es stimmt auch, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist wie seit 2020 nicht mehr – 6,4 Prozent, es gab schon gruseligere Zahlen. Trotzdem bleibt Deutschland Europas wirtschaftliche Nummer eins.Doch das Gefühl, dass das Land den Bach runtergehe, ist überall. Es zeigt sich in Gesprächen in Kneipen oder auf Familienfesten, in Postings, Schlagzeilen und natürlich in Umfragen.Neuer Rekord für AfDDie vielleicht grösste Hürde zwischen den Deutschen und ihrer guten Laune: die Bundesregierung. 86 Prozent der Deutschen sehen das Land laut einer aktuellen Studie auf dem falschen Kurs. Die Regierung hat seit ihrem Antritt vor einem Jahr an Zustimmung verloren, von 40 Prozent im Juni 2025 (nicht gut) auf 13 Prozent im Mai 2026 (schlecht). Und Friedrich Merz ist der unbeliebteste Bundeskanzler, seit man die Beliebtheit von Bundeskanzlern erhebt (sehr schlecht). Die in Teilen rechtsextreme AfD hat dafür diese Woche einen neuen Rekord in den Umfragen verbucht: 28 Prozent bundesweit – vier Punkte vor dem ungeliebten Merz und dessen CDU.Freilich: Die Deutschen waren noch nie für ihren Übermut bekannt.Das zeigt sich schon beim Fussball. Vier Weltmeisterschaften hat die deutsche Nationalmannschaft gewonnen, wirkte aber selten so, als würde sie den Weg dahin geniessen. Oliver Kahn war einer der besten Torhüter seiner Generation, aber bekannt ist er nicht für seinen Siegesjubel, sondern für seine Nörgelei und seine Wutausbrüche. Kein Samba, keine Leichtigkeit, stattdessen Effizienz und Disziplin. Deutschland gewinnt, aber schön ist es nicht. «Le panzer», sagen die Franzosen über diese Mannschaft, die jetzt wieder durch die Vorrunde der WM rollt.Im Internet ist Oliver Kahn heute trotzdem eine Ikone. Videos von ihm haben Hunderttausende Klicks. Es scheint, als würden die Menschen gerne zusehen, wenn er meckert. Oder wenn er sein Gegenüber einschüchtert.Genauso lesen die Menschen gerne mit, wenn Thomas Mann meckert. Auch er ist jenseits der Buchhandlungen und Germanistikseminare eine Ikone im Internet. Seine Tagebucheinträge werden immer wieder in Memes und Posts auf Social Media geteilt.«Ratlosigkeit und tägliche Entnervtheit nach dreistündiger Arbeit», schrieb er 1921.«Das Frühstück im Bett bot wenig Vorteil, ist unbequem und soll nicht wiederholt werden», 1937.«Tagsüber fast nichts geleistet», 1953.«Müde von zuviel Gesellschaft», 1954.«Auch leide ich seelisch und körperlich darunter, dass No 4 aller Unterkleider mir zu klein, No 5 mir zu gross ist», wieder 1921. Irgendwas ist immer. So kann man es auf X nachlesen, wo all diese Tagebucheinträge gepostet werden.Und Mann war nicht der einzige Miesepeter. Nietzsche, Kafka, Schopenhauer, Brecht, die deutschen Dichter und Denker – die meisten waren Zauderer, Zweifler und Zyniker. Und genau dafür werden sie heute gefeiert.«German Angst»Und so ähnlich geht es den Deutschen auch heute noch. Seit über 30 Jahren gibt eine Versicherung jährlich eine Studie in Auftrag, die die Ängste der Deutschen misst. 2003 befürchteten 66 Prozent, die Politiker seien ihren Aufgaben nicht gewachsen, damals waren der Krieg im Irak und die Wirtschaftslage schlecht. 2005 erreichte die Angst vor Arbeitslosigkeit ihren Höchststand, als Grosskonzerne massenhaft Stellen abbauten. 2011 und 2012 dominierte die Euro-Krise: 73 Prozent fürchteten, Deutschland müsse die Schulden anderer Länder bezahlen. 2015 und 2016 war es die Flüchtlingskrise. 2019 der Klimawandel. 2020 Corona. 2022 der Ukraine-Krieg. 2023 standen steigende Lebenshaltungskosten ganz oben. Und Anfang 2025 schliesslich sorgte sich bereits jeder Dritte, dass die Gesellschaft auseinanderbricht.Die Deutschen finden offenbar immer etwas, vor dem sie bibbern. Im Ausland hat man dafür sogar einen eigenen Begriff: «The German Angst». Von der Angst der Deutschen spricht man, nicht von einer französischen und ganz bestimmt nicht von einer italienischen Angst.Aber woher nur kommt diese Angst, die dann jammern und meckern lässt?«Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung geht davon aus, dass Völker durch besondere historische Erfahrungen ein kollektives Unterbewusstsein und damit auch eine besondere Mentalität entwickeln», sagte die Psychologin Annika Lohstroh einmal in einem Interview. «Deutschland, einig Jammerland» hiess das Buch, das sie mit ihrem Kollegen Michael Thiel schon vor 15 Jahren – mitten in der Angela-Merkel-Wohlfühlzeit – auf den Markt gebracht hatte.Lohstroh und Thiel machten die Preussen als Schuldige aus. Preussisches Obrigkeitsdenken heisst Unterwerfung, heisst nicht Eigenverantwortung, nicht Kreativität und Sonnenschein.Lohstroh: «In diesem kollektiven deutschen Unterbewusstsein steht nicht gerade der Optimismus im Vordergrund, sein Leben selbst in die Hand nehmen zu können, sondern das Bedürfnis, jemanden zu finden, dem ich die Verantwortung übergeben kann.» Und zwar gerne dem Staat und der Regierung.Vielleicht ist das ja die grosse Erklärungsformel für die Miesepeter von heute wie den schlechtgelaunten Handwerker in Oberbayern: Je unsicherer die Deutschen werden, desto mehr erwarten sie vom Staat, desto mehr werden sie enttäuscht, desto unsicherer werden sie. Ein Teufelskreis.Dabei ist das Neue an der heutigen Unzufriedenheit nicht das Klagen selbst, sondern was dahintersteckt. Denn wenn die Deutschen früher jammerten, dann mit der Überzeugung, dass es irgendwann auch wieder besser werden würde. Dass es ihre Kinder besser haben würden.Das Wirtschaftswunder hat dieses Versprechen eingelöst. Wer in den fünfziger und sechziger Jahren fleissig war, konnte aufsteigen: vom Arbeitersohn zum Ingenieur, vom Dorf in die Stadt, von der Mietwohnung ins Eigenheim.Heute sieht das anders aus, die soziale Mobilität ist zurückgegangen. Welchen Beruf ein Kind später einmal erlernt und welches Einkommen es hat, hängt heute deutlich stärker vom Einkommen und vom Beruf der Eltern ab als noch in den siebziger Jahren. Wer ab den achtziger Jahren geboren wurde, startet mit deutlich schlechteren Karten als die Generation davor.Das kennen alle anderen in Europa oder in den USA natürlich auch. Nur hatten diese nicht die Preussen und die eingeimpfte Staatsgläubigkeit.Was in der deutschen Wirtschaft seit Jahrzehnten schleichend passiert, der lange Abschwung, die Produktivität, die nicht mehr wächst, die Autoindustrie in der Krise, spiegelt sich im Leben der Menschen wider. Deutschland bringt zwar noch ausreichend Ernte ins Haus, aber der Baum, an dem die Äpfel wachsen, steht schon lange schief.Vielleicht sind deshalb Männer wie Thomas Mann und Oliver Kahn bei jungen Deutschen und im Internet so beliebt. Auch sie waren schlecht gelaunt. Auch sie hatten keinen Spass. Zumindest wirkt es so in den Interviews und Tagebucheinträgen.Aber sie waren gut in dem, was sie taten. Sehr gut sogar.Als ein Reporter Oliver Kahn nach einem verlorenen Spiel im Jahr 2002 fragte, ob die Mannschaft verunsichert sei, antwortete er verständnisvoll. «Ja, das ist doch normal, in so einer Phase ist natürlich kein Selbstvertrauen da, das ist ja logisch.» Als der Reporter ihn fragte, ob er auch selbst verunsichert sei, schaute Kahn ihn irritiert an. «Ich? Warum?»Kahn glaubte daran, dass er im nächsten Spiel wieder liefern würde. Vielleicht ist er heute deshalb so beliebt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Meckern, zweifeln, klagen: Woher kommt die deutsche Unzufriedenheit?
Der Kanzler unbeliebt wie keiner zuvor, die Autoindustrie nah am Tod und dann noch die schrecklichen Zweifel an der Fussballnationalmannschaft. Die Deutschen meckern und klagen gern. Das hat seinen Grund.









