Schwarzer Rauch verdeckt nach dem Angriff ukrainischer Drohnen den Himmel über MoskauQuelle: picture alliance/Anadolu/Sefa KaracanDie Ukraine fliegt ihre bislang größten Drohnenangriffe auf Russlands Hauptstadt. Als die Moskauer morgens unter dem Dröhnen der Drohnen erwachen, bedeckt eine schwarze Rauchwolke den Himmel. Und bei manchen setzt angesichts der Konfrontation mit dem Tod eine Erkenntnis ein.Lange haben viele Russen die Augen vor dem Krieg gegen die Ukraine verschlossen. Doch über vier Jahre nachdem Präsident Wladimir Putin den Befehl zur Invasion gegeben hat, kehrt der Krieg in Russlands Hauptstadt zurück.Die ukrainische Armee hat am Donnerstag einmal mehr Drohnen tief in das russische Landesinnere geschickt – einer der größten Angriffe auf die russische Hauptstadt seit Beginn des umfassenden Krieges. Eine wichtige Ölraffinerie in Moskau und weitere Ziele im Umland der Hauptstadt wurden getroffen. Drohnen stürzten auf einen Markt und ein Einkaufszentrum. Dem Gouverneur der Region Moskau, Andrej Worobjow, zufolge wurden 18 Wohnblöcke in der Region Moskau beschädigt. Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin berichtete von der Zerstörung von fast 200 Drohnen.Kremlsprecher Dmitri Peskow spielt die Angriffe herunter. Moskaus Luftverteidigungssysteme hätten „trotz allem hohe Leistungsindikatoren“ gezeigt. Die massiven Drohnenangriffe der Ukraine erklärte er mit deren „schwieriger Lage“ an der Front, berichtete das staatliche russische Nachrichtenportal Vesti unter Berufung auf Äußerungen von Peskow auf einer Pressekonferenz. So berichtet es das unabhängige Newsportal „Meduza“. „Halten Sie Ausschau nach weiteren Aufnahmen aus verschiedenen ukrainischen Städten. Die Aufnahmen sind beeindruckend – sie zeigen die Ergebnisse der Angriffe unserer Streitkräfte. Diese Angriffe werden fortgesetzt“, sagte Peskow.Doch viele Russen zweifeln inzwischen an den Erklärungen ihrer Regierung. Angesichts der direkten Konfrontation mit Tod und Zerstörung scheint bei den Moskauern nun ein Umdenken einzusetzen. „Meduza“-Leser schildern dem russischen Newsportal ihre Eindrücke und Ängste.„Bewohner in mehreren Teilen Moskaus berichteten von einem ungewöhnlichen ‚Ölregen‘, nachdem die Drohnen die ganze Nacht über die Ölraffinerie ins Visier genommen hatten“, heißt es in einem Instagram-Beitrag der ukrainischen Zeitung „Kyiv Post“. Dazu wird ein Foto veröffentlicht, das dunkle Ölfetzen zeigen soll, die vom Himmel regneten. Laut Schilderungen von Bewohnern Moskaus waren Autos, Fenster und Straßen nach dem ukrainischen Angriff auf die Ölraffinerie der russischen Hauptstadt bedeckt.„Heute Morgen, auf dem Weg zur Arbeit sah ich eine riesige schwarze Wolke“, beschreibt Ana aus dem Südostbezirk Moskaus bei „Meduza“ die apokalyptische Szene. „Doch dann erkannte ich, dass es gar keine Wolke war, sondern Rauch von einem Brand in der Ölraffinerie.“ Es sei überraschend, dass viele ihrer Landsleute nun sagen würden: „Früher hatte ich sogar Mitleid mit ihnen, aber jetzt bombardieren sie uns, wir müssen sie vernichten.“ Ob sie das ernst meinen würden, will Ana wissen. „Unsere Soldaten haben dort (in der Ukraine, d. Red.) Tausende Zivilisten getötet, Städte zerstört, und sie erwarten, dass sie einfach so alles hinnehmen und uns alles geben, was sie fordern? Krieg ist niemals einseitig.“Lesen Sie auchAuch die Russin Alina wurde von Explosionen geweckt. „Drohnen flogen direkt über mir, buchstäblich. Es ist wirklich beängstigend: Sie fliegen, summen, und man liegt im Bett und betet: Hoffentlich schießen sie sie ab.“Lesen Sie auchNastya aus Moskau beklagt, dass sie von den Behörden nicht gewarnt worden sind. „Es gibt keine SMS, keine Sirenen, alle Informationen findet man in lokalen Chats.“ Unterdessen hänge draußen vor ihrem Fenster eine dunkle Wolke, die sie zwinge, um 10 Uhr morgens mit eingeschaltetem Licht dazusitzen, und es rieche nach Heizöl, während im Fernsehen nur von „geringfügigen Schäden“ die Rede sei. „Nur damit Sie es verstehen: Ich wohne mindestens 15 Kilometer von der Ölraffinerie entfernt“, sagt sie.Natalia wohnt ebenfalls in der russischen Hauptstadt und beschreibt, wie sie eine Drohne über ihr Haus kreisen und eine Flugabwehrrakete fliegen sah. „Aber wissen Sie was? Ich hege keinen einzigen Hass gegen Ukrainer.“ Manche ihrer Nachbarn würden Dinge sagen wie: „Bombardiert sie doch einfach alle in Kiew und dann ist die Sache erledigt!“ Es sei schmerzlich, zu wissen, dass ein Mensch diese Meinung vertrete. „Ich bedauere, was geschieht. Und ich bedauere zutiefst, dass Menschen auf beiden Seiten der Frontlinie aufgrund der imperialen Ambitionen eines Herrschers sterben.“Moskauerin „möchte alle Fabriken in der Ukraine in die Luft jagen“Bei einigen Moskauern sorgen die Drohnenangriffe für blanke Wut. „Nach dem, was ich gesehen habe, möchte ich alle Fabriken in der Ukraine in die Luft jagen“, sagt Alina aus dem Moskauer Bezirk Kapotnja.Ein Mann aus dem Moskauer Distrikt Tekstilshchiki sorgt sich unterdessen um sein Kind, während es im Kindergarten ist. „Leider gibt es niemanden, der es beschützt. Das Personal wurde weder über die zunehmenden Angriffe informiert noch eingewiesen. Die Erzieherin weiß nicht, wo der Schutzraum ist und ist offenbar nicht in der Lage, die Evakuierung der Kinder zu organisieren.“Niemand werde vor der Bedrohung aus der Ukraine gewarnt, so der Vater. „Wir überleben, indem wir Informationen über Radargeräte und das gesperrte Telegram finden. Wir haben versucht, Schutz zu finden, aber es gibt einfach keinen in der Gegend. Wir sind Kanonenfutter in diesem sinnlosen Krieg, statistische Opfer.“Für die Moskauerin Irina war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Angriff die Ölraffinerie trifft. „Das Dröhnen war ohrenbetäubend, der Himmel schwarz und blau.“ Die Einstellung zum Krieg wandele sich zu tiefem Hass auf das, was den Menschen alles raubt. „Statt Weltraumforschung, neuen Technologien und medizinischen Durchbrüchen haben wir Benzinpreise bei 100 Prozent, ständige Angst um uns und unsere Angehörigen und keine absehbare Zukunft. Wie sollen wir in dieser Realität planen?“, fragt Irina. Lesen Sie auch„Der Krieg kehrt dorthin zurück, wo er begann“, kommentiert Paulina die ukrainischen Angriffe. „Wir sollten dankbar sein, dass die Ukraine, anders als Russland, tatsächlich militärische Ziele angreift und nicht Wohnhäuser und Kulturdenkmäler.“Schadenfreude macht sich bei Yuri aus der Stadt Ramenskoje breit, die in der Oblast Moskau lebt: Die „zweitstärkste Armee der Welt“ habe einmal mehr ihr Können unter Beweis gestellt: „Sie hat ein strategisches Ziel in Moskau getroffen. Angesichts der Tatsache, dass die Ukraine bald ballistische Raketen und Marschflugkörper einsetzen wird, sind wir im Winter in einer ausweglosen Lage.“Die Meinung von Maria hat sich seit Kriegsbeginn nicht geändert: „Wir müssen den Krieg so schnell wie möglich beenden.“ Sie sehe diese Rauchsäulen direkt neben sich. „Was ist denn so seltsam daran, dass, wenn wir bombardieren, sie (die Ukraine, d. Red.) uns auch bombardieren – das ist doch logisch, oder?“Ilya auf Moskau hofft nun auf Aufstand der Russen„Wir waren von Anfang an dagegen. Nur unser Zorn auf diese ‚beiden Wladimirs‘ ist erwartungsgemäß zu rasender Wut angewachsen“, sagt Ilya aus Moskau und kündigt an: „Sollte es auch nur zum geringsten Aufstand kommen, sollte sich irgendeine winzige Gelegenheit bieten, etwas zu unternehmen, werde ich nicht lange zögern.“Sergej aus dem Bezirk Presnensky stand am Morgen der Angriffe auf seinem Balkon, der Blick über die Stadt. Er habe keine Zeit für ein Foto gehabt, doch das Bild werde er nie vergessen. „Ein stiller Morgen in Moskau. Die vertraute Skyline der Stadt. Und eine Drohne, die ruhig über der Hauptstadt eines Landes kreist, das seinen Bürgern seit Jahrzehnten von seiner eigenen Allmacht erzählt.“ Vielleicht, so glaubt Sergej, ist dies das Ende großer Illusionen. „Nicht laut. Nicht mit Pomp. Sondern in dem Moment, in dem der Unterschied zwischen Kulisse und Wirklichkeit plötzlich sichtbar wird.“Ein anderer Moskauer sagt: „Ich habe das Gefühl, wir hätten es verdient. Es gab keinen Hass auf Ukrainer, und es gibt ihn auch heute nicht.“mit afp
Russland: „Krieg kehrt dorthin zurück, wo er begann“ – Als es Öl regnet, geht in Moskau die Angst um - WELT
Die Ukraine fliegt ihre bislang größten Drohnenangriffe auf Russlands Hauptstadt. Als die Moskauer morgens unter dem Dröhnen der Drohnen erwachen, bedeckt eine schwarze Rauchwolke den Himmel. Und bei manchen setzt angesichts der Konfrontation mit dem Tod eine Erkenntnis ein.













