Die Ukraine hat Moskau und andere Ziele in Russland am frühen Donnerstag mit der umfangreichsten Drohnenattacke des gesamten Krieges angegriffen, wie russische Medien berichten. Dabei wurde zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen auch Moskaus wichtigste Ölraffinerie getroffen. Sie wird von der Staatsfirma Gasprom-Neft betrieben und liegt fünfzehn Kilometer südöstlich des Zentrums der russischen Hauptstadt. Dies belegen Bilder sowohl russischer unabhängiger Exilmedien, etwa des Fernsehsenders Astra, als auch Aufnahmen, die der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij auf seinem Telegram-Kanal veröffentlichte.Das russische Verteidigungsministerium gibt an, dass 194 Drohnen über Moskau und mehr als 550 beim Anflug auf Ziele in anderen russischen Städten abgeschossen worden seien. Damit sei dies der „größte ukrainische Angriff auf Moskau seit Kriegsbeginn“, schreibt das russische Exilmedium Agenstwo. Unbekannt ist, wie viele Drohnen ihre Ziele trafen.Die getroffene Raffinerie versorgt die Moskauer Tankstellen und Flughäfen mit BenzinRussland hatte in den Stunden zuvor seine eigenen Angriffe mit Drohnen und Raketen auf ukrainische Ziele fortgesetzt, etwa in Kiew, Sumy, Poltawa und Tschernigow. Der ukrainischen Luftwaffe zufolge setzte der Aggressor dabei 246 Drohnen und Raketen ein, davon vier ballistische Iskander-Raketen.Die in Moskau getroffene Ölraffinerie ist mit einer Kapazität von über zwölf Millionen Tonnen Rohölverarbeitung (nach Zahlen des ukrainischen Generalstabes) eine der größten des Landes und beliefert die Tankstellen der Stadt mit einem Großteil des Benzins, die vier Moskauer Flughäfen mit Flugbenzin. Videoaufnahmen zeigen gigantische schwarze Rauchwolken über der Raffinerie.Plattform XDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Plattform X angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Plattform X angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.In der Stadt Gukowo in der Region Rostow wurde außerdem ein großes Öldepot getroffen. Bilder belegen die Treffer und zeigen ein Feuer, gleichwohl verschwieg der Gouverneur von Rostow den Angriff. Den ukrainischen Rekordangriff auf Moskau meldeten die russischen Fernsehsender 1. Kanal, NTW und Rossija 1 nur unter ferner liefen mit wenigen Sekunden Sendezeit, wie ein Monitoring des Exilmediums Agenstwo aufzeigt.Wenn Putin diesen Krieg nicht beenden will, werden wir nicht still dasitzen. Wir werden antworten, und die Antwort muss stark sein.Wolodomir Selenskij, ukrainischer PräsidentMoskaus Flughäfen stellten den Betrieb zunächst komplett ein, der Flughafen Scheremetjewo soll am späten Vormittag wieder mit Flügen begonnen haben. Auch der Rote Platz in Moskau war zunächst geschlossen. Die Hauptstadtbehörden, die die Angriffe auf die Raffinerie und andere Industrieeinrichtungen teils verschwiegen oder ebenso verharmlosten wie das Staatsfernsehen, meldeten stattdessen angebliche Treffer auf Mehretagenhäuser, Märkte und Einkaufszentren.Präsident Selenskij sprach von einer „völlig gerechtfertigten Reaktion auf die russischen Angriffe auf unsere Städte und Gemeinden“. Er lobte einen „weiteren wichtigen Erfolg unserer Soldaten bei der Bekämpfung von Zielen, die die russische Kriegsmaschinerie versorgen“ und prangerte erneut die massiven Schäden an Kiews Zentrum des orthodoxen Christentums an: „Sie haben das Höhlenkloster angegriffen. Bei meinem Treffen mit Journalisten im Höhlenkloster habe ich offen gesagt, dass wir eine Antwort vorbereiten – diese sehen Sie jetzt.“Vor Journalisten in Kiew sagte Selenskij laut Kyiv Independent, es sei Zeit, den Krieg zu beenden, doch „wenn Putin diesen Krieg nicht beenden will, werden wir nicht still dasitzen. Wir werden antworten, und die Antwort muss stark sein. Wenn die Ukraine brennt, wird es auch Moskau tun.“Das Potenzial der Ukraine, die russische Luftabwehr zu überwinden, sei gewachsen, sagt ein AnalystRussland müsse fühlen, so Selenskij, dass es sinnlos sei, den Krieg fortzuführen. Vor allem müsse das russische Volk anfangen zu fühlen, dass nur Putin diesen Krieg führe, während normale Menschen den Preis zahlten. „Die Russen müssen endlich aufwachen und Druck auf ihren Führer ausüben“, sagte der ukrainische Präsident. „Auch Ukrainer, Europäer und Amerikaner müssen allen Druck auf Putin ausüben.“An den schweren Attacken der Ukraine waren dem Kommandeur Robert Brodin zufolge vier Einheiten der Drohnenstreitkräfte beteiligt und weitere der Geheimdienste SBU und HUR. Die Treffer demonstrierten das Angriffspotenzial der Ukraine, zitierte Agenstwo den russischen Analysten Kirill Michailow: „Der zweite erfolgreiche Drohnenangriff auf den Öl- und Gaskomplex zeigt das Wachstum der Möglichkeiten der Ukraine, die russische Luftabwehr zu überwinden.“Dabei habe Russland insbesondere in Moskau seine Luftabwehr deutlich verstärkt, präzisierte Michailow. Auch auf den Kremltürmen, dem Lenin-Mausoleum und dem Roten Platz waren Abwehreinrichtungen zu sehen, wie Bilder in einem russischen Blog zeigen. Der Kyiv Independent hatte Ende Mai ebenfalls über die Verstärkung der russischen Luftabwehr in Moskau berichtet und Bilder von Pantsir-Flugabwehrsystemen auf Dächern von Wohnhäusern gezeigt. Zudem veröffentlichte der Militäranalyst Massimo Frantarelli Videoaufnahmen von einem russischen Militärhubschrauber, der ein solches Abwehrsystem auf einem Wohnhaus absetzt.