Ukrainische Drohnen setzen Moskauer Raffinerie in Brand – die Benzinkrise weitet sich auf den Grossteil Russlands ausRusslands Hauptstadt hat den schwersten Luftangriff seit Kriegsbeginn erlebt. Schwarze Rauchsäulen, geschlossene Flughäfen und Benzinknappheit machen den Krieg für die Bevölkerung im Alltag immer stärker spürbar.18.06.2026, 16.59 Uhr4 LeseminutenNach dem Angriff auf die Moskauer Erdölraffinerie ist der Himmel über der Hauptstadt schwarz verhüllt.Social Media via ReutersWird Russland, der drittgrösste Erdölproduzent der Welt, wegen des Ukraine-Krieges plötzlich zum Nettoimporteur von Benzin? Es wäre eine Schmach für Präsident Wladimir Putin, der noch vor kurzem gegenüber Investoren versichert hatte, dass Russlands Wirtschaftsmotor einwandfrei funktioniere. Doch schon im April verhängte seine Regierung ein Verbot für die Ausfuhr von Benzin, und nun meldet die Agentur Reuters unter Berufung auf Industriekreise, dass Russland noch in diesem Monat mit dem Import von Treibstoffen aus Asien beginnen müsse.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die langen Warteschlangen an manchen Tankstellen in Zentralrussland illustrieren das Problem. Der Hauptgrund für die schlechte Versorgungslage sind die fast täglichen Angriffe ukrainischer Drohnen auf russische Erdölraffinerien. Rohöl wäre genügend vorhanden, wobei Russland auch in diesem Bereich einen Rückgang erlebt. Aber es fehlt an industriellen Kapazitäten zur Verarbeitung des Öls zu Treibstoff.Moskau akut betroffenNun hat sich die Benzinkrise schlagartig weiter verschärft: Am frühen Donnerstagmorgen hat die Ukraine einen erfolgreichen Luftangriff auf die grosse Moskauer Erdölraffinerie ausgeführt, die einzige solche Anlage in der Region. Die Fabrik im südöstlichen Viertel Kapotnja hatte bisher rund 40 Prozent des Treibstoffbedarfs in der Hauptstadt sichergestellt.Videos von Augenzeugen belegen, dass mehrere Drohnen ungehindert auf dem Fabrikgelände einschlagen konnten. Nacheinander brachen mehrere Brände aus, und schwarze Rauchwolken überzogen den Himmel. Eine der Explosionen war so heftig, dass sie den Deckel eines Treibstoffdepots hoch in die Luft schleuderte.Bereits zu Wochenbeginn hatten die Ukrainer auf diese Gazprom-Raffinerie einen Angriff ausgeführt, doch damals wurde das Feuer rasch gelöscht. Nun dürfte die Produktion für längere Zeit lahmgelegt sein.Von offizieller Seite gibt es keine Angaben zur Zahl der Treffer. Laut Bürgermeister Sergei Sobjanin wurden 194 Drohnen abgeschossen – nach diesem Massstab handelte es sich um den grössten Luftangriff auf Moskau seit Kriegsbeginn.Erneut zeigte sich, wie schwer es der russischen Flugabwehr fällt, die relativ langsam, aber sehr tief fliegenden Kamikazedrohnen unter anderem des Typs Ljuti rechtzeitig zu entdecken und abzuwehren. Vor wenigen Tagen hatte das Militär in einem Kilometer Entfernung von der Raffinerie ein Flugabwehrsystem des Typs Panzir aufgestellt, aber seine Wirksamkeit ist unbestätigt. Flugabwehreinsätze im Bereich der Raffinerie gab es allerdings, denn Trümmer von Drohnen oder Raketen fielen auf zwei nahe gelegene Einkaufszentren. Die Behörden meldeten insgesamt 17 Verletzte.Wegen der stundenlangen Angriffswelle stellten vorübergehend alle grossen Moskauer Flughäfen ihren Betrieb ein.Social Media via ReutersDie Angriffswelle hatte auch erhebliche Auswirkungen auf den Flugverkehr. Alle vier grossen Moskauer Flughäfen mussten ihren Betrieb vorübergehend einstellen, und der Verkehr blieb auch danach teilweise eingeschränkt. Präsident Putin befand sich zum Zeitpunkt der Angriffe nicht in Moskau; er weilte in der Teilrepublik Tatarstan an einem Gipfeltreffen mit Vertretern der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean. Für Putin, der wegen des Krieges seine Reisetätigkeit stark reduziert hat, war es die erste Reise in die russische Provinz in diesem Jahr.Auswirkungen im Grossteil RusslandsDas Ausmass der Benzinkrise lässt sich nur beschränkt erkennen, weil die Behörden wichtige Daten unter Verschluss halten. Aber die Tatsache, dass immer mehr Tankstellenketten Versorgungsprobleme melden, deutet auf ein wachsendes Problem. Der Konzern Tatneft beispielsweise erlaubt nur noch Tankfüllungen bis zu 30 Litern, die Unternehmen Rosneft und Baschneft verbieten das Befüllen von Ersatzkanistern. Laut einer Untersuchung der russischen Onlinezeitung «The Bell» gibt es solche Beschränkungen inzwischen fast überall im europäischen Teil Russlands, in geringerem Ausmass auch jenseits des Urals.Benzin ist somit noch vorhanden, aber es muss zunehmend rationiert werden. Die Behörden denken in dieser Situation nicht nur an Importe, sondern erlauben seit kurzem die Produktion von Benzin schlechterer Qualität. Damit wird sich die Krise nicht meistern lassen, zumal die ukrainischen Angriffe häufiger werden. Bereits im Mai meldete Reuters, dass fast alle grossen Raffinerien Zentralrusslands wegen Schäden ihren Betrieb reduzieren oder gar einstellen mussten. Die Fachpublikation «Energy Intelligence» schätzt, dass ein Drittel der russischen Raffineriekapazitäten lahmgelegt ist. Anfang Juni sei die Produktion auf den niedrigsten Stand seit 21 Jahren gefallen.Die Feriensaison auf der Krim fällt ausBesonders dramatisch ist die Lage auf der russisch besetzten Halbinsel Krim, wo Benzin nur noch über Rationierungsgutscheine erhältlich ist. Doch die Krise hat dort andere Gründe. Nach zahlreichen Angriffen auf Tanklastwagen ist die wichtigste Versorgungsroute zur Krim, die durch die besetzte Südukraine führt, nahezu lahmgelegt. Erschwerend kommt die Bombardierung von Brücken am Übergang von der Südukraine zur Krim hinzu. Die Halbinsel soll nun hauptsächlich mittels Fähren versorgt werden.Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass die Tourismussaison in dieser traditionellen Feriendestination katastrophal ausfallen wird. Der Ukraine gelingt es auf diese Weise nicht nur, Russland wachsende ökonomische Kosten für den Krieg aufzubürden, sondern auch dessen Konsequenzen immer mehr Russen vor Augen zu führen.Passend zum Artikel