Antisemitismus und Genozid: Radikale Stimmen bekommen mehr Macht in der LinksparteiDie Linke macht den Völkermord-Vorwurf gegen Israel zur Parteilinie. Gleichzeitig offenbarte die überraschend knappe Wahl von Luigi Pantisano tiefe Spannungen innerhalb der Partei.20.06.2026, 19.31 Uhr4 LeseminutenLuigi Pantisano und Ines Schwerdtner wurden am Samstag an die Spitze der Linkspartei gewählt. dts Nachrichtenagentur / ImagoAm Eingang des Filmparks in Potsdam-Babelsberg thront Baron Münchhausen auf einer Kanonenkugel. Touristen schieben sich an den nachgebauten Requisiten des Stummfilmklassikers vorbei. Nur ein paar Meter weiter kündigen Banner und rote Fahnen eine andere Zeitrechnung an. Die Linke hält hier bis Sonntag ihren Parteitag ab. Schon am Eingang der Metropolis-Halle werden den Delegierten Flugblätter von Pro-Palästina-Aktivisten in die Hand gedrückt. Damit ist auch die Linie des Parteitags vorgegeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Linkspartei windet sich schon seit Jahren in ihrer Haltung zum Nahost-Konflikt. Auf dem Delegiertentreffen versuchten die Vorsitzenden mehrfach, die Debatte nicht vollends eskalieren zu lassen.Mehr als eine Formalie war die Wahl des neuen Führungsduos am Samstag, obwohl es keine Gegenkandidaten gab. Der in der Partei beliebte Vorsitzende Jan van Aken, der auch im Nahost-Konflikt die Genossen immer wieder zur Besonnenheit aufrief, trat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an. Auf ihn folgte der 46-jährige Luigi Pantisano, der erst seit einem Jahr im Bundestag ist.Fast wäre die Abstimmung zu einem Debakel geworden, denn Pantisano erhielt nur etwa 53 Prozent der Delegiertenstimmen. Auch der Beifall der Delegierten fiel nach dem knappen Ergebnis dürftig aus. Pantisano schaute zunächst entgeistert in die Kameras. Ob die Nahost-Debatte, frühere Äusserungen Pantisanos oder innerparteiliche Machtkämpfe den Ausschlag für das schlechte Wahlergebnis gaben, darüber liessen die Delegierten Pantisano selbst im Unklaren.Wesentlich besser schnitt Ines Schwerdtner ab, die die Partei schon seit mehr als eineinhalb Jahren führt. Sie wurde mit rund 86 Prozent wiedergewählt.Bekenntnis zum Existenzrecht IsraelsDie neue Führung muss ein weiteres Auseinanderdriften der Partei bei vielen Konflikten verhindern. Im Raum stehen Antisemitismus-Vorwürfe in einigen Landesverbänden und auch konträre Meinungen zu möglichen Regierungsbeteiligungen.Fast drei Stunden debattierten die Delegierten über ihre Position zu Israel. Am Ende setzen sich nach zahlreichen Vermittlungsversuchen der Parteiführung zumindest in Teilen radikale Gruppen durch. Entgegen dem ursprünglichen Text des Parteivorstandes nennt die Linke das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza jetzt offiziell einen Genozid. Unter lautstarkem Jubel der mit Pali-Tüchern umhängten Pro-Palästina-Gruppe wurden die Änderungen angenommen.Mit einer Mehrheit von etwa zwei Dritteln bekennt sich die Partei jedoch zum Existenzrecht Israels, das die Aktivisten aus dem Antrag streichen wollten. Schwerdtner warb vor allem darum, den Schutz jüdischen Lebens zum Parteitagsbeschluss zu machen. «Kein Mensch darf in diesem Land Angst haben müssen, eine Synagoge zu besuchen oder eine Kippa auf der Strasse zu tragen. Wir schützen jüdisches Leben in diesem Land und überall», mahnte sie die Delegierten. Der Passus wurde angenommen.Damit ist aber auch klar, wie sich die Machtverhältnisse innerhalb der stark gewachsenen Linkspartei verschoben haben. Knapp die Hälfte der Delegierten ist erst seit rund drei Jahren Parteimitglied. Der Ton der meist jungen Delegierten war teilweise unerbittlich. Ihren Kritikern warfen sie «rechte Positionen» vor.Linksjugend fällt durch Antisemitismus aufDie Parteivorsitzenden Schwerdtner und Pantisano sprechen schon länger von Völkermord, wenn sie das Vorgehen der israelischen Armee nach dem Terroranschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 meinen. Ex-Parteichef van Aken hatte diesen Begriff immer abgelehnt und gemahnt, das Urteil des Internationalen Gerichtshofs abzuwarten. Der 65-Jährige lebte selbst einige Zeit in Israel und erlebte dort den Terrorangriff der Hamas mit.Enttäuscht zeigte sich auch Kevin von der proisraelischen Arbeitsgemeinschaft Shalom nach der Debatte. Innerhalb der Partei bemühe sich die Arbeitsgemeinschaft um «ausgewogene Positionen». Doch es werde immer schwerer, Gehör zu finden, sagte der junge Mann aus Leipzig. Seinen vollen Namen wollte er nicht öffentlich nennen aus Angst vor Anfeindungen im Internet. «Es ist ein harter Kampf gegen antisemitische Vorurteile, den wir führen müssen», fügt er hinzu.So bejubelte die Linksjugend jüngst in Chatnachrichten Diktatoren wie Mao Zedong oder Josef Stalin und verbreitete Bilder mit Slogans wie «Israel verrecke».Mahnende Stimmen werden in der Linkspartei nicht nur durch den Weggang von Jan van Aken von der Parteispitze seltener. Bodo Ramelow und Gregor Gysi, die ihre Partei immer davor warnten, mit dem Antisemitismus zu kokettieren, sind gar nicht erst auf das Delegiertentreffen gekommen.Widerstand gegen Deckel für AbgeordnetenentschädigungLuigi Pantisano, der in Baden-Württemberg aufwuchs, präsentierte sich in seiner Bewerbungsƒrede kämpferisch und griff auch zu derben Worten, was offensichtlich nicht bei allen Delegierten gut ankam. In einem Interview hatte er zuvor keinen Unterschied zwischen der «CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst» gemacht. Einige Delegierte zeigten sich danach irritiert. Darauf angesprochen, sah sich Pantisano verkürzt wiedergegeben.Er warf Bundeskanzler Friedrich Merz vor den Delegierten vor, «die Menschen abzuzocken, bei denen das Geld ohnehin nicht reicht» und kündigte Sozialproteste an. Als Sohn italienischer Gastarbeiter wolle er «die arbeitende Klasse für die Linke zurückgewinnen».Die Liste der Streitthemen bei den Linken ist noch lange nicht abgearbeitet. Am Sonntag geht um einen Diätendeckel für Bundestagsabgeordnete, der vor allem der Parteivorsitzenden Schwerdtner am Herzen liegt. Sie und auch Pantisano deckeln ihre Abgeordnetenentschädigung bereits auf einem deutschen Durchschnittslohn von 2850 Euro. Das verbleibende Geld fliesst in einen Sozialfonds der Partei.Doch rund die Hälfte der Bundestagsabgeordneten sieht das anders und wirft der Parteispitze in einem offenen Brief eine Neiddebatte vor. Die monatliche Diät für Bundestagsabgeordnete liegt bei rund 11 800 Euro pro Monat. Hinzukommen weitere Pauschalen für Mitarbeiter und Büro sowie ein üppiger Pensionsanspruch.Die Linkspartei kommt bundesweit in Umfragen auf rund elf Prozent und liegt damit knapp hinter der SPD. In den bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie in Berlin kann sie eine entscheidende Rolle bei der Regierungsbildung spielen. Einen klaren Kurs gibt es in der Linkspartei aber nicht: Vor allem Pantisano sorgte mit seinen Äusserungen auf dem Parteitag mehr für Verwirrung als für Klarheit.Passend zum Artikel