Mindestens das WM-Viertelfinale sollte es für die türkische Nationalmannschaft werden. Vielleicht sogar das Halbfinale. An diesen überbordenden Erwartungen ist die Türkei schon am zweiten Spieltag der Gruppenphase krachend gescheitert. Nach dem 0:1 gegen Paraguay, trotz 45 Minuten Überzahl, hat das Team von Vincenzo Montella keine Chance mehr auf ein Weiterkommen. Die Türkei steht mit null Punkten auf dem letzten Platz. Selbst ein Sieg gegen die USA im letzten Spiel wird nicht reichen, da die direkten Vergleiche gegen Paraguay und Australien (0:2) verloren gegangen sind. Und die zählen bei dieser WM vor der Tordifferenz.Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig und nicht nur sportlich. Es fängt damit an, dass der türkische Fußballverband entschieden hat, erst am 2. Juni in die USA zu fliegen, elf Tage vor dem ersten WM-Spiel gegen Australien. Hinzu kommt, dass die Türkei ihr Camp nicht selbst ausgewählt, sondern vom Fußball-Weltverband FIFA zugewiesen bekommen hat. In Mesa im amerikanischen Bundesstaat Arizona lagen die Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad. Zwischen dem ersten Spielort Vancouver lagen 2500 Kilometer Luftlinie, nach San Francisco waren es rund 1200 Kilometer.Verteidiger Akaydın: „Wir haben Angst, irgendwas zu machen“Torhüter Uğurcan Çakır gab unter der Woche an, dass er seinen Schlafrhythmus erst kürzlich gefunden habe. Zudem beklagten die Spieler die Kritik aus der Heimat über Nebensächlichkeiten wie Frisuren und Bärte. „Wir haben Angst, irgendwas zu machen“, sagte etwa Verteidiger Samet Akaydın mit Blick auf Boulevardberichte und die sozialen Medien. Einen Sportpsychologen, der sich solcher Themen mit den Spielern angenommen hätte, wurde vom Verband jedoch nicht mitgenommen. Dabei gehört das fast überall zum Standard und hätte der Mannschaft geholfen, sich von solchen Nebensächlichkeiten nicht ablenken zu lassen.İbrahim Hacıosmanoğlu ist vor zwei Jahren aber nicht zum Präsidenten wegen seiner guten Arbeit als Fußballfunktionär gewählt worden. Sondern weil er einen guten Draht zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan hat. Bei der FIFA spielt das Land eine untergeordnete Rolle. Das konnte man auch daran feststellen, dass nach dem Wettskandal im türkischen Fußball mit 140 suspendierten Schiedsrichtern bei dieser WM kein Unparteiischer aus dem Land nominiert wurde. Früher hatten die Türken mit dem Funktionär Şenes Erzik jahrelang jemanden im FIFA-Rat und im UEFA-Exekutivkomitee, der Themen auf bilateraler Ebene lösen konnte.Hacıosmanoğlu spricht aber kein Englisch, er braucht immer einen Übersetzer. Internationale Bekanntheit erlangte er einst als Präsident von Trabzonspor, als er mal einen Schiedsrichter für vier Stunden in dessen Kabine einsperrte. Erst nach einem Anruf von Erdoğan ließ er die Türen öffnen. Geschadet hat es der Funktionärskarriere des Geschäftsmannes nicht.Mit seinen Aussagen nach der Auftaktpleite hat der Verbandschef der Mannschaft geschadet, die ob der hohen Erwartungen ohnehin schon völlig verunsichert war. Er sprach ohne Not von „Aasgeiern und Hyänen“, die sich in der Türkei auf die Mannschaft gestürzt hätten, und forderte vom Team eine Antwort. Außerdem legte er sich mit dem ehemaligen Nationaltrainer Fatih Terim an. Dieser hatte eigentlich nur gesagt, dass man das Team nun unterstützen und erst nach dem Turnier abgerechnet werden solle. Hacıosmanoğlu hatte das persönlich genommen.Hat Trainer Vincenzo Montella noch eine Zukunft in der Türkei?ReutersDie Abrechnungen haben derweil unmittelbar nach Spielende in den dutzenden Fernseh- und Youtubeformaten begonnen. Der ehemalige Weltklasse-Stürmer Nihat Kahveci und EM-Held von 2008 sagte etwa in Richtung des Verbandspräsidenten, dass er sich so verhalten habe, als sei er unantastbar und nicht zu kritisieren: „Der Präsident wird gehen und Montella wird gehen“, glaubt Kahveci. Der WM-Held von 2002, İlhan Mansız brachte derweil Arda Turan, aktuell Trainer von Schachtar Donezk, als Nachfolger ins Gespräch.Vincenzo Montella war schon in der Pressekonferenz von den immer wiederkehrenden Fragen sichtlich genervt. Warum hat er den einzigen echten Stürmer, Deniz Gül, nur für 22 Minuten eingesetzt? Warum hat er wieder auf Kerem Aktürkoğlu im Zentrum gesetzt? Warum ist Offensivmann Can Uzun erst so spät eingewechselt worden, der mit einem Flachschuss in der 85. Minuten den 1:1-Ausgleich hätte erzielen müssen? Welche Fehler würde er sich selbst ankreiden?All dies umschiffte er und verwies auf die knapp 60 Torschüsse seines Teams in zwei Spielen und wiederholte mehrfach: „Es hat einfach nicht sollen sein“. Eine Antwort, so unbefriedigend wie das gesamte Auftreten der türkischen Nationalmannschaft. Denn die allermeisten Torschüsse waren überhaupt keine Gefahr für das Tor. Die Türken waren viel zu lethargisch, es fehlte an Passschärfe und Kreativität, um die Abwehrbollwerke von Australien und Paraguay wirklich in Verlegenheit zu bringen.Arda Güler von Real Madrid hat in beiden Spielen viel zu wenig gezeigt, sich seltsamerweise vor der Verantwortung gedrückt. Kenan Yıldız von Juventus Turin, der erst kurz vor dem Turnier wieder fit geworden ist, fehlte es offensichtlich an Spritzigkeit und Rhythmus. Kapitän Hakan Çalhanoğlu von Inter Mailand konnte überhaupt keine Akzente setzen. Und wenn die drei besten Spieler nicht liefern, reicht es auf der internationalen Bühne einfach nicht. Die Türkei hat sich am Ende stärker geredet, als sie war.Nun muss das Team nochmal am Freitag (4 Uhr) zur völlig unbedeutenden Partie gegen die USA in Los Angeles antreten. Danach reist die Türkei nicht nur sportlich gescheitert ab, sondern mit der viel größeren Frage im Gepäck, wer aus diesem Debakel die richtigen Konsequenzen zieht.
Fußball-WM 2026: Warum die Türkei so früh gescheitert ist
Sie haben sich stärker geredet, als sie waren: Nach zwei Niederlagen scheidet die vielversprechende türkische Mannschaft bei der WM aus. Was alles schiefgelaufen ist.
Türkei scheidet bei WM 2026 nach Niederlagen gegen Paraguay (0:1) und Australien (0:2) in Gruppenphase aus. Organisatorisches Missmanagement (verspätete Anreise, fehlende psychologische Unterstützung) und schwache Verbandsfuehrung führten trotz Top-Spielern zum Scheitern.













