Aus, vorbei. Und eine echte Schmach: Die Türkei ist raus aus der WM, nach einem 0:1 am Samstag gegen Paraguay, nach der zweiten Niederlage im zweiten Gruppenspiel, nach der zweiten Partie ohne eigenes Tor. Das hatte in diesem fußballbegeisterten, ja fußballfanatischen Land keiner für möglich gehalten. Warum auch? Alles war da: das Talent der Spieler, die Leidenschaft der Fans, zudem ein geschätzter und für fähig gehaltener Trainer. Doch nun, nach dem Schlusspfiff in Santa Clara: Leere Blicke, fahle Gesichter, Kopfschütteln, einige Spieler sackten zu Boden, andere weinten. Ein Vorrundenaus als nationale Katastrophe.Das mag überzogen klingen, gerade in einem Land, in dem politisch und gesellschaftlich, nun ja, gerade auch nicht alles harmonisch erscheint. Doch hören wir Spieler und Verantwortliche besser selbst dazu. Arda Güler, leuchtender Stern des türkischen Fußballs und Spielmacher von Real Madrid, berichtete von Selbstscham und entschuldigte sich bei „unserem Volk“. Kapitän Hakan Calhanoglu sprach von „Pech“, tat sich ansonsten jedoch „schwer, die richtigen Worte zu finden“. Auch Torwart Ugurcan Cakir bat die Nation um Verzeihung, man habe die Menschen „stolz machen“ wollen, das sei nicht gelungen. Und dann war da noch Vincenzo Montella, der Trainer. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte der 52-Jährige: „Für unser Volk, das große Erwartungen hatte. Auch wir hatten große Erwartungen.“ Ja, richtig, ein Italiener als Teil der türkischen Volksgemeinschaft. So fühlte er sich. So empfanden es auch die türkischen Fußballfans. Wenigstens vor Start des Turniers. Ob es für ihn als Nationalcoach weitergeht, erscheint fraglich.Im Frühjahr war Montella noch umjubelt gewesen, nach der geglückten Qualifikation zur WM, kein Wunder, hatte er doch geschafft, was mehr als zwei Dekaden lang keiner geschafft hatte. 24 Jahre war die Türkei nicht mehr bei einer WM dabei gewesen, seit dem fabulösen dritten Platz 2002 in Japan und Südkorea. Laut ausgesprochen hat das keiner, aber insgeheim war die Hoffnung schon da, der wenigstens zarte Glaube an einen erneuten Höhenrausch: Hatte diese Mannschaft denn nicht alles, was es dafür gebraucht hätte?Von einer „goldenen Generation“ hatten sie in der Türkei geschwärmt, wegen Güler, wegen Mittelfeldlenker Calhanoglu von Inter Mailand, ebenso wegen dem samtfüßigen Angreifer Kenan Yildiz von Juventus Turin. Zudem gibt es da noch weitere fähige Kicker, insbesondere von den beiden Istanbuler Großklubs Galatasaray und Fenerbahce. Trainer Montella waren da Diamanten anvertraut worden, auch einige ungeschliffene zwar, aber immerhin. So jedenfalls empfanden das türkische Experten und Fans. Zu sehen war dann, sowohl gegen Paraguay als auch beim 0:2 im Auftaktmatch gegen Australien, ein lediglich breiiger, wenig zugespitzter Fußball: 79 Prozent Ballbesitz hatten die Türken am Samstag, ein ähnlicher Wert wie im Spiel zuvor. Hierbei handelte es sich aber zumeist um langkettiges, träges Ballgeschiebe, zumeist ging es quer, ohne Tempo, ohne nennenswerte Vertikalaktionen. „Wir haben 65 Schüsse abgegeben und der Ball will einfach nicht ins Tor“, rechnete Montella vor: „Wir greifen an und treffen nicht. Der Gegner kommt einmal vor unser Tor und trifft.“ Und zwar bereits nach 64 Sekunden: Da traf Paraguays Matías Galarza per Flachschuss aus 20 Metern.Selbst eine lange Überzahl hilft nicht: Die Türkei schießt und schießt und schießt ohne erkennbaren PlanWenn ihm jemand die „Logik“ dahinter erklären könne, schob der Coach nach, dann höre er sich das gerne an, er sei bereit zu lernen. Sein Unterton war schnippisch, wohl eine Reaktion auf die heftige Kritik, die ihm sogleich von türkischen Medienvertretern entgegenschlug. Die beachtliche Anzahl an Torschüssen relativiert sich ohnehin, sobald die Statistik auf ihren tieferen Gehalt untersucht wird. Insgesamt weisen die Türken in beiden Partien eine erwartete Torwahrscheinlichkeit (xG) von 3,5 Treffern aus. Was zunächst vortrefflich klingt, ist in Wahrheit ein fataler Wert. Aufgrund der schieren Menge an Torschüssen, zumeist von außerhalb des Strafraums, kommt pro Schuss ein durchschnittlicher xG-Wert von 0,06 zustande, sprich: Die Türken versuchten mit Kieselsteinen eine Burgmauer einzureißen. Verzweifelt, ohne erkennbaren Plan.Und gegen Paraguay überdies eine ganze Halbzeit lang mit einem Mann mehr, weil sich Miguel Almirón kurz vor dem Pausenpfiff, verwickelt in einen (nicht nur verbalen) Disput mit türkischen Spielern, die Hand vor den Mund hielt – dieses „Vermummungsverbot“ wurde von der Fifa im April als Reaktion auf einen Rassismusvorfall um den Brasilianer Vini Jr. im Regelwerk verankert, die dann fällige rote Karte soll abschreckende Wirkung entfalten. Der Türke Mert Müldür war sich darüber als einer der wenigen im Stadion im Klaren, er machte sogleich den Schiedsrichter darauf aufmerksam. Fürs Gewinnen sind eben alle Mittel recht.Der zarte Glaube an eine erfolgreiche WM wurde jäh zerstört: Türkische Spieler entschuldigten sich bei ihren Fans. Tayfun Coskun/imago/Anadolu AgencyBlöd nur, wenn einem dann auch in Überzahl die Mittel fehlen: Die beste Chance der Türken, ein Kopfball von ebenjenem Müldür, der erst an die Latte und dann an den Pfosten prallte, datierte aus der ersten Hälfte. Paraguay verteidigte den eigenen Strafraum auch in Unterzahl resolut. Und die Türken? Schossen, schossen, schossen, bis von diesem Spiel nichts mehr übrig war. Ein Remis hätte wenigstens eine minimale Resthoffnung im letzten Gruppenspiel gegen die USA bewahrt.Womit man erneut bei Montella wäre. Der Coach haderte mit dem „Schicksal“, denn gegen das Schicksal könne man nun mal „nichts machen“. Dabei hatte dieses blamable Aus mit Metaphysik nichts zu tun, laut Kritikern eher schon mit mangelnder Physis im Sturm: Dort bot Montella, wie schon gegen Australien, den kleinen und wendigen Kerem Aktürkoglu auf, erneut rieb sich der Angreifer an baumlangen und knallharten Verteidigern auf. Der arme Aktürkoglu muss jetzt als Symbolfigur fürs Scheitern herhalten, er kann aber am wenigsten dafür, dass Flanken und Bogenlampen nur so durch die Gegend flogen, während der 1,92 Meter große Mittelstürmer Deniz Gül wieder eine Stunde auf der Bank zubringen musste. „War wirklich der Mittelstürmer das Problem?“, fragte Montella die aufgewühlten Journalisten aus der Heimat. Und dann fügte er hinzu, dass die „bessere Mannschaft nicht immer“ gewinne, das gehöre „zur Natur dieses Sports“. Zur Natur der Fußballdebatten in der Türkei jedenfalls gehört, dass Verantwortliche gesucht und gefunden werden. Vincenzo Montella dürften ein paar unruhige Tage bevorstehen.