PfadnavigationHomeSportFußballWMWM-AusAngst vor dem Versagen – die Gründe des Türkei-DesastersVeröffentlicht am 20.06.2026Lesedauer: 5 MinutenTiefe Enttäuschung nach dem frühen WM-Aus der Türkei. Im Interview direkt nach dem Schlusspfiff ringt die türkische Kapitänin mit den Tränen und richtet eine emotionale Entschuldigung an die Fans. Trotz zahlreicher Chancen gelingt der Mannschaft kein Treffer.Sie waren mit großen Hoffnungen in das Turnier gestartet. Doch das Aus nach nur zwei Spielen ohne eigenes Tor hat bei der Türkei alte Wunden aufgerissen. Wie konnte es sein, dass die Mannschaft wieder einmal an sich selbst scheiterte?Vincenzo Montella verzog keine Miene. 25 Minuten lang beantwortete er scheinbar emotionslos alle Fragen zu dem Debakel. Und nahezu jede Wortmeldung der türkischen Journalisten in der Pressekonferenz nach der 0:1-Niederlage gegen Paraguay, die das WM-Aus für die Türkei bedeutete, war eine Anklage: gegen die Mannschaft – und vor allem gegen ihn, den Trainer.„Es tut mir sehr leid – vor allem für das türkische Volk. Es gab sehr große Erwartungen. Auch unsere Erwartungen waren sehr groß. Auch für unseren Verband, unseren Präsidenten, der uns immer unterstützt hat, tut es mir sehr leid“, sagte der Italiener. Dann versuchte er zu erklären, warum die Türkei bei ihrer ersten WM-Teilnahme seit 2002 bereits in der Vorrunde die Segel streichen musste. „Wir haben in zwei Spielen 65 Torschüsse abgegeben, von unserer hohen Ballbesitzquote will ich gar nicht erst reden. Das Schicksal war nicht auf unserer Seite“, erklärte er. Das habe er auch seinen Spielern gesagt: „Ihr habt alles gegeben. Aber es gibt keinen Weg am Schicksal vorbei.“Lesen Sie auchAusschließlich höhere Mächte waren es allerdings nicht, die die Türkei aus dem Turnier katapultierten. Pech spielte zwar eine Rolle, dass die Mannschaft nach dem extrem enttäuschenden 0:2 im Auftaktspiel gegen Australien auch bei ihrem zweiten Auftritt ohne Treffer blieb. Das 0:1 gegen Paraguay war eine extrem einseitige Angelegenheit – denn nach dem frühen Rückstand durch Matias Galaza (2. Minute) und einer zehnminütigen Schockstarre entwickelte sich ein permanenter türkischer Sturmlauf. Es gab Chancen in Hülle und Fülle, doch der ersehnte und hochverdiente Ausgleich wollte einfach nicht fallen.Es war zum Verzweifeln für die türkische MannschaftDaran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Türken nach dem Seitenwechsel in Überzahl spielten, da Paraguays Miguel Almirón in der Nachspielzeit der ersten Hälfte vom Platz gestellt worden war. Er hatte in einem hitzigen Wortgefecht mit Mert Müldür einige Nettigkeiten von sich gegeben – und sich dabei die Hand vor den Mund gehalten. Das ist nach einer neuen Fifa-Regel mit Rot zu ahnden.Lesen Sie auchKaum noch Worte fanden dagegen die türkischen Spieler. „Alle sind traurig, am Boden zerstört“, sagte Kapitän Hakan Calhanoglu und verwies auf den großen Aufwand, den die Mannschaft betrieben hatte. Sie hatten den Gegner unter Druck gesetzt, ihn regelrecht eingeschnürt, doch im Abschluss fehlte irgendwann die Präzision. Es war zum Verzweifeln – und nach dem Schlusspfiff flossen dann Tränen. Müldür, Kenan Yildiz und Can Uzun weinten.Das Ausscheiden geht den Spielern sehr nahe. „Das ist bitter, aber auch beschämend“, sagte Arda Güler. Auch er entschuldige sich bei all seinen Landsleuten. Der 21-jährige Mittelfeldregisseur hatte Angriff um Angriff angekurbelt – alles vergeblich. „Man hat gesehen, dass die Mannschaft nicht mit dem Druck umgehen kann“, sagte Ex-Nationalspieler Hamit Altintop bei Magenta TV. Es schien so, als wäre die Türken auch von den hohen Erwartungen erdrückt worden. Und das nicht zum ersten Mal.Dabei fehlt es dem Team nicht an Qualität. Güler ist eines der größten Talente in Bezug auf Technik und Kreativität – Kenan Yildiz, ebenfalls 21, ist einer der schnellsten und trickreichsten Linksaußen im europäischen Fußball-Kosmos. Doch beiden gelingt es nur sporadisch, ihre Stärken, die sie bei Real Madrid und Juventus Turin regelmäßig zeigen, auch in der Nationalelf konstant abzurufen.Ursachen: ein erkennbares MusterDie Diskrepanz zwischen der Stabilität, die viele Spieler in ihren Klubs zeigen, aber eher selten, wenn sie das Trikot mit dem Halbmond und dem Stern auf der Brust tragen, ist frappierend. Genau das ist es, was türkische Fans und Medien seit Jahren verzweifeln lässt. Die Folge ist ein massiver Frust, der sich in heftigen Reaktionen und Schlagzeilen entlädt. „Ein Albtraum!“, titelte die Zeitung Türkiye. Yeni Safak schrieb: „Die jungen Stars, die in zwei Spielen kein einziges Tor erzielen, stürzen Millionen von Fans in tiefe Trauer.“ Und die Sportzeitung Fanatik ätzte: „Wie Haiti! Wir teilen das Schicksal des schwächsten Teams im Turnier.“Lesen Sie auchEs ist tatsächlich ein Muster zu erkennen: Auf sportliche Enttäuschungen folgt massive Kritik – die es der Mannschaft dann wiederum erschwert, sich zu entwickeln. So war es über Jahrzehnte. Dieser Teufelskreis schien durchbrochen zu sein, nachdem es die Türkei bei der EM vor zwei Jahren bis ins Viertelfinale geschafft hatte. Damals waren die Fans stolz auf ihr Team – und der Verband glaubte, mit Montella die Zukunft gestalten zu können. Es schien, als ob es endlich gelingen könnte, eine stabile, nachhaltige Entwicklung einzuleiten. Dies muss mittlerweile wieder bezweifelt werden.Es gebe halt einen Unterschied zwischen einer Mannschaft, die gute Spieler habe, und einem Team, das reif und effektiv spiele, sagte Hamit Altintop. „Wir haben viel über die individuelle Qualität gesprochen, aber das war an Naivität nicht zu überbieten“, so der frühere Bayern-Profi.Ob ein Trainerwechsel helfen würde, um den Spielern die Angst vor dem Versagen zu nehmen, darf bezweifelt werden. Doch Montella, das wurde nach dem Schlusspfiff deutlich, ist bereits stark in die Defensive gedrängt worden. Massive Kritik prasselt auf ihn ein. Er ließ es über sich ergehen – nur scheinbar teilnahmslos.