KommentarDer Krieg gegen Iran endet für die USA in einem Misserfolg. Er könnte den amerikanischen Einfluss im Nahen Osten und das Verhältnis zu Israel nachhaltig schwächen. Aber er ist für die Falken in Washington auch eine Gelegenheit für ein Umdenken.20.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEine Iranerin in Teheran spaziert an einem antiisraelischen Wandgemälde vorbei.Abedin Taherkenareh / EPAEs hat lange gedauert. Aber nun ist der Text der Absichtserklärung zwischen den USA und Iran seit Donnerstag bekannt. Nichts lässt sich mehr schönreden: Israel und Amerika haben mit ihrem Luftkrieg gegen Iran sämtliche Ziele verfehlt. Ihre Position im Nahen Osten ist geschwächt, das unpopuläre Regime in Iran fühlt sich gestärkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der ehemalige Nahost-Gesandte Brett McGurk brachte es vergangene Woche gegenüber CNN auf den Punkt: «Es scheint, dass wir einen hohen Preis bezahlen und massive Konzessionen bei Dingen machen, die Iran immer wollte. Und dies, um ein Problem zu lösen, das vor dem Krieg kein Problem war.» McGurk meinte damit die freie Schifffahrt in der Strasse von Hormuz. Washington musste versprechen, die Sanktionen für seine Erdölexporte auszusetzen und eingefrorene Vermögenswerte auf ausländischen Konten freizugeben, damit Teheran die Meerenge wieder öffnet.Kriegsdrohung verliert WirkungDas Fatale dabei ist: Die USA gaben damit wichtige Druckmittel auf, die sie nun benötigen würden, um Iran in der Frage seines Atomprogramms zu Konzessionen zu zwingen. Aufgrund dieser geschwächten Verhandlungsposition ist es schwer vorstellbar, dass der amerikanische Präsident Donald Trump in den nächsten zwei Monaten in der Lage sein wird, ein vorteilhafteres Atomabkommen mit Teheran auszuhandeln, als dies Barack Obama 2015 gelungen ist. Im Gegensatz zu Trump bildete Obama auch eine internationale Koalition mit den Europäern, Russland und China, um Iran zu Konzessionen zu zwingen.Ironischerweise war es Trump selbst, der in seiner ersten Amtszeit aus Obamas Atomabkommen ausgestiegen ist. Damit schuf er bereits damals ein Problem, das früher nicht existierte: Als Reaktion auf den amerikanischen Ausstieg aus der Vereinbarung beschleunigte Iran die Urananreicherung. Das Regime verfügt heute deshalb über rund 400 Kilogramm an hochangereichertem Uran, mit dem es in relativ kurzer Zeit rund zehn Atomsprengköpfe bauen könnte.In der Absichtserklärung mit den USA willigte Teheran ein, über eine Beseitigung des hochangereicherten Urans zu verhandeln. Mehr aber auch nicht. Die Trump-Regierung scheint zudem zwei ihrer bisher zentralen Forderungen aufgegeben zu haben: eine Beschränkung des iranischen Raketenprogramms und keine iranische Unterstützung mehr für ausländische Milizen wie etwa den Hizbullah in Libanon, die Hamas im Gazastreifen oder die Huthi-Krieger in Jemen. Trump und seine Republikanische Partei kritisierten Obamas Atomabkommen stets dafür, dass es diese beiden Forderungen nicht berücksichtigte. Nun muss auch Trump erkennen, dass diese Punkte für das iranische Regime nicht verhandelbar sind. Wobei er sich auf iranisches Geheiss gar gezwungen sah, Israel zu drängen, die Angriffe auf den Hizbullah einzustellen, um das Abkommen mit Teheran zu sichern.Sehr ähnlich wie damals unter Obama werden sich die Verhandlungen mit Iran weitgehend auf die Atomfrage beschränken. Um seine Verhandlungsposition zu stärken, droht der amerikanische Präsident mit einem erneuten Krieg. Sollte man sich mit Iran nicht innerhalb von 60 Tagen auf ein finales Abkommen geeinigt haben, werde seine Regierung zu Luftangriffen zurückkehren, erklärte Trump. Aber im Gegensatz zu früher dürften auch die militärischen Drohungen an Wirkung verloren haben. Mit ihrem vierzigtägigen Luftkrieg von Februar bis April konnten Amerika und Israel keines ihrer Kriegsziele erreichen, während Iran mit der Blockade der Strasse von Hormuz auch die Lebenskosten der Trump-Wähler in die Höhe trieb. Das Regime in Teheran weiss nun: Ohne den Einsatz von Bodentruppen braucht es die amerikanische Militärmacht kaum zu fürchten.Verunsicherte und enttäuschte VerbündeteDie Militärausgaben des Kriegs belaufen sich für die USA auf knapp 30 Milliarden Dollar. Die amerikanischen Konsumenten kostete der Feldzug schätzungsweise rund 130 Milliarden Dollar. Trump bezahlte ihn mit rekordtiefen Umfragewerten. Aber nicht nur der Unmut zu Hause, auch die unzufriedenen arabischen Verbündeten brachten den amerikanischen Präsidenten vom Kriegspfad ab. Wie die «Financial Times» berichtet, drängten die Golfmonarchen aus Saudiarabien, Katar und den Emiraten den amerikanischen Präsidenten in Telefonaten dazu, eine diplomatische Lösung mit dem iranischen Erzfeind zu suchen und sich von Maximalforderungen zu verabschieden.Besonders das Wirtschaftsmodell der Vereinigten Arabischen Emirate als Drehscheibe des globalen Handels litt unter den iranischen Vergeltungsschlägen mit Drohnen und Raketen. Gemäss einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters soll Abu Dhabi den Iranern jüngst die Freigabe von bis zu 20 Milliarden Dollar an eingefrorenen Geldern versprochen haben, damit Teheran seine Angriffe einstellt. Abu Dhabi dementierte das zwar. Aber das iranische Regime könnte künftig auch seine Kontrolle über die Strasse von Hormuz weiterhin nutzen, um die Golfstaaten gefügig zu machen.Für die arabischen Erdölmonarchien ist es eine Zwickmühle. Das Regime in Teheran wirkt für sie nun noch bedrohlicher als vor dem Krieg. Dies könnte ein Anreiz sein, um die Sicherheitspartnerschaft mit Amerika gar noch zu verstärken. Gleichzeitig sind ihre Zweifel an der Verlässlichkeit und den militärischen Fähigkeiten der amerikanischen Schutzmacht gewachsen. Trump nahm ihre Bedenken zunächst nicht ernst und zog mit Israel in die Schlacht gegen Iran. Die Golfstaaten mussten in der Not die Technologie für eine effiziente Drohnenabwehr in der Ukraine einkaufen.Erst am Ende hörte der amerikanische Präsident auf die Golfstaaten, enttäuschte damit aber Israel. Washington verfehlte nicht nur die Kriegsziele in Iran, sondern verärgerte und verunsicherte auch viele Verbündete. Das Verhältnis zum israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu scheint zerrüttet zu sein. Trump bezeichnete ihn jüngst als «völlig verrückt», als «sehr schwierigen Kerl» und als Person «ohne Urteilsvermögen». Das unerfreuliche Resultat der Gewalteskalation im Nahen Osten kann aber auch eine Chance für ein Umdenken sein. Trump liess sich ohne klare Strategie von viel Wunschdenken in den Krieg treiben. Nun hat ihn die Realität eingeholt.Fokus auf den PalästinakonfliktUnter Netanyahus Führung hat sich Israel mehr und mehr von der Idee einer Zweistaatenlösung verabschiedet. Der israelische Ministerpräsident gab sich stets überzeugt, den gewaltsamen Widerstand der Palästinenser und ihrer Verbündeten mit Mauern, Besetzung und Besiedlung langfristig unter Kontrolle halten zu können. Die Risiken dieses endlosen Kriegs gegen die Palästinenser und die iranische «Achse des Widerstands» erachtet Netanyahu als geringer für Israel denn die Existenz eines womöglich feindlich gesinnten palästinensischen Staats. Nun sah er im Krieg gegen Iran die Möglichkeit, mithilfe der USA den grössten Unterstützer des bewaffneten palästinensischen Widerstands zu eliminieren. Er hoffte zudem, nach dem Sturz des iranischen Regimes die israelischen Beziehungen mit weiteren arabischen Staaten, insbesondere mit Saudiarabien, normalisieren zu können.Doch Netanyahu und Trump scheiterten mit diesem Vorhaben. Washington sollte aus dieser Niederlage eine fundamentale strategische Lektion lernen, schrieb der israelische Iran-Experte und frühere Geheimdienstmitarbeiter Danny Citrinowicz am Mittwoch auf X: «Der Weg zur regionalen Normalisierung führt durch Ramallah (den Sitz der Palästinenserbehörde), nicht durch Teheran.» Das iranische Regime habe die Sache der Palästinenser lange ausgenutzt, um sich überall im Nahen Osten einzumischen und die Legitimität arabischer Regierungen zu unterminieren. Echter politischer Fortschritt zwischen Israeli und Palästinensern würde Iran daran hindern, das Problem zu instrumentalisieren, schreibt Citrinowicz. Ein Frieden im Heiligen Land würde eine umfassende Normalisierung mit Saudiarabien ermöglichen und eine starke israelisch-arabische Allianz gegen Iran erlauben. «Umgekehrt dient Israel den Interessen Irans und der sogenannten Achse des Widerstands, wenn es eine Lösung der Palästinafrage vermeidet.»Die Realisierung einer Zweistaatenlösung ist ein sehr schwieriges Unterfangen. Zumal sie heute von einer Mehrheit der israelischen Bevölkerung abgelehnt wird. Auch Trump und die Republikaner müssten einen Kurswechsel vollziehen und in dieser Sache die israelischen Verbündeten unter Druck setzen. Sollte eine politische Versöhnung zwischen Israeli und Palästinensern gelingen, würde dies dem iranischen Regime den letzten Rest seiner Legitimität nehmen. Gleichzeitig könnte Israel damit auch wieder an politischem Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung gewinnen. Auch die jüngere Generation der republikanischen Wähler in den USA steht Israel zunehmend skeptisch gegenüber. Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance gilt als Vertreter dieser nächsten Generation. In einem Interview mit der «New York Times» erklärte er am Donnerstag mit Blick auf Israel: «Ihr seid ein Land mit neun Millionen Einwohnern. Ihr könnt nicht jedes nationale Sicherheitsproblem mit Gewalt lösen.»Die Alternative ist der bisherige Weg: praktisch ein permanenter, kostspieliger Kriegszustand. Wobei Israel nicht damit rechnen kann, dass die USA diesen in Zukunft weiterhin bedingungslos mittragen werden. Besonders wenn die Demokraten in Washington bald an die Macht zurückkehren sollten.Passend zum Artikel