GastkommentarEdward LuttwakDarum haben die Amerikaner im Krieg gegen den Iran den Kürzeren gezogenDie Vereinigten Staaten hätten einen anderen Ausgang des Konflikts am Persischen Golf in der Hand gehabt. In die Quere kamen ihnen Entwicklungen, bei denen es kaum ein Zurück gibt.25.06.2026, 05.25 Uhr6 Leseminuten7. März 2026: Präsident Donald Trump nimmt mit Vizepräsident J. D. Vance und Verteidigungsminister Pete Hegseth den Sarg eines in Kuwait gefallenen US-Soldaten entgegen. Dover Air Force Base, DelawareMark Schiefelbein / APBefürworter wie Gegner von Trumps Iran-«Deal» – von einem eigentlichen Abkommen kann kaum die Rede sein – haben etwas gemeinsam. Beide sind bemüht, den eigentlichen Grund für den Ausgang des anderenfalls wohl letzten Krieges zwischen den USA und Iran zu verschweigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als am 28. Februar 2026 der jüngste, aber nun kaum letzte Waffengang anhob, waren die ersten Opfer keine Zivilisten. Es traf Irans Herrscher und Henker, Ali Khamenei; den Generalstabschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Abdolrahim Mousavi; den Verteidigungsminister, Aziz Nasirzadeh; den Leiter der militärischen Forschungsabteilung, Hossein Jabal Amelian; den Geheimdienstminister Ismail Khatib; einige andere Beamte; und den Privatbürger Mojtaba Khamenei.Mojtaba ist der Sohn und Nachfolger von Ali Khamenei. Für das Amt des Obersten Führers fehlen ihm indes die eigentlich nötigen Qualifikationen, sowieso ist die Position explizit nicht erblich. Seit dem Bombenanschlag fehlt jede Spur von Mojtaba Khamenei, und falls er noch lebt, dürfte er schwer verwundet worden sein.Irans Reaktion auf den Enthauptungsschlag war der Abschuss ballistischer Raketen – nicht nur gegen Israel und amerikanische Stützpunkte in der Region. Die Angriffe richteten sich auch gegen Anrainerstaaten. Von den fast 1500 Raketen, die von Ende Februar bis Mitte April abgefeuert wurden, zielten etwa 650 auf Israel. Um 560 schlugen auf dem Gebiet der Emirate ein, die Irans angeschlagene Wirtschaft seit längerem unterstützen. 215 griffen Katar an, das sein riesiges Erdgasfeld mit Iran teilt und Iran nie angegriffen hat. Und 135 waren gegen Saudiarabien gerichtet, trotz dessen Neutralität.Alles für die Revolution, nichts fürs VolkIrans primitive Raketen waren zwar deutlich weniger verheerend als die deutschen V2 aus dem Jahr 1944, von denen etwas mehr als dreitausend Geschosse über siebentausend Menschen in England und Belgien (Antwerpen) töteten. Mit den 650 auf Israel gerichteten Geschossen erreichte Iran die Beschädigung vieler Gebäude und den Tod von 27 Zivilisten und eines Soldaten im Heimaturlaub. Im ganzen Land wurden allerdings 3000 Menschen verletzt, manche von ihnen schwer. Die iranischen Modelle verursachen aufgrund ihrer enormen Masse selbst ohne Detonation der Sprengköpfe auf dem Boden beträchtliche Sachschäden. Die neuere und grössere Khorramshahr-Rakete wiegt fast 20 Tonnen und kann Sprengköpfe mit einem Gesamtgewicht von bis zu 1500 kg tragen.Im Gegensatz dazu setzten die USA und Israel auf Genauigkeit. Mit Präzisionsmunition zerstörten sie unterirdische Raketenfabriken, Abschussrampen, Treibstofflager und -Verarbeitungsanlagen. Die in den Boden eingelassene Rüstungsindustrie wurde über Jahre mit enormem Aufwand gebaut. Die Mittel stammten grösstenteils aus Töpfen, die eigentlich die Wasserversorgung, die landesweite Stromproduktion und Gaslieferungen in die Städte hätten finanzieren sollen. Sogar der iranische Präsident Masud Pezeshkian, warnte 2025 davor, Teheran drohe aufgrund der Wasserknappheit die Evakuation.Keine Rettung durch BodentruppenKurz, am Vorabend des Krieges stand das Regime am Rand des Zusammenbruchs. Es wurde aber von diesem Schicksal gerettet – durch die Art und Weise, wie der Krieg geführt – und nicht geführt – wurde. Der Enthauptungsschlag zu Beginn ermöglichte es überlebenden Offizieren der Revolutionswächter, die Macht zu übernehmen. Ähnlich wie die SS nach Hitlers Tod in Berlin brachte sie jeden um, der sich ergeben wollte. Nur, dass diesmal nicht feindliche Truppen anrückten und bald in der Hauptstadt standen.Ein solcher Marsch auf Teheran wäre tatsächlich eine «mission impossible», allein schon aufgrund der Geografie. Kein vernünftiger Beobachter zog je einen Vorstoss über 1300 Kilometer Wüste und Gebirge von Bandar Abbas am Persischen Golf nach Teheran mit seinen 13 Millionen Einwohnern in Erwägung. Wenn auch nur 10 Prozent der Iraner – Leute auf der Lohnliste der Sicherheitskräfte – Widerstand leisteten, wäre ein langer Guerillakrieg im urbanen Raum unausweichlich.Niemand hat je einen solchen Invasionsplan vorgeschlagen. Es gab daher auch es keinerlei Rechtfertigung für die Hysterie um einen «Einsatz von Bodentruppen», die unter Isolationisten und Mitarbeitern des Vizepräsidenten J. D. Vance um sich zu greifen schien. Allerdings haben die Früchte der Einbildung sehr reale Konsequenzen: Sie prägen den Ausgang des Krieges.Um zu verstehen, wie die Angst vor einem Ereignis, das sich niemals zutragen würde, zu einer veritablen Niederlage führte, muss man auf Truppenbewegungen kurz vor Beginn des 28. Februar zurückblicken. Das erscheint schon lange her. Wer damals im Weissen Haus vorgeschlagen hätte, dass Präsident Trump sich in ein paar Monaten mit den Revolutionswächtern einigen wollen würde, hätte nur Spott geerntet. Damals wurden rund 3000 Fallschirmjäger der 82. Luftlandedivision in die Region entsandt. Sie schlossen sich den 5000 Marines an, die bereits dort stationiert waren.Keine billigen Siege erlaubenDiese Truppenkonzentration wäre mehr als ausreichend gewesen, um der völlig vorhersehbaren – und vorhergesagten – Reaktion der Revolutionswächter entgegenzuwirken. Diese bestand bekanntlich darin, den schmalen Seeweg abzuschnüren und damit die Durchfahrt von Tankern und Frachtern zu unterbinden, mit denen Irak, Kuwait und Katar ihr Rohöl, Erdgas und Düngemittel exportieren.Saudiarabien kann die Hälfte seines Öls per Pipeline ins Rote Meer transportieren, die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über eine Leitung an der Strasse von Hormuz vorbei zum Indischen Ozean.Tatsächlich waren die iranischen Kriegsschiffe, Motorboote oder U-Boote keine Gefahr. Schon kurz nach Beginn des Krieges waren sie ausgeschaltet. Dennoch konnte Iran die freie Durchfahrt gefährden – durch Seeminen und Angriffe mittels Panzerabwehrraketen. Das ist genug, um Versicherungsgesellschaften zu verschrecken – und es blieben die Lieferungen an die Weltwirtschaft aus.Hier hätten die Luftlandetruppen und Marines ihre Stärken voll ausspielen können. Mit der Unterstützung von (mehr als genug vorhandenen) Kampfhelikoptern hätten sie stunden- oder tagelang Stellungen beziehen können. Unbewohnte Inseln im Persischen Golf und verlassene Küstenabschnitte hätten besetzt werden können. Damit hätten sich, zusammen mit der taktischen Luftunterstützung, die nahe gelegenen Schifffahrtswege und die eigenen Positionen sichern lassen. Die Gegenseite wäre nicht in der Lage gewesen, dem etwas entgegenzusetzen.Durch einen solchen Einsatz hätten die Vereinigten Staaten jegliche Öllieferung vom iranischen Ölterminal auf der Insel Kharg und von kleineren Terminals im Indischen Ozean unterbunden. Der Grossteil der iranischen Ölexporterlöse wäre abgeschnitten worden. Gleichzeitig hätten diese Boden- und Luftstreitkräfte die Beeinträchtigung des Schiffsverkehrs auf ein Minimum reduzieren und somit die Auswirkungen des Krieges auf die globalen Rohstoffmärkte abmildern können.Israelische Opfer, amerikanische AngstIsraels Premierminister Netanyahu hatte lediglich um garantierte Nachlieferungen von Luftabwehrraketen gebeten für den Abwehrschirm über dem Land. Bibi war überrascht und erfreut über Trumps Entscheidung, sich dem Angriff anzuschliessen und das Kommando zu übernehmen. Er dachte nicht daran, dass er damit möglicherweise ein Bündnis mit einer in gewisser Weise schwächeren Macht eingehen könnte – die ihn im Stich lassen würde.Vom 7. Oktober 2023 bis zum 28. Februar 2026 waren insgesamt 1150 israelische Soldaten und Sicherheitskräfte getötet worden. Im Verhältnis zur Bevölkerung wären das fast 40 000 US-Soldaten. Netanyahu, der schon vor dem Krieg im eigenen Land sehr unbeliebt war, zeigte sich politisch unbeeindruckt von den Verlusten. Doch tausend Gefallene – geschweige denn eine fünfstellige Summe – hätten Trumps Präsidentschaft rasch beendet.Anders ausgedrückt: Netanyahus Fokus auf den direkten Austausch mit Trump, unter Ausschluss des eigenen Aussenministeriums und des Geheimdienstes, machte ihn blind für einen tiefgreifenden Wandel, der die Vereinigten Staaten erfasst hat.Auch Amerika ist heute ein postheroisches Land. Die USA zeigen heute keine höhere Bereitschaft mehr, in den Krieg zu ziehen, als ihre europäischen Nato-Verbündeten.Gegenüber dem politischen und kulturellen Wandel ist selbst eine starke Führung machtlos. Er ist die unausweichliche Folge des Rückgangs der Geburtenrate auf 1,6 Kinder pro Frau. Nur noch sehr wenige amerikanische Familien haben zwei oder mehr Kinder. Fällt ein Sohn im Krieg, bedeutet das häufig das Ende einer Familie. Fast jeder US-Soldat ist heute ein «Private Ryan».Ein Militär mit BeisshemmungDas bildet den Hintergrund dafür, dass die vernünftige Ablehnung von Kriegen mit unrealistischen Zielen in einer regelrechte «Bodentruppen-Psychose» geendet hat. Selbst im Weissen Haus werden inzwischen kleinere, begrenzte Kommandoaktionen mit einem endlosen Krieg gleichgesetzt. Das schaltet die enorme Stärke der US-Luftstreitkräfte praktisch aus – so dass Revolutionswächter mit sehr wenigen Kämpfern und ein paar Booten gewinnen können.Dieser Krieg, der von einem wankelmütigen Präsidenten geführt wurde, hat nicht nur dazu geführt, dass Amerikas schlimmste Feinde trotz primitiver Raketentechnik, ungeschickten Militäroperationen und einer völlig desaströsen nationalen Politik als Sieger hervorgegangen sind.Er hat die Schlagkraft der Vereinigten Staaten auf europäisches Niveau gesenkt. Truppen, die selbst für wichtige Ziele nie eingesetzt werden, sind von geringem Wert.Der Amerikaner Edward Luttwak, geboren 1942 im rumänischen Arad, ist Militärstratege, Politikwissenschafter und Historiker. Das Original dieses Beitrags erschien im britischen Online-Magazin «Unherd».Passend zum Artikel