Das elektronische Patientendossier ist tot. Trotzdem müssen Spitäler und Heime dafür jedes Jahr Millionen zahlenDie digitale Patientenakte wird künstlich am Leben erhalten, wahrscheinlich noch jahrelang. Doch nun üben sich die Gesundheitsinstitutionen in zivilem Ungehorsam.20.06.2026, 05.02 Uhr5 LeseminutenNur die wenigsten haben ein elektronisches Patientendossier eröffnet. Und es wird in Spitälern und Heimen kaum genutzt.Illustration Anja Lemcke / NZZWas haben die Behörden nicht alles versprochen. Schnellere Diagnosen, weniger Behandlungsfehler, den Aufbruch in die digitale Zukunft des Gesundheitswesens – das alles werde das elektronische Patientendossier (EPD) bringen. Es sollte alle wichtigen Gesundheitsdaten eines Patienten an einem Ort bündeln und von Spitälern, Heimen oder Ärzten genutzt werden können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor bald zwanzig Jahren wurde das Projekt lanciert. Doch vom einstigen Enthusiasmus ist nichts übrig geblieben. In Spitälern spricht man von einem nutzlosen Datenfriedhof. Anstatt das EPD interaktiv zu nutzen, zum Beispiel um Rezepte auszustellen, kann man darin nur PDF ablegen. Es ist das digitale Pendant zum Bundesordner.So klein der Zuspruch bei den Institutionen ist, so klein ist er auch in der Bevölkerung. Seit 2022 können Patienten ein EPD eröffnen, nicht einmal 140 000 Personen in der Schweiz haben das bisher getan – das sind rund 1,5 Prozent der Bevölkerung.Dass man bei diesem Projekt nicht mehr weiterwursteln kann wie seit Jahren, hat man auch beim Bund eingesehen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat letzten November bekanntgegeben, dass es eine «grundlegende Neuausrichtung» brauche und die alte Lösung durch eine neue abgelöst werden solle: das elektronische Gesundheitsdossier.Das bedeutet, dass mit der Entwicklung des alten EPD Millionen von Franken in den Sand gesetzt wurden. Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte. Die absurde Pointe ist, dass Spitäler und Heime weiterhin jedes Jahr Millionen in dieses nun auch von offizieller Seite als gescheitert deklarierte Projekt investieren müssen. Und das in einer Zeit, in der Politiker landauf, landab die hohen Gesundheitskosten kritisieren.Im Kanton Zürich proben die Gesundheitsinstitutionen nun den Aufstand, und auch die Zürcher Gesundheitsdirektion hat kürzlich scharfe Kritik in Richtung Bund geschickt.40 000 Franken pro PatientDass die Spitäler und Heime weiterhin Geld bezahlen müssen, hat mit Bundesvorgaben zu tun. Die Institutionen sind verpflichtet, sich einer sogenannten Stammgemeinschaft anzuschliessen. Diese stellt die technische Plattform für das EPD bereit, der Anschluss daran ist nicht ganz billig.Ein mittelgrosses Spital wie jenes in Uster zum Beispiel bezahlt jedes Jahr 80 000 Franken für die Anschlussgebühren, hinzu kommt der interne Aufwand für den Betrieb des Systems.Dem steht ein verschwindend kleiner Nutzen gegenüber. Seit der Einführung im Jahr 2020 haben bei ihnen im Spital nur gerade ein Dutzend Patienten das EPD genutzt, sagt der CEO Martin Werthmüller. «Rechnen Sie sich einmal aus, was das pro Patient kostet.» Es sind etwa 40 000 Franken pro Patient.Und auch bei diesen Patienten bringt das Patientendossier wenig. Das liegt nicht nur an den technischen Limitierungen des Systems, sondern auch daran, dass sie nur einen Teil ihrer Daten in ihr Dossier hochladen. «Am Ende hat man dann doch keinen Überblick über die Gesundheitsdaten des Patienten», sagt Werthmüller.Er beurteilt digitale Lösungen nicht grundsätzlich negativ. «Wenn man es richtig machen würde, dann würden sowohl Patienten als auch Spitäler profitieren.» Zum Beispiel, wenn ein Patient bewusstlos im Notfall eingeliefert wird und die Ärzte mit einem Blick in die elektronische Akte feststellen könnten, welche Erkrankungen oder Allergien der Patient hat oder welche Medikamente er nimmt.Zugleich könnte im Gesundheitswesen Geld gespart werden. Heute müssten viele Untersuche doppelt gemacht werden, sagt Werthmüller, weil der Zugriff auf die Daten fehle. Er hofft deshalb darauf, dass der Bund im zweiten Anlauf eine bessere Lösung vorlegt. «Länder wie Dänemark zeigen, wie es geht.»Gemäss dem Verband der Zürcher Krankenhäuser kostet das EPD die Spitäler im Kanton pro Jahr insgesamt 2 Millionen Franken. Nicht nur sie müssen das Patientendossier anbieten, sondern auch die Alters- und Pflegeheime. Bei diesen belaufen sich die Gesamtkosten im Kanton Zürich auf rund eine Million Franken.Was das im Alltag bedeutet, weiss Markus Schaaf, der Geschäftsführer des Zentrums Rämismühle im Tösstal. Die Einführung sei sehr aufwendig gewesen: Mitarbeitende hätten geschult und die IT-Infrastruktur angepasst werden müssen. Zudem betrügen die jährlichen Betriebskosten 6500 Franken. Und das alles für nichts: «Seit der Einführung haben wir das EPD kein einziges Mal gebraucht – kein einziges Mal!» Der Austausch mit Ärzten, Spitälern und Apotheken funktioniere weiterhin über die etablierten Kanäle. Weder ihre Partner noch ihre Bewohner hätten je den Wunsch geäussert, das EPD zu nutzen.Das elektronische Patientendossier nennt Schaaf deshalb «ein Paradebeispiel für gut gemeinte, aber realitätsferne Digitalisierung – teuer im Aufbau, aufwendig im Betrieb und wirkungslos im Alltag». Er könne nur schwer nachvollziehen, warum dieses System verpflichtend betrieben werden müsse.Kanton wird Pflicht vielleicht bald nicht mehr durchsetzenSchaaf ist nicht nur Leiter eines Alterszentrums, sondern auch Kantonsrat der EVP. In dieser Funktion hat er vor einigen Monaten eine kritische Anfrage beim Zürcher Regierungsrat eingereicht. Er wollte unter anderem wissen, wie es mit der Anschlusspflicht weitergehen soll.Inzwischen liegt die Antwort vor. Die Zürcher Gesundheitsdirektion zeigt darin Verständnis für die Kritik von Spitälern und Heimen. Das EPD sei umständlich in der Handhabung und bringe nur einen geringen Mehrwert im Alltag. Dass sich diese Situation verbessere, sei nicht zu erwarten, da das alte durch ein neues System abgelöst werden soll – allerdings frühestens 2030. «Während dieser jahrelangen Übergangsphase wird das bestehende EPD nicht gefördert oder verbessert.»Der Regierungsrat könne nachvollziehen, dass die Anschlussgebühren «zunehmend auf Vorbehalte stossen». Der Gesundheitsdirektion seien aber die Hände gebunden. Die Anschlusspflicht sei eine Vorgabe des Bundesrechts. Die Gesundheitsdirektion appelliert aber an die Stammgemeinschaften, «ihre Gebührenstruktur zu überdenken und den Leistungserbringern entgegenzukommen». Zudem müsse der Bundesrat rasch Klarheit schaffen betreffend die Anschlusspflicht.Das BAG schreibt auf Anfrage der NZZ, dass die Anschlusspflicht nur durch einen Parlamentsentscheid aufgehoben werden könne. Beim BAG ist man aber der Ansicht, dass die Pflicht wichtig bleibt. Der praktische Nutzen des elektronischen Patientendossiers sei nur gegeben, wenn möglichst viele Spitäler und weitere Leistungserbringer das EPD anböten. Zudem könnten die Daten sowie auch die technischen Schnittstellen für das künftige elektronische Gesundheitsdossier genutzt werden.Der Kanton Zürich hingegen erwartet vom Bund «substanzielle Fortschritte», wie er in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage schreibt. Anfang 2027 werde die Gesundheitsdirektion die Situation erneut beurteilen. Blieben die Fortschritte aus, werde sie «die kantonale Durchsetzung der Anschlusspflicht evaluieren». Eine kaum verhohlene Drohung, künftig darauf zu verzichten. Auf Anfrage der NZZ schreibt die Gesundheitsdirektion, es lasse sich «eine weitere Durchsetzung der Anschlusspflicht aus unserer Sicht nicht mehr über längere Zeit mit gutem Gewissen rechtfertigen».Heime beginnen damit, ihre Verträge zu kündigenDen Heimen gibt die Gesundheitsdirektion sogar noch einen deutlichen Wink: Sie verzichte bei diesen schon heute «bewusst auf Kontrollen».Die Heime scheinen den Hinweis verstanden zu haben. Das geht aus einem Schreiben des Verbands Artiset an dessen Mitglieder hervor. Darin heisst es, einige Heime würden ihre Verträge auf Ende Jahr kündigen und die neue Situationsbeurteilung der Gesundheitsdirektion abwarten.Auch bei den Spitälern sind Vertragskündigungen inzwischen ein Thema, wie der Verband der Zürcher Krankenhäuser bestätigt.Beim Spital Uster will man sich dazu nicht explizit äussern. Die Verwaltungsratspräsidentin Sacha Geier sagt aber, man befinde sich mit der eigenen Stammgemeinschaft, der Post Sanela Health AG, in Gesprächen. Man wolle bereit sein für den Fall, dass die Gesundheitsdirektion ab kommendem Jahr darauf verzichte, die Anschlusspflicht durchzusetzen.Sowohl Behörden als auch Institutionen scheinen gewillt zu sein, Widerstand zu leisten. Wie der Bund darauf reagieren wird, ist unklar. Auf eine entsprechende Frage gab das BAG keine Antwort.Passend zum Artikel
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