Gastkommentarvon Fridolin MartyDas elektronische Patientendossier ist am Ende. Zeit für einen Neuanfang – mit einem tauglichen FundamentDer Rückzug der Post aus dem elektronischen Patientendossier ist nicht das Ende der Digitalisierung. Er zeigt nur, dass man vor dem Dach das Fundament bauen muss: den gemeinsamen Gesundheitsdatenraum.12.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDas elektronische Patientendossier sollte die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens vorantreiben. Es versprach mehr Transparenz für Patientinnen und Patienten, einen einfacheren Datenaustausch zwischen Leistungserbringern sowie weniger Bürokratie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast zehn Jahre später bleibt von diesem Anspruch wenig übrig. Die Nutzung stagniert, die praktischen Vorteile sind begrenzt, und durch den jüngst bekanntgewordenen Rückzug der Post gerät das Projekt zusätzlich unter Druck. Das Problem war jedoch nie der Mangel an Willen. Es fehlte von Anfang an das Fundament: klare Verantwortlichkeiten, verbindliche Standards, tragfähige Finanzierungsmodelle und konsequente Anreize für die Nutzung.Man hat versucht, das Dach zu bauen, bevor das Fundament stand. Genau diesen Fehler gilt es jetzt zu korrigieren.Die Ursache ist einfach erklärt: Arztpraxen, Spitäler und weitere Leistungserbringer arbeiten mit unterschiedlichen Informatiksystemen. Sie speichern Daten in verschiedenen Formaten und sprechen technisch unterschiedliche «Sprachen». Das Patientendossier sollte Informationen aus all diesen Systemen zusammenführen. Das funktioniert jedoch nur sinnvoll, wenn die zugrunde liegenden Daten gemeinsamen Standards folgen.Stellen Sie sich vor, jede Bank hätte ihr eigenes Format für Überweisungen oder jede Eisenbahn wiese eine unterschiedliche Spurbreite auf. Beides würde nicht funktionieren. Genau diesen Fehler hat die Schweiz bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gemacht: Sie hat digitale Lösungen eingeführt, ohne zuvor gemeinsame Standards zu schaffen.Deshalb braucht es den Swiss Health Data Space, den nationalen Gesundheitsdatenraum. Dahinter verbirgt sich keine zentrale Datenbank und auch kein weiteres IT-Projekt, sondern eine digitale Infrastruktur mit gemeinsamen Standards und sicheren Schnittstellen. So können unterschiedliche Systeme zuverlässig miteinander kommunizieren.Eine solche Infrastruktur ist kein Selbstzweck. Ihr Wert entsteht erst, wenn alle Akteure im Gesundheitswesen darauf aufbauen. Gesundheitsdaten müssen dort verfügbar sein, wo sie für die Behandlung, die Forschung und die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems benötigt werden – selbstverständlich nur mit Zustimmung der Patientinnen und Patienten und unter Einhaltung hoher Datenschutzstandards. Erst wenn Daten sicher, strukturiert und interoperabel genutzt werden können, entfalten sie ihren Nutzen.Dann profitieren alle Beteiligten. Die Fachpersonen im Gesundheitswesen gewinnen Zeit, Doppeluntersuchungen lassen sich vermeiden, Wechselwirkungen zwischen Medikamenten werden früher erkannt und Behandlungen sicherer gestaltet. Gleichzeitig erhalten Patientinnen und Patienten endlich einen Überblick über ihre Gesundheitsdaten und können informierter mitentscheiden.Auch volkswirtschaftlich steht dabei viel auf dem Spiel. Die Schweiz zählt zu den weltweit führenden Standorten für die Bereiche Medizintechnik, Pharma und Life-Sciences. Gleichzeitig nimmt die Zahl klinischer Studien seit Jahren ab. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der erschwerte Zugang zu qualitativ hochwertigen und standardisiert nutzbaren Gesundheitsdaten. Sie sind die Grundlage für klinische Forschung, personalisierte Medizin, datenbasierte Prävention und Anwendungen der künstlichen Intelligenz. Ohne eine leistungsfähige Dateninfrastruktur verliert die Schweiz an Innovationskraft und internationaler Wettbewerbsfähigkeit.Dabei geht es nicht um einen Gegensatz zwischen Staat und Privatwirtschaft. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens braucht sowohl einen Staat, der verlässliche Rahmenbedingungen schafft, als auch private Akteure, die Innovationen entwickeln. Die Aufgabe des Staates besteht darin, Standards, digitale Identitäten, Datenschutz und Interoperabilität sicherzustellen, jedoch nicht darin, selbst als Marktakteur aufzutreten. Auf dieser Grundlage können Unternehmen, Softwareanbieter, Krankenhäuser und Forschungseinrichtungen im Wettbewerb die besten Lösungen für Patientinnen und Patienten entwickeln.Die Erfahrung mit dem elektronischen Patientendossier zeigt eindeutig, dass die Schweiz keine weiteren Einzellösungen, sondern eine gemeinsame digitale Infrastruktur braucht. Nun ist der Bund gefragt, dieses Fundament gemeinsam mit privaten und öffentlichen Akteuren zu schaffen. Darauf können im Wettbewerb innovative Anwendungen entwickelt werden. Der Gesundheitsdatenraum ist somit kein weiteres Digitalisierungsprojekt, sondern die Voraussetzung dafür, dass medizinische Spitzenleistungen künftig auch digital möglich werden.Fridolin Marty, 56, leitet seit 2008 das Dossier Gesundheitspolitik bei Economiesuisse, dem Dachverband der Wirtschaft, und ist Vorstandsmitglied der Allianz Digitale Transformation im Gesundheitswesen. Zudem war er fünf Jahre lang als Vertreter der Krankenversicherer Mitglied der Eidgenössischen Arzneimittelkommission (EAK).Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Das elektronische Patientendossier: Zeit für einen Neustart mit tauglichem Fundament
Der Rückzug der Post aus dem elektronischen Patientendossier ist nicht das Ende der Digitalisierung. Er zeigt nur, dass man vor dem Dach das Fundament bauen muss: den gemeinsamen Gesundheitsdatenraum.










