KommentarDas elektronische Patientendossier ist tot. Spitäler dürfen nicht länger verpflichtet werden, Millionen dafür zu zahlenDie Entwicklung der digitalen Patientenakte hat in einer surrealen Sackgasse geendet. Der Bund muss es beim zweiten Anlauf besser machen. Andere Länder zeigen, wie es geht.02.07.2026, 05.00 Uhr3 LeseminutenFehlmedikationen könnten mit einem elektronischen Patientendossier verhindert werden – wenn es denn funktionieren würde.NZZFast 20 Jahre Arbeit, Millioneninvestitionen und das Ergebnis: ein riesiger Murks. Das ist die Geschichte des elektronischen Patientendossiers in der Schweiz. Und diese Geschichte hat zuletzt zwei Wendungen erhalten, die die Sache vollends zur absurden Komödie werden lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eigentlich hatten sich die Behörden den Aufbruch in die digitale Zukunft versprochen. Das elektronische Patientendossier (EPD) sollte alle wichtigen Gesundheitsdaten eines Patienten an einem Ort bündeln und von Spitälern, Heimen oder Ärzten genutzt werden können. Es sollte damit zum Dreh- und Angelpunkt in der medizinischen Versorgungskette werden, schnellere Diagnosen erlauben und Behandlungsfehler eliminieren.All das wäre auch möglich gewesen. Doch die Realität ist eine andere. Das EPD wird kaum genutzt. Seit 2022 können Patienten das Dossier eröffnen, nicht einmal 140 000 Personen haben das bisher getan – das sind gerade einmal 1,5 Prozent der Bevölkerung. Das liegt nicht nur daran, dass es für die Nutzer unendlich kompliziert ist, ein EPD anzulegen. Sondern vor allem auch daran, dass dessen Nutzen verschwindend klein ist.In Spitälern spricht man despektierlich von einem Datenfriedhof. Denn statt dass dieses Dossier interaktiv genutzt werden kann, dient es lediglich als digitale Ablage für PDF-Dokumente. Viele der Daten sind nicht maschinenlesbar, man kann also nicht einmal gezielt nach Stichworten in den Dokumenten suchen, geschweige denn, dass man damit praktische Dinge erledigen könnte, wie beispielsweise dem Patienten ein elektronisches Rezept für Medikamente auszustellen.Demgegenüber stehen die hohen Kosten. Allein im Kanton Zürich zahlen Spitäler und Pflegeheime über 3 Millionen Franken pro Jahr, damit sie sich einer sogenannten Stammgemeinschaft anschliessen können, welche die technische Plattform für das EPD bereitstellt.Der Bund hat inzwischen eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann, und hat im November angekündigt, dass das alte System durch ein neues ersetzt werden soll – allerdings frühestens 2030.Das Absurde ist aber, dass das EPD bis dahin in seiner heutigen Form weiterbetrieben werden soll und die Gesundheitsinstitutionen auch weiterhin bundesrechtlich verpflichtet sind, sich einer Stammgesellschaft anzuschliessen. Oder anders ausgedrückt: Der Bundesrat erklärt ein Projekt für tot, verlangt von Spitälern aber, noch auf Jahre hinaus Millionen dafür auszugeben.Kein Wunder, hat sich inzwischen Widerstand formiert. Die Zürcher Gesundheitsdirektion unter der Führung von Natalie Rickli (SVP) kritisierte die Situation kürzlich zu Recht scharf. Inzwischen sagt sie gar, man werde die Einhaltung der Anschlusspflicht nicht mehr kontrollieren. Gleichzeitig haben Heime und Spitäler damit begonnen, ihre Verträge mit den Stammgemeinschaften zu kündigen.Und das führte nun zur zweiten Wende. Die grösste Stammgemeinschaft, die Post Sanela Health AG, hat letzte Woche angekündigt, dem EPD den Stecker zu ziehen. Auf Ende Jahr sei Schluss. Damit verlieren auch Spitäler, die sich gesetzeskonform verhalten haben, nun ihren Anschlussvertrag.Es ist eine groteske Pointe: Während der Bund die Anschlusspflicht weiterhin wichtig findet, entscheidet die Tochtergesellschaft eines Staatsbetriebs, die Sache aufzugeben.Der Bund muss nun Klarheit schaffen. Die Anschlusspflicht ist unhaltbar geworden und gehört aufgehoben. Vor allem aber muss er mit Nachdruck daran arbeiten, dass sich das Debakel beim Nachfolgeprojekt nicht wiederholt. Dazu müssen dringend einheitliche technische Standards geschaffen werden – an dieser Grundlage fehlt es noch immer. In Dänemark hat man damit schon vor über 30 Jahren begonnen. Und hat heute ein System, das funktioniert, nützlich und sicher ist und darum von fast der ganzen Bevölkerung genutzt wird. Das sollte in der Schweiz eigentlich auch möglich sein.Passend zum Artikel