Interview«Ich bin sozusagen das Eichmass der Mitte», sagt der Publizist Ulf PoschardtIn seinem neuen Buch greift der Springer-Journalist sein eigenes Milieu an. Liberalen und Konservativen wirft er vor, sich dem Zeitgeist zu beugen, statt für ihre Überzeugungen zu kämpfen.20.06.2026, 04.30 Uhr6 LeseminutenEr selbst verortet sich in der politischen Mitte – andere sehen in ihm einen rechten Contrarian: der ehemalige «Welt»-Chefredaktor Ulf Poschardt.Marlene Gawrisch / WeltDas Gespräch zwischen dem Publizisten Ulf Poschardt und Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin, ist ein Auszug aus dem Deutschland-Podcast «Machtspiel» von der NZZ und der Brost-Stiftung. Das vollständige Interview finden Sie hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was ist ein Bückbürger, Ulf Poschardt?AutorBeatrice AchterbergSind Sie mit dem Ferrari gekommen oder mit dem E-Scooter?Normalerweise fahre ich in Berlin E-Scooter. Heute Morgen bin ich aufgewacht und war noch völlig euphorisiert von den ersten Besprechungen meines neuen Buches. Ich hatte gut geschlafen, mir einen Kaffee mit der Siebträgermaschine gemacht und dachte: Der heutige Tag schreit danach, etwas Schwachsinniges zu machen. Also bin ich mit einem Ferrari, der eigentlich für die Rennstrecke gebaut wurde, durch die Berliner Verkehrshölle gefahren. Zu Ehren der NZZ mit dem Italiener.Warum ist Bundeskanzler Friedrich Merz für Sie ein Bückbürger?Wir sitzen hier vor einem Bild von Konrad Adenauer mit einer Ausgabe der «Neuen Zürcher Zeitung» in der Hand. Das passt ganz gut zu meinem Buch «Bückbürgertum». Darin erzähle ich die Kulturgeschichte der verlorenen Kulturkämpfe der Bürgerlichen.Ich habe das Buch geschrieben, nachdem ich mit «Shitbürgertum» eher aus Versehen einen Bestseller gelandet hatte. Dort ging es um die kulturelle Dominanz eines linken Milieus, die seit der Gruppe 47 aufgebaut wurde und irgendwann so stark geworden war, dass sie praktisch unangreifbar erschien.Nach dem Erfolg des Buches kamen viele Menschen zu mir und sagten: «Endlich spricht es mal jemand aus.» Und ich habe mich gefragt: Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit gemacht? Die Antworten waren oft nachvollziehbar: Man hat ein Unternehmen gegründet, Kinder grossgezogen oder Karriere gemacht. Alles legitim. Aber mir wurde klar, dass das Problem nicht nur das Shitbürgertum war. Das Bürgertum selbst hat sich oft gefügt.Und Friedrich Merz?Ich liebe den alten Friedrich Merz. Den Bierdeckel-Merz. Den wirtschaftsliberalen Oppositionspolitiker.Den Mann mit der Steuererklärung auf dem Bierdeckel.Genau. Ich glaube sogar, dass Friedrich Merz mich heute nicht mehr besonders mag, weil ich ihn an das erinnere, wofür er einmal stand.Wenn man nachschaut, welcher Journalist ihn seit 2005 gegen Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU-Politikerin, die als Merkels Nachfolgerin gehandelt wurde, Anm. d. Red.) und viele andere immer wieder verteidigt hat, dann bin ich ziemlich weit vorne. Aber Journalismus bedeutet für mich Unabhängigkeit. Wenn jemand etwas anderes macht als das, was er angekündigt hat, kritisiere ich ihn. Egal, ob Friedrich Merz, Ricarda Lang oder Heidi Reichinnek.Was macht ihn konkret zum Bückbürger? Sie stellen ihn in Ihrem Buch in eine Reihe mit seiner Erzrivalin, der ehemaligen deutschen Kanzlerin Angela Merkel.Er ist gewissermassen Angela Merkel – nur länger, sauerländischer und männlich. Entscheidend ist: Er hat praktisch nichts von dem umgesetzt, was er im Wahlkampf versprochen hat. Ich habe ihn gewählt, weil ich auf den alten Friedrich Merz gehofft habe. Auf jemanden, der das macht, was Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 gemacht hat: Reformen, Wachstum, wirtschaftliche Dynamik.Stattdessen werden Reformen verschleppt. Erst hiess es, man werde den Wandel schon im Sommer spüren. Dann sollte es der Reformherbst werden. Danach das Reformfrühjahr. Jetzt ist Ende Juni. Ich würde jede Wette eingehen, dass wieder nichts kommt.Vor wem bückt er sich?Vor dem Zeitgeist. Und teilweise auch vor Medien, die als Verstärker dieses Zeitgeists fungieren. Wobei ich ausdrücklich sage: Es gibt in allen grossen Zeitungen unabhängige Journalisten. Die «Süddeutsche Zeitung» hat mein Buch grossartig besprochen. Es geht also nicht um Medien als solche. Es geht um Journalisten, die sich selbst mit einer politischen Mission verwechseln und glauben, sie seien die Retter der Demokratie.Das klingt nach dem klassischen Vorwurf des Haltungsjournalismus.Ich würde eher sagen: Das ist der Journalismus, der definiert, was als Mitte gelten darf. Und Friedrich Merz glaubt offenbar, dass er neue Freunde gewinnt, wenn er sich diesen Milieus annähert. Ich halte das für einen Irrtum. Diese Leute werden am Ende nicht CDU wählen. Sie werden wieder ihre eigenen Kandidaten unterstützen. Das ist die Ausrede.Dann hätte er keinen Koalitionsvertrag unterschreiben dürfen. Guido Westerwelle hat 2009 mit 14,6 Prozent das beste FDP-Ergebnis der Geschichte erzielt und sich von Angela Merkel über den Tisch ziehen lassen. Merz hätte sagen müssen: Ohne diese Reformen gibt es keinen Vertrag. Stattdessen wurde die Aufweichung der Schuldenbremse zu seiner grossen Idee, ohne dass er im Gegenzug Reformen bei Rente, Sozialstaat oder Steuern durchgesetzt hat. Wenn man schon neue Schulden macht, dann hätte man sagen müssen: Dafür reformieren wir die grossen Systeme. Stattdessen ist nichts davon passiert.Koalitionspolitik bedeutet nun einmal Kompromisse.Natürlich. Aber Politik besteht aus Verhandlungen. Man hätte sagen können: Wir haben diese Lage, wir brauchen diese Reformen, sonst gibt es die Zustimmung nicht. Stattdessen hat man der SPD praktisch das gegeben, was sie wollte, ohne selbst genügend herauszuholen. Das ist handwerklich schlecht, inhaltlich schlecht und wirtschaftspolitisch falsch.Das Einzige, was mich daran freut: Der ehemalige FDP-Chef Christian Lindner erscheint rückblickend immer mehr als Lichtgestalt der deutschen Politik. Er hat es mit zwei linken Parteien ausgehalten. Wenn Friedrich Merz mit seinem grossen Abstand zur SPD das nicht schafft und Lindner das mit 10 Prozent geschafft hat, dann sagt das einiges.Aber die Koalition mit Lindners FDP ist am Ende zerbrochen.Ja. Aber sie hat immerhin ziemlich lange gehalten. Ich bin gespannt, wie lange diese Koalition hält.Sie glauben, die Regierung hält nicht bis 2029?Nein. Keine Chance.«Ich war mit drei Jahren Kulturkämpfer.»Lassen Sie uns noch einmal über Ihr Buch sprechen. Im Vergleich zu «Shitbürgertum» wirkt «Bückbürgertum» deutlich dichter und theoretischer. Sie erzählen die Geschichte der Liberalen und Konservativen als Geschichte einer Anpassung an den Zeitgeist. Was mir aufgefallen ist: Immer wenn Sie positive Figuren beschreiben – Franz Josef Strauss, Guido Westerwelle oder andere –, dann sind das oft Figuren, die am Ende gescheitert sind.Das Interessante ist ja, dass dieses Scheitern systemisch war. Adenauer ahnt, was kommt, kann es aber nicht stoppen. Ludwig Erhard erkennt die Gefahr ebenfalls. Sein grosses Projekt hiess «Wohlstand für alle». Aber er wusste auch: Ohne ein kulturelles Fundament des Bürgerlichen wird das irgendwann nicht mehr funktionieren.Franz Josef Strauss war einer der intelligentesten Politiker der Nachkriegszeit. Das sagen sogar viele Linke. Ludwig Erhard war intellektuell brillant. Helmut Kohl hatte vielleicht nicht dieselbe intellektuelle Aura, aber enorme politische Weisheit. Guido Westerwelle hat es versucht.Alle haben erkannt, dass etwas nicht stimmt. Aber sie haben nicht verstanden, dass Lippenbekenntnisse nicht reichen. Kulturkampf beginnt mit der Erziehung der eigenen Kinder. Ich weiss das als linkes Kind. Ich war mit drei Jahren Kulturkämpfer. Mein Teddybär hiess Willy Brandt, der zweite Gustav Heinemann.Sie würden also sagen: Konservative und Liberale haben zu wenig getan?Sie haben alles ökonomisch verrechnet und nicht begriffen, dass ökonomische Freiheit ohne kulturelles Fundament nicht dauerhaft bestehen kann. Wenn sich das Shitbürgertum kulturell durchsetzt, verschwinden irgendwann auch die ökonomischen Handlungsspielräume.Wie sähe denn ein Deutschland ohne Bückbürgertum aus?Ich halte liberale Demokratien grundsätzlich für wandlungsfähig. Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen: Die Bückbürger müssten sich einfach dem richtigen Projekt unterwerfen, etwa einer radikalen wirtschaftspolitischen Wende. Aber das ist natürlich sarkastisch gemeint. Idealerweise werden sie wieder mündige Bürger.Glauben Sie wirklich daran?Ich bin selbst das beste Beispiel dafür. In dem Moment, in dem man aufhört zu denken, ist man verloren. Wenn man wieder anfängt zu denken, Positionen zu hinterfragen und Dinge neu zu bewerten, kann sich etwas verändern. Ich bin ja selbst von ganz links aussen in die Mitte gewandert.Sie sind die Mitte?Ich bin sozusagen das Eichmass der Mitte. Hier ist mein rechter Arm, rechts der Mitte. Hier ist mein linker Arm, links der Mitte. Und dazwischen bin ich.«Wer eine Staatsquote von über 50 Prozent nicht für Sozialismus hält, ist links.»Einige Journalisten, die sich ebenfalls in der Mitte verorten, würden das anders sehen.Ja, aber die sind links. Und sie wissen es auch. Das Problem ist, dass «die Mitte» zu einer Art Safe Space geworden ist. Viele nennen sich Mitte, obwohl ihre Positionen objektiv links sind. Wer beispielsweise nicht findet, dass eine Staatsquote von über 50 Prozent sozialistisch ist, der ist für mich nicht Mitte, sondern links.Was ist für Sie das grössere Problem: die Brandmauer zur AfD oder die hohe Staatsquote?Die Brandmauer halte ich nicht für schlimm, sondern für einen Fehler. Die Staatsquote dagegen ist ein Desaster. Wenn mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung über den Staat läuft, dann schränkt das die individuelle Freiheit massiv ein. Das ist ein Unfreiheitsgarant. Zu viele Steuern sind Raub. Nicht jede Steuer, aber zu viele Steuern. Und das, was wir inzwischen zugelassen haben, ist dysfunktional.Es gefährdet langfristig sogar die Akzeptanz der liberalen Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft. Deshalb sage ich ganz verfassungspatriotisch: Ich bin nicht nur die Mitte, ich stehe auch wie eine Eins zu diesem Grundgesetz.Ulf Poschardt: Bückbürgertum. Westend, 2026. 352 S., € 27.–.Passend zum Artikel
Der Springer-Journalist Ulf Poschardt rechnet mit dem eigenen Lager ab
In seinem neuen Buch greift der Springer-Journalist sein eigenes Milieu an. Liberalen und Konservativen wirft er vor, sich dem Zeitgeist zu beugen, statt für ihre Überzeugungen zu kämpfen.
Ulf Poschardt kritisiert Bundeskanzler Merz und die deutsche Elite für Kapitulation vor progressiver kultureller Dominanz statt Reformen durchzusetzen. Die politische Lähmung demonstriert europaweit, wie ideologische Schwäche der Konservativen wirtschaftliche Dynamik blockiert.








